Fastenimpuls 7: Tote begraben und Trauernde trösten

„Von außen betrachtet geht es um den Tod, von innen um intensives Leben.“ Dieser Satz, den ich vor vielen Jahren für einen Artikel formuliert habe, geht mir in diesen - von einer weltweiten Krise erschütterten Tagen - nicht mehr aus dem Sinn. Es sind Worte wie eingemeißelt in meinen Berufsalltag als Mitarbeiter und Verantwortlicher in einem großen Bestattungshaus. - Marius Kramer, Katholischer Theologe, berichtet über seine Arbeit als Bestatter und freier Trauerredner.

„Von außen betrachtet geht es um den Tod, von innen um intensives Leben.“ Dieser Satz, den ich vor vielen Jahren für einen Artikel formuliert habe, geht mir in diesen - von einer weltweiten Krise erschütterten Tagen - nicht mehr aus dem Sinn. Es sind Worte wie eingemeißelt in meinen Berufsalltag als Mitarbeiter und Verantwortlicher in einem großen Bestattungshaus.

Ja, es geht um den Tod. Es geht täglich um den Tod. Ich bin an manchen Tagen von Toten wahrlich umgeben. Wie wichtig dabei das Leben ist, wie intensiv die menschliche Dimension dabei ist, bekommt gerade in den von Corona geprägten Zeiten wieder ein neues Gewicht: Trauerende können nicht mehr im gewohnten oder gewünschten Rahmen Abschied nehmen. Abschiednahmen am Sarg sind noch einer Person erlaubt. Bestattungen dürfen nur im allerkleinsten Rahmen direkt am Grab stattfinden. Es gibt keine öffentliche Trauerfeier mehr. Eine persönliche Anteilnahme von Bekannten, Nachbarn, Arbeitskollegen und Vereinskameraden ist nicht mehr möglich.

Als Christ und studierter Theologe lebe ich meinen Glauben. Aus meiner Grundhaltung begegne ich den Menschen mit Hoffnung und Trost. Der Tod eines geliebten Menschen verändert das Leben - die Angehörigen befinden sich in einer emotionalen Ausnahmesituation. Nicht immer können Gedanken klar gefasst und Entscheidungen getroffen werden. Für mich gehört es als Bestatter dazu, einfach da zu sein, zuzuhören und die Sorgen und Nöte der Menschen ernst zu nehmen. Es sind die ersten Schritte der Trauer, die helfen können, den Weg ohne einen geliebten Menschen weiterzugehen. Dafür bin ich gerne da, es ist für mich eine erfüllende Selbstverständlichkeit. „Uns berührt, was sie bewegt“ - dieser Satz steht auf meinem Auto. Die Menschen berühren mich mit ihren Lebensgeschichten, mit all dem, was durch das Leben eines Verstorbenen das je eigene Leben bewegt hat. All das bereichert mein Leben. Ich bin zutiefst dankbar, dass ich über all die Jahre so viel über das Leben erfahren darf.

Der Coronavirus beeinflusst das Leben von uns allen. Für mich bedeutet es, auch für die Mitarbeiter da zu sein, zu spüren, was in ihnen vorgeht. Eine gewisse Anspannung ist für uns im Berufsalltag da. Was kommt auf uns zu? Fühlen wir uns sicher im Umgang mit an Covid-19 infizierten Verstorbenen? Vieles gab es in den letzten Wochen zu bedenken, neu zu sortieren und gut vorzubereiten. In der Krise wachsam zu fragen, ansprechbar und erreichbar zu sein. Meine Klarheit und Verlässlichkeit geben Anderen Orientierung.

Am vergangenen Samstag ist ein an Covid-19 Erkrankter in häuslicher Quarantäne verstorben. Ein Mann mitten im Berufsleben, noch keine 50 Jahre alt. Eine wirklich schwierige Situation für die Familie, auch für uns. Es ist kein Alltag, das sind menschliche Sondersituationen. Wir sind der Familie mit vorgeschriebenem Abstand begegnet, haben vor dem Wohnhaus in der Frühlingssonne die ersten Fragen beantwortet und informierten, wie die Abholung des verstorbenen Sohnes und Bruders ablaufen wird. In voller persönlicher Schutzausrüstung, die wir uns auf der Straße angezogen haben, sind wir in die Wohnung. Wir haben den Verstorbenen nach unten getragen und in das Bestattungsfahrzeug geladen. Als wir vor die Tür traten, standen immer mehr Nachbarn an den Gartentoren und Zäunen oder schauten uns aus den Fenstern zu. Es war nicht die Neugier der Menschen, es war eine ungewohnte und neue Verabschiedung von einem Menschen, der doch dazu gehörte und nun nicht mehr da ist. Die Familie war sehr berührt von dieser ganz anderen Form der letzten Ehre. Das sind neue Erfahrungen für uns alle.

Im Blick auf die Kar- und Ostertag wünsche ich uns allen einen bewussteren Umgang mit dem Tod und dem Leben. Trauer und Abschied sind keine Privatangelegenheit, sie gehören in unser öffentliches und soziales Leben. Abschied im kleinsten Kreis sollte die Ausnahme bleiben. Nehmen wir die Chance an, unser Verhältnis zum Sterben zu überdenken. Trauer braucht Gemeinschaft - um des Lebens willen.

Marius R. Kramer arbeitet als Bestatter und ist Kath. Theologe und Freier Redner.

Hinweis: 

Während der  Fastenzeit haben wir an  jedem Donnerstag einen Impuls veröffentlicht.  Grundlage waren  die „7 Werke der leiblichen Barmherzigkeit“.

Diese Impulse sind erschienen:

Fastenimpuls 1: Die Hungernden speisen

Fastenimpuls 2: Den Dürstenden zu Trinken geben

Fastenimpuls 3: Die Nackten bekleiden

Fastenimpuls 4: Die Fremden aufnehmen 

Fastenimpuls 5: Kranke besuchen   

Fastenimpuls 6: Gefangene besuchen
 

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