Fasten aus Sicht der Naturwissenschaft: Regenerationsmethode für Körper und Geist

Wie wirkt sich Fasten auf den menschlichen Organismus aus? Dieser Frage geht Dr. Martin Vest nach, der am Gymnasium Leoninum Handrup die Fächer Biologie und Chemie unterrichtet.

Fasten kann auch Verzicht auf bestimmte Nahrungskomponenten sein

„Wer stark, gesund und jung bleiben will, sei mäßig, übe den Körper, atme reine Luft und heile sein Weh eher durch Fasten als durch Medikamente.“ Dieses Zitat wird dem griechischen Arzt und Vater der Heilkunde Hippokrates von Kos (460 - etwa 377 v. Chr.) zugeschrieben.

Die Materialsuche nach naturwissenschaftlich belastbaren Ergebnissen zur nachgewiesenen Heilwirkung des Fastens ist vergleichsweise mühsam. Das obige Zitat Hippokrates‘ lässt ahnen, woran das liegen könnte: Das Erforschen einer Heilmethode, die ohne Medikamente auskommt, taugt nicht zum Geldverdienen.

Diese Schlussfolgerung mag verkürzt und wenig pharmaindustriefreundlich klingen, entbehrt jedoch nicht ganz einer dem gesunden Menschenverstand folgenden Logik - vor allem in Zeiten, wo Forschungsvorhaben primär aus Drittmitteln finanziert werden. Dennoch hat sich unabhängig von diesen Hürden z.B. gezeigt, dass sich das Fasten positiv auf Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen auswirken kann.

Fasten als bewusstes Ernährungsverhalten

Methoden des Fastens gibt es sehr viele, sodass man zwangsläufig scheitern muss, wenn man den Anspruch einer möglichst allgemeingültigen und akzeptablen Definition gerecht werden will. Beschränken wir uns daher auf wesentliche Kernpunkte, die mehr oder weniger allen Formen des sogenannten Fastens gemein sind.

Das Fasten ist in jedem Fall ein bewusstes Ernährungsverhalten, das sich durch Verzicht auf bestimmte Nahrungskomponenten auszeichnet, und das sich hierdurch wesentlich von dem unfreiwillig durch Nahrungsmangel ausgelösten Symptomen des Hungerns auszeichnet.

Ein bisschen erinnert das Fasten an ein diätisches Essverhalten. Allerdings wird beim Fasten bei ausreichender Wasseraufnahme auf die stoffwechselphysiologische Zuführung von Energie in Form von energiereichen Nährstoffen wie z.B. Kohlenhydrate oder Fette für einen begrenzten Zeitraum weitgehend verzichtet.

Dennoch muss der Energiestoffwechsel aufrecht erhalten bleiben. Wenn man bedenkt, dass allein der Verdauungsvorgang ca. 30 Prozent der gesamten zur Verfügung stehenden Stoffwechselenergie eines Organismus in Anspruch nimmt, kann dieser Energieanteil während einer Fasteneinheit eingespart werden.

Zudem kann der fastende Körper dazu übergehen, Reservestoffe zu mobilisieren. Man möge bedenken, dass der moderne Zivilisationsmensch biologisch gesehen immer noch an die Lebensverhältnisse der Steinzeit angepasst ist, welche durch chronischen Nahrungsmangel gekennzeichnet war.

Vor allem in den modernen Gesellschaften westlicher Prägung hat sich dieses Verhältnis von Angebot und Nachfrage an ausreichend vorhandenen Nahrungsmitteln umgekehrt.

Wen wundert es also, dass sich das Problem des natürlichen Nahrungsmangels vergangener Entwicklungsphasen des Menschen zu einem Problem des Nahrungsüberflusses mit all seinen bekannten Symptomen wie z.B. Adipositas, vorzeitiger Gelenkverschleiß, Diabetes, Fettleber, Nahrungsmittelunverträglichkeiten und andere allergische Reaktionen usw. entwickelt hat?

Fasten hat Tradition – in vielen Völkern

Das Fasten als Verzichtsübung auf Nahrung dürfte in vielen Völkern aus religiösen Motiven heraus kultiviert worden sein. Sicher ist aber auch, dass der historische Mensch aus der sprichwörtlichen und regelmäßig wiederkehrenden (Nahrungsmittel-)Not eine Tugend gemacht und dies als Tradition an seine Nachkommen weitergegeben hat.

Wer heute fastet, steht also in einer langen und universalen Tradition der Menschheit. Natürlich ist sowohl das Einholen ärztlichen Rates bei bekannten Vorerkrankungen und Gesundheitsrisiken als auch die hausärztliche Kontrolle bei längeren Fastenphasen und/oder bei auffälligen Symptomen des Allgemeinbefindens ratsam.

Aber die beschriebenen Sachverhalte sprechen dafür, dass sich das Fasten als Regenerationsmethode für Körper und Geist eignet.

Bisher in dieser Fastenreihe erschienen:

Gabriele Sych: Fasten aus therapeutischer Sicht

Dr. Christoph Götz: Fasten aus ethischer Sicht

Birgit Hümbs: Fasten aus kulinarischer Sicht

Franz-Josef Hanneken: Fasten aus pädagogischer Sicht

Albertina Gaspar: Fasten in der Familie

 

 

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