An der Schwelle zum neuen Jahr: „Was haben wir gelernt?“

Gedanken von Pater Stefan Tertünte SCJ zum abgelaufenen und zum neuen Jahr:

Der leere Petersdom in Rom. P. Tertünte hat ihn im November fotografieren können.

Kurz vor dem Jahreswechsel meldete die Börse Allzeit-Höchstwerte. Es bedarf keiner großen Hellseherei, wenn ich vermute, dass dieser Aktienoptimismus nicht unbedingt die Gesamtstimmung der deutschen Bevölkerung widerspiegelt.

In Italien macht ein Musikvideo die Runde, dessen Refrain sinngemäß bedeutet „2020 – Fahr zur Hölle“. Dem dürften durchaus viele Menschen zustimmen. In der Tat ist die Liste der Verlust- und Negativerfahrungen möglicherweise sehr lang.

Mit Blick auf das neue Jahr würde ich jedoch empfehlen, sich persönlich oder auch im Gespräch mit anderen Menschen folgende Frage zu stellen: „Was haben wir gelernt?“ Damit meine ich Erkenntnisse und Erfahrungen, die uns im Jahr 2021 helfen können.

Vor wenigen Tagen wünschte mir eine Familie „ein großes Auge für die kleinen Dinge... Die übersieht man so schnell, und grad in diesen Zeiten können sie einem so häufig den Tag retten, haben wir festgestellt!“

Eine andere Nachricht erreichte mich per Whatsapp: „Eins hat Corona positiv hier im Viertel bewirkt..., die Menschen sind freundlicher und höflicher zueinander mit Maske im Gesicht“. In den Gottesdiensten haben wir gelernt, dass der Friedensgruß auch über Abstand den Mitfeiernden freundlich zugelächelt werden kann. Viele haben trotz Kontaktvermeidung gelernt, in neuen Weisen Nähe zu anderen Menschen auszudrücken.

In unserer Kommunität in Rom haben wir während mehrerer Monate kompletten Ausgangsverbotes einander neu und besser kennen gelernt. Ich persönlich habe gelernt, aus wieviel unbekannten und neuen Quellen Hilfen für die Obdachlosen in Rom in dieser schwierigen Zeit entstanden sind.

Papst Franziskus hat immer wieder gesagt: „Niemand rettet sich alleine“. Vielleicht sind wir aufmerksamer geworden für die vielen Nuancen, die in diesem Satz stecken. Vielleicht lernen wir gerade, mit mehr Achtsamkeit unsere Beziehungen zu gestalten.

Wir haben erfahren, dass unserer Freiheit Grenzen gesetzt wurden. Weil unsere eigene Lebensweise immer das Leben anderer Menschen betrifft. Und unser Glaube, unser Gott in alledem?

Auf dem Cover des neusten Buches unseres Mitbruders Bischof Heiner Wilmer prangt in großen Buchstaben das Wort „TRÄGT“. Nicht nur gestrichene Gottesdienste und Gemeindeveranstaltungen haben viele Menschen vor die Frage gestellt, was oder wer sie in all den Erfahrungen des vergehenden Jahres eigentlich getragen hat – und weiterhin trägt.

Ich vermute, dass es seit langer Zeit nicht mehr so viele persönliche Bittgebete gegeben hat wie in diesem Jahr. Für mich eine der schönsten Weisen, über den Rand der eigenen Existenz hinaus zu schauen und solidarisch mit dem Wohl und Wehe anderer Menschen zu sein. Ja, auch Gott mussten, durften wir im ausgehenden Jahr neu lernen.

Ich wünsche uns, dass wir viel Gelerntes konstruktiv mit in das neue Jahr 2021 hinein nehmen können. Und dass wir Lernende bleiben.

P. Stefan Tertünte scj    

Foto ©: Stefan Tertünte scj

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