Fasten aus Sicht der Ethik – „…weil unsere äußeren Handlungen unsere inneren Haltungen beeinflussen“

Dr. Christoph Götz, Leiter des Bildungs- und Gästehauses Kloster Neustadt, stellt Überlegungen an, ob Fasten für uns heute überhaupt ethisch bedeutsam ist.

Schützenswerte Natur - zum Beispiel die Weinberge in der Pfalz

Eine Mehrheit der Deutschen – Tendenz steigend – hält bewussten Verzicht in der Fastenzeit aus gesundheitlichen Gründen für sinnvoll. An der Spitze der Lebensmittel, auf die man am ehesten verzichten würde, rangiert der Alkohol, knapp dahinter Süßigkeiten, während die Abstinenz von Fleisch und Nikotin nur noch für etwa die Hälfte der grundsätzlich Verzichtwilligen in Frage käme. Weit abgeschlagen: die Bereitschaft, auf das Auto oder das Internet zu verzichten.

Fasten liegt also im Trend, wobei sich in der aktuellen Situation viele fragen, ob wir in den letzten Monaten seit Ausbruch der Pandemie nicht schon genug verzichtet haben – die meisten zwar nicht auf Essen und Trinken, aber auf vieles andere, was unser Leben lebenswert macht.

Bei aller grundsätzlichen Aufgeschlossenheit für das Thema Fasten ist damit freilich noch nichts über den religiösen oder ethischen Wert gesagt, den die Menschen damit verbinden. Faktisch dürften – zumindest in westeuropäischen Wohlstandsgesellschaften – für die meisten beim Fasten diätetische Motive eine nicht geringe Rolle spielen, während für die biblische Tradition derlei Überlegungen irrelevant sind. Im biblischen Kontext wird Fasten eher als Bußübung, Sühneleistung oder Opferersatz angesehen. Im säkularen Kontext unserer Lebenswirklichkeit dürfte den meisten von uns der Zugang zu derlei Motivationen fehlen.

Es stellt sich die Frage: Ist Fasten für uns heute überhaupt ethisch bedeutsam?

„Trägt Fasten zu einem guten und gerechten Leben bei?“

Wenn es in der Ethik – ganz allgemein – um die Frage geht, was wir tun, wie wir leben sollen und was ein wertvolles Verhalten ausmacht, stellt sich bei einer ethischen Betrachtung des Fastens – ganz konkret – die Frage, ob und inwiefern es zu einem guten und gerechten Leben beiträgt.

Relevant ist das auch deshalb, weil unsere äußeren Handlungen unsere inneren Haltungen beeinflussen, womit wir dann schnell bei der religiösen Dimension des Fastens wären.

Fasten hat allein deshalb schon eine ethische Qualität, weil es unmittelbar unseren Lebensvollzug, unser konkretes Handeln (im Umgang mit Lebens-/Genussmitteln) betrifft. Bei neueren Formen, wie etwa Autofasten, Internet-, Handy-, CO2-, Plastik- oder Fernsehfasten wird der Schwerpunkt des Verzichts von Lebensmitteln auf Gewohnheiten unseres modernen Lebensstils verlegt.

Das kann mitunter auch leicht „krampfig“ wirken, weil derlei Übertragungen den Verdacht nähren, eine nicht mehr zeitgemäß wirkende religiöse Tradition unbedingt „updaten“ zu wollen, um zu demonstrieren, wie modern Kirche und Religion doch sind. In jedem Fall soll beim Fasten durch eine ethische Anstrengung – den Verzicht – eine zumindest zeitweise Verhaltensänderung erreicht werden.

Vorbilder in der Bibel

Zu Zeiten des Alten Testaments, in denen es noch die Vorstellung einer Verunreinigung des Körpers durch falsche Speisen gab, lässt der Prophet Jesaja an der (sozial)ethischen Bedeutung des Fastens keinen Zweifel, wenn er schreibt: „Ist nicht das ein Fasten, wie ich es wünsche: die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, Unterdrückte freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen? Bedeutet es nicht, dem Hungrigen dein Brot zu brechen, obdachlose Arme ins Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und dich deiner Verwandtschaft nicht zu entziehen?“ (Jes 58, 6f.)

Im Neuen Testament erfahren wir, dass Jesus selbst zeitweise das Fasten übte und es seinen Jüngern empfahl. Schließlich motivierte das Vorbild Jesu auch die ersten Christen, Zeiten des Fastens und der Buße einzuhalten, wobei die österliche Bußzeit stets die wichtigste war.

In neuerer Zeit hat das Zweite Vatikanische Konzil deutlich gemacht, dass es beim Fasten nicht nur um eine „innere und individuelle Übung, sondern auch eine äußere und soziale“ geht – und damit auch die ethische Dimension betont. „Fastenessen“ in den Pfarreien oder die Arbeit des Hilfswerkes „Misereor“, durch deren Erlöse caritative Projekte gefördert werden, sehen sich diesem Anliegen verpflichtet.

Fasten ist kein Selbstzweck

Fasten ist kein Selbstzweck. Es darf nicht zum Rückzug ins eigene Ich führen und Selbstgenügsamkeit und -gerechtigkeit begünstigen. Vielmehr soll es eine Hilfe sein, uns wieder stärker Gott, uns selbst und unseren Mitmenschen zuzuwenden.

Fasten kann helfen, das Leben wieder neu und bewusst an dem auszurichten, was für unser Leben, für unser Glück, auch für unseren Glauben, unser Verhältnis zu Gott und Mitmenschen wesentlich ist, und uns davor bewahren, unsere Existenz allein auf die materielle oder physische Dimension zu begrenzen.

Fasten erinnert uns daran, dass wir uns – nicht immer zu unserem Besten – gerne der Maßlosigkeit hingeben und es oft übertreiben mit dem Konsum. Gerade für uns Wohlstandsmenschen, die mehr haben als sie brauchen, kann Fasten auch ein Ausdruck von Demut sein und Solidarität mit den Menschen ausdrücken, die Hunger und Not leiden.

Fasten als freiwillige Verzichtshandlung ist ein Luxus, den man sich erst einmal leisten können muss. Nach traditioneller christlicher Sicht, wie auch in anderen Religionen, zeichnet die Trias aus Fasten, Beten und Almosen geben den frommen Menschen aus und wird auch als Zeichen der Buße verstanden.

Da unmäßiges und ungesundes Essen auf Dauer leicht zu gesundheitlichen Einschränkungen führen kann, tun wir gut daran und verhalten uns ethisch verantwortlich, wenn wir den physiologischen Erfordernissen nicht zuwiderhandeln und uns durch Fasten motivieren, wieder in ein gutes körperliches und seelisches Gleichgewicht zu finden.

Fasten kann auch eine Quelle ethisch verantwortlichen Lebens sein, indem es hilft, sich für Gott und die Menschen um uns herum wieder mehr zu interessieren und zu erfahren, dass Überfluss nicht gleichzusetzen ist mit Lebensqualität.

Unsere ethische und religiöse Tradition spricht ebenso wie das Empfinden heutiger Menschen dafür, dass das freiwillige und zeitlich befristete Fasten, also der Verzicht auf Liebgewonnenes und deshalb zuweilen im Übermaß Konsumiertes, heilsam sein und glücklich machen kann.

Versuchen Sie’s einfach einmal (wieder), ….

….die Dinge des Alltags bewusster zu tun, den Mitmenschen gezielt mitfühlend zu begegnen und beim Konsum mehr auf Qualität als auf Quantität zu achten – die 40 Tage vor Ostern könnten dafür eine gute Zeit sein.

Ein Sonderfall des Fastens, der im medizinethischen Kontext verortet ist und hier nicht näher betrachtet werden kann, ist das sogenannte „Sterbefasten“, also der freiwillige Verzicht auf Essen und Trinken in dem Bewusstsein, damit das Leben (mit oder ohne terminale Erkrankung) zu verkürzen oder zu beenden.

Bisher in dieser Fastenreihe erschienen:

Gabriele Sych: Fasten aus therapeutischer Sicht

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