Fasten aus literarischer Sicht: „Der Baum des Lebens“

André Lorenz ist Redakteur unserer Ordenszeitschrift „Dein Reich komme“. Er liest zwischen 70 und 80 Bücher pro Jahr. Eines kommt ihm besonders in den Sinn, wenn er über das Fasten nachdenkt.

André Lorenz empfiehlt das Buch: "Der Mann, der einen Baum fällte und alles über Holz lernte"

Ich habe vier Bücher über das Fasten in meinen Regalen stehen, und ich habe keines davon gelesen. Wahrscheinlich brauchte ich sie einmal für meine Arbeit, ich erinnere mich nicht daran. Fasten ist kein Thema, über das man gerne liest. Fasten ist anstrengend, Fasten heißt Verzichten, und das machen wir ja eigentlich das ganze Jahr: uns anstrengen und immer auf irgendetwas verzichten. Deswegen fühlt es sich merkwürdig an, dass wir es auf einmal in den sechs Wochen vor Ostern machen sollen, weil es Tradition ist, Überlieferung und zur Vorbereitung auf die tiefste Krise und den größten Triumph eines Glaubens gehört, zu dem immer mehr Menschen den Kontakt verlieren.

Dabei glaube ich, dass viele Menschen gerne fasten. Oder gerne fasten würden. „Fasten“ bedeutet im Gotischen „halten, festhalten, beobachten“ und im Mittelniederländischen „festmachen, begründen, bekräftigen, bestätigen“. Deshalb möchte ich Ihnen von Robert Penn erzählen.

Robert Penn ist ein britischer Journalist, der sich aufgrund einer Kindheitserinnerung in den Kopf gesetzt hatte, alles über die Esche zu lernen, und „die beste Möglichkeit, mehr über die Esche herauszufinden, so dachte ich, sei es, eine zu fällen“. Akribisch sucht er den idealen Baum, spricht mit Freunden, Förstern und Waldbesitzern. Als er die perfekte Esche gefunden hat, vermisst er sie, übernachtet an ihrem Fuß, um sich zu vergewissern, und beschließt schließlich, alles von ihr zu verwerten. „Jeder einzelne Teil meiner Esche sollte genutzt werden – ein Loblied auf den Wert des Baumes, gerechtfertigt durch den Grundsatz, dabei nichts, aber auch gar nichts zu verschwenden. Wie viele verschiedene Dinge konnte ich aus einem einzigen Baum wohl schaffen, fragte ich mich – zehn, zwanzig, dreißig, noch mehr?“

Am Ende werden es 41, und Robert Penn nimmt uns in seinem Buch „Der Mann, der einen Baum fällte und alles über Holz lernte“ mit auf eine faszinierende, tiefgehende, sinnliche Reise zu allen Orten und spezialisierten Handwerkern, die aus seiner Esche einen Schreibtisch, sechs Axtstiele, ein Stechpaddel, einen Wohnzimmertisch, eine Theke, das Gehäuse eines Füllfederhalters, Fahrradfelgen, Bänke, ein Schneidbrett, 19 Zeltpflöcke und etliches mehr hergestellt haben. Penn reiste dafür nach Pennsylvania, um sich bei Hillerich & Bradsby einen Baseballschläger fertigen zu lassen, und nach Matrei in Österreich, um bei Gasser Rodel aus seinem Holz einen Rennschlitten entstehen zu sehen.

Robert Penn richtet sich vollständig aus auf die eine Sache und fokussiert sie über mehr als ein Jahr. Er verzichtet auf Belanglosigkeiten, Zerstreuung, Erholung. Er verschwendet nichts von dem, was er bekommt. Er nimmt sich alle Zeit, die er braucht, und gibt sich und seiner Familie ein völlig neues Verständnis über das Zusammenleben von Mensch und Natur: „Die simple Geschichte eines einzelnen Baumes würde zwar in der Gegenwart spielen, im Grunde genommen aber von der Vergangenheit handeln – von der uralten Übereinkunft zwischen Mensch und Esche.

Möglicherweise würde sie auch als Plädoyer für die Zukunft stehen. Es ist an der Zeit, unseren zerstörerischen Impuls hinsichtlich der Natur und unsere Bedürfnisse neu zu kalibrieren, Natur und Mensch wieder in Übereinstimmung zu bringen.“

„Der Mann, der einen Baum fällte und alles über Holz lernte“ war auf der Suche nach dem Wesentlichen und hat es für sich gefunden. Dafür habe ich ihn ein bisschen beneidet. Ich würde auch gerne dieses eine Projekt finden, das mir niemand aufzwingt, das aus mir selber kommt, das mich völlig in den Bann zieht, das mich Verzicht lehrt und mir dafür etwas anderes im Übermaß zurückgibt: Zufriedenheit, Befriedigung, Sinn – und die hoffnungsfrohe Zuversicht, Teil eines grundguten größeren Ganzen zu sein. Und ist das nicht das, worum es letztlich im Fasten geht?

Ich wünsche Ihnen allen, dass Sie Ihre Esche finden.
André Lorenz

Robert Penn
Der Mann, der einen Baum fällte und alles über Holz lernte
Ullstein 2016
ISBN 978-3550081323

Bisher in dieser Fastenreihe erschienen:

Gabriele Sych: Fasten aus therapeutischer Sicht

Dr. Christoph Götz: Fasten aus ethischer Sicht

Birgit Hümbs: Fasten aus kulinarischer Sicht

Franz-Josef Hanneken: Fasten aus pädagogischer Sicht

Albertina Gaspar: Fasten in der Familie

Dr. Martin Vest: Fasten aus Sicht der Naturwissenschaft

 

 

 

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