Fasten aus therapeutischer Sicht: Autopilot ausschalten!

Gabriele Sych ist seit 2006 als Heilpraktikerin für Psychotherapie tätig. Seit über zwei Jahren bietet die frühere Unternehmensberaterin christliche Psychotherapie im Herz-Jesu-Kloster Berlin an. „Fasten aus therapeutischer Sicht“ ist ihr Thema für diesen ersten Impuls. Sie nähert sich ihm durch drei Fragen.

Ein App-Blocker hilft dabei, von Autopilot auf bewusste Handlung umzuschalten
1.    Was geschieht im Innern des Menschen, wenn er bewusst fastet und verzichtet?

Veränderungen geschehen auf zwei Ebenen. Zunächst müssen wir in einer Gewohnheit, die wir unbewusst wiederholen, Bewusstheit erzielen. Wir müssen sie quasi in unserem Gehirn aus unseren Basalganglien, die unsere Gewohnheiten steuern, wieder ins Fronthirn holen, wo wir Schritte bewusst neu angehen.

Gewohnheiten sind starke Programme, die uns das Leben erleichtern sollen, damit wir unser Bewusstsein frei haben für die aktuell wichtigen Gedanken. Viele kennen das vom Autofahren, wo wir zunächst das Schalten in kleine Teilschritte zerlegen und sie bewusst durchführen. Doch irgendwann klappt das Schalten ganz nebenbei. Diese Schwelle zu überwinden dauert seine Zeit. Daher sind 40 Tage eine gute, notwendige Frist, um etwas bewusst neu zu üben und vom Fronthirn wieder in die Basalganglien zu integrieren.

Auf der zweiten Ebene geht es darum, bewusst die neuen Gewohnheiten zu durchleben und damit Erfahrungen zu erlangen. Was geht jetzt, was vorher nicht ging? Wie fühlt sich das an? Beim Fasten gehen wir spürbar in einen Mangel und können erkennen, auf welches Gefühl hin die alte Gewohnheit einsetzte. Dieses Gefühl können wir verstehen lernen und ggfs. das zugehörige Problem lösen. Jedoch auch, wofür die Leere des Mangels uns neuen Raum bietet.

2.    Wieviel davon ist religiös motiviert, und wieviel intrinsisch?

Fasten gibt es in vielen Religionen. Als Christen folgen wir dem Beispiel Jesu, der nach seiner Taufe in die Wüste ging. Für ihn war der Heilige Geist neu, er musste sicher sein Denken, Fühlen und das Umsetzen der Weisungen des Heiligen Geistes erlernen, sich innerlich neu ausrichten.

Wenn wir in der Fastenzeit in uns dem Heiligen Geist die freigegebene Leere anbieten, wird das auch unseren Glauben und unser Leben verändern. Menschliche Willenskraft ist endlich, sie schwindet, je müder wir werden. Wir bieten Gott die Nutzung unserer Willenskraft an, indem wir sie von materiellen Zielen abziehen und sie – im Sinne einer Bußübung – Seinen Zielen zuwenden. Fasten bildet und befreit, das ist sicher ein Ziel Gottes.

Intrinsisch ist die Motivation, wenn wir tatsächlich mit unseren Gewohnheiten unzufrieden sind und in der Fastenzeit unsere Energie darauf wenden, uns zu befreien und befreien zu lassen. Fasten wird so zu einer guten Gelegenheit für Selbstoptimierung.

3.    Gibt es beim Fasten auch eine „falsche“ Haltung?

Da wir im Gehirn von Autopilot auf bewusste Handlung umstellen müssen, ist das Fasten eben nicht einfach.

Unter dem Einfluss unseres Autopiloten finden wir uns so plötzlich ungewollt vor dem Kühlschrank oder mit dem Handy oder einer Flasche Bier in der Hand wieder. Wenn wir dann mit uns ungehalten sind und uns von einem strengen inneren Kritiker verurteilen lassen, verbessern wir unsere Willenskraft nicht, sondern schwächen uns.

Buße bedeutet umkehren, nicht uns geißeln. Es bringt nichts, uns zusätzlich klein, sündig und schrecklich zu fühlen. Besser ist es, darüber zu lachen z.B. mit den Worten: „Ach, du schon wieder!“  Es umgehend von Neuem zu versuchen.

Also das Essen wieder in den Kühlschrank zurückstellen, zu üben, das Handy wieder auszuschalten (oder einen App-Blocker zu installieren) und die Bierflasche, so traurig das sein mag, in den Ausguss zu kippen. Bewusst nichts einkaufen, was uns versuchen kann.

Uns liebevoll und sanft – so wie Gott ist – auf den neuen Weg führen zu lassen. Erfahren wir uns selbst und die Freude, die wir in Gott, in der neuen Leere und Freiheit und in gesünderen und sinnvolleren Gewohnheiten finden können.

Wenn Sie Gabriele Sych näher kennenlernen möchten: In der Winterausgabe 2020 von „Dein Reich komme“ haben wir sie als Teil der „Dehonianischen Familie“ vorgestellt.

Foto ©: scj

 

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