Zum Osterfest: „Ich mache alles neu“ – Gedanken von Pater Provinzial Heinz Lau SCJ

Wieder Ostern unter ganz anderen Bedingungen – coronabedingt: ohne Osterfeuer, ohne Weihrauch, ohne Prozession, ohne Orgel und Gesang. Die Ostergeschichten – so gut bekannt.

Doch ich kann immer wieder etwas Neues finden, das meine Lebenssituation erhellen kann; und umgekehrt kann eine erlebte Erfahrung helfen, tiefer jene Geschichte zu begreifen – zwischen der im Text verborgenen Erfahrung und der Erfahrung des Lesers.

Der Schatz des Glaubens

Eine alte Legende, die im Gedicht „Der Schatz“ in der Gedichtsammlung „Blumenstrauß nationaler Sagen“ des tschechischen Dichters Karel Erben aufgegriffen wurde, sagt, dass bei der österlichen Lesung der Passion die Felsen gesprengt werden und die Schätze sich öffnen. Bitten wir um dieses Wunder. Wenn wir die österliche Geschichte lesen und durchdenken, möge in uns das gesprengt werden, was steinern, kühl und hart ist, und möge sich der Schatz des Glaubens oder des Vor-Glaubens öffnen, der irgendwo tief in uns verborgen ist.

Glaube bedeutet nicht, dass das, was wir lesen, sich einmal genauso ereignet hat. Das wäre sehr wenig, arm, oberflächlich. Die Evangelien sind keine Protokolle, die Details einer längst vergangenen Handlung aufzeichnen. Sie unterscheiden sich sogar deutlich. Die Erzählungen sind in den vier Evangelien sehr verschiedene Meditationen von Menschen, die in diese Geschichte eingetreten sind und uns einladen, auch einzutreten – mit allem, was uns ausmacht: mit Intellekt und Emotionen, mit Phantasie und kreativer Suche, mit offenem Geist und offenem Herzen, mit unserer Sehnsucht und unserem geistlichen Durst.

Glaube ist mehr als das Vertrauen in die Zuverlässigkeit von Berichten.  Der Glaube ermöglicht es mir, in die Geschichte einzutreten, mich ergreifen, mich umformen zu lassen. Wahrheit hat immer den Charakter einer Beziehung, sie zieht mich mit ein.

Der Glaube ermöglicht es mir, die österliche Geschichte für mich wahr zu machen. Christus ist für mich wie im Aufruf des auferstandenen Glaubens des Thomas: „Mein Herr und mein Gott“ (Joh. 20,28). Nicht eine ferne Gottheit auf dem Thron kühler Objektivität, der metaphysische Gott der Philosophen, den viele mit dem lebendigen Gott der Bibel verwechselt haben. Der Glaube macht mich – wie Sören Kierkegaard – zum Zeitgenossen Christi. Der Glaube geschieht nicht auf der Ebene der Ansichten und Überzeugungen, sondern auf der Ebene unserer Existenz.

Auferstehung: Kein effektvolles Happy End

Die Auferstehung Christi ist keine Wiederbelebung: nicht die Belebung einer Leiche, ihre Rückkehr in diese Welt, ein gewisses effektvolles Happy End. Die Auferstehung ist keine Rückkehr zu etwas, das war, sondern eine fundamentale Verwandlung.

Ich bin überzeugt, dass das österliche Geheimnis des Todes und der Auferstehung der Grundstein des Christentums und das Kriterium für das Erkennen der Christlichkeit ist. Ich bin davon überzeugt, dass nur der Glaube, der stirbt und von den Toten aufersteht, tatsächlich ein christlicher Glaube ist. Ich bin überzeugt, dass nur eine Kirche, die stirbt und von den Toten aufersteht, eine christliche Kirche ist, dass nur eine Theologie, die stirbt und aufersteht, eine christliche Theologie ist („Tod der Kirche“).

Ich kann mich von dem Gedanken nicht befreien, dass die leeren und geschlossenen Kirchen an diesem Osterfest ein prophetisches Warnzeichen darstellen. So könnte es bald mit der Kirche enden, falls sie nicht eine tiefe Verwandlung – Tod und Auferstehung – durchläuft, falls sie nicht den Mut hat, Dinge sterben zu lassen, damit das Neue zum Leben auferstehen kann.

Es scheint mir, dass die Maßnahmen, mit denen man den schon lange anhaltenden Prozess des Weniger Werdens abbremsen will – Zusammenlegen von Pfarreien, Import von Priestern aus dem Ausland – nur das Hin- und Herschieben der Liegestühle auf der Titanic ist. Eine Gestalt des Glaubens, an die wir uns gewöhnt haben, sinkt unaufhaltsam. Keine Flucht in die Welt der prämodernen Sicherheiten, die gibt es nicht mehr, noch in eine Modernisierung, die die Religion für die gegenwärtige Unterhaltungsgesellschaft attraktiver machen soll.

Ich bin überzeugt, dass nur ein Glaube, der stirbt und von den Toten aufersteht, ein christlicher Glaube ist. Der religiöse Kindheitsglaube, egal, ob er spontan aus psychologischen Erfahrungen mit den Eltern geboren oder aus der Erziehung durch Eltern oder Schule übernommen wurde, muss sterben, eine Umwandlung durchlaufen, damit aus ihm ein reifer, erwachsener Glaube wird.

Jesus hat uns nicht zur Infantilität aufgefordert, dass wir Kinder bleiben, sondern dazu, dass wir in Offenheit, Arglosigkeit, Spontaneität und Lernfähigkeit den Kindern ähnlich werden.

In seinen Gedanken hat P. Heinz Lau SCJ Anregungen aus dem Buch von Tomas Halik, „Die Zeit der leeren Kirchen“, Herder-Verlag 2021, aufgegriffen.

P. Heinz Lau SCJ

 

  • S
  • M
  • L