Fasten aus pädagogischer Sicht: Ein Lernziel? – Mit Fragezeichen

Franz-Josef Hanneken, Schulleiter am Gymnasium Leoninum Handrup, nennt das Fasten „menschlich und daher pädagogisch relevant“; aber keinesfalls könne es „pädagogisch verordnet“ werden.

"Buch mit Herz"

Fasten als Lernziel? Das Fragezeichen soll für ein Problemfeld sensibilisieren, das die Verknüpfung von Fasten und Pädagogik birgt. Erziehung zum Verzicht, zu Beschränkung und Bescheidung, ist not-wendig, dient hehren Zielen, von der eigenen körperlichen wie geistigen Gesundheit bis zur sozial und global dringlichen Schonung der Schöpfung. Das sind Fragen, die sich aus einem Kalkül ergeben, das sich der Analyse und der Zukunftsplanung verdankt.

Für die Heranbildung junger Menschen meine ich, das Fasten noch anders verorten zu sollen – in einem Schutzraum nämlich, der immer dort betreten wird, wo es um die Mitte des Menschen geht, um seine je persönliche Antwort. So lese ich das Wort Jesu, wenn er vom Fasten spricht: „Du aber, wenn du fastest, salbe dein Haupt und wasche dein Gesicht, damit die Leute nicht merken, dass du fastest, sondern nur dein Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der das Verborgene sieht, wird es dir vergelten.“ (Mt 6,17f.)

„Fasten ist etwas Intimes“

Und ich meine darin nicht so sehr den auch wichtigen Aspekt der Abgrenzung von falscher Äußerlichkeit, sondern den der Verborgenheit als eigentlichen Ort des Fastens. Fasten ist etwas Intimes – wie das Gebet, das ganz parallel kurz zuvor erwähnt wird: „Du aber, wenn du betest, geh in deine Kammer, schließ die Tür zu; dann bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist!“ (Mt 6,6) Das ist nicht bloß Beschreibung, sondern eine Handlungsanweisung des Lehrers, also Pädagogik.

In pädagogischer Perspektive rührt das Fasten also an das Geheimnis des Menschen. Es meint ja mehr als die Kardinaltugend der Mäßigung (temperantia), dient aber wie sie der Freiheit, der Emanzipation von einer bloßen Bedürfnisstruktur. Das alte Wort Asketik meint solche „Einübung“ in ein Leben freier Offenheit. Und ist bereits eine gewisse Frustrationstoleranz pädagogisch gesehen erstrebenswert, um Ziele zu erreichen und die Mühen des Weges dahin auf sich zu nehmen, so führt das Fasten als bewusstes Tun und bewusste Haltung an den Anfang von all dem: zum Hören, zum wacheren Wahrnehmen, aus dem dann erst Ziel und Weg werden.

Das Zugleich von Tun und Haltung

Und das Zugleich von Tun und Haltung gehört durchaus pädagogisch bedacht. Dieses Zugleich ist kennzeichnend für alles Menschliche – noch vor aller kalkulierten Kompetenzorientierung. „Muße“ wäre hier ein so altes wie wichtiges Wort für diese offene Zuwendung und Achtsamkeit und Empfänglichkeit, die sich gerade nicht in ein aktiv-passiv-Schema pressen lassen. Und im Fasten wird dieses Zugleich von Körper und Geist in besonderer und eigener Weise erfahrbar.

Fasten lässt sich so wenig bloß als Idee wie bloß um des Verzichts willen realisieren. Und weil es derart ganzheitlich fordert, kann es pädagogisch nicht verordnet werden. Fasten ist – wie bedacht – menschlich und daher pädagogisch relevant. Es kann nicht in der Schule als Arbeit für zu Hause etwa „aufgegeben“ werden. Aber überall dort, wo dazu eingeladen wird, die eigene Komfortzone zu verlassen und sich zuzuwenden, einer Aufgabe, einem Menschen, Gott, kann der vielleicht etwas staubige Begriff Leuchtkraft entwickeln.

Und derart ist Fasten ein Lernziel, eine Zu-mutung wie das Leben, dem es dient, pädagogisch gebunden an Ermutigung und Achtung vor dem Geheimnis.

Über notwendige Konsum-Beschränkungen lässt sich mit Schülern wie über ein Sachthema handeln. Das ist sinnvoll, geschieht auch so in manchen Schulfächern – in Biologie und Erdkunde etwa, niemals bloß sachlich, sondern auf die persönliche Verantwortung zielend. Jenes Fasten indes, das dieser Zeit ihren Namen gibt, dient dem Geheimnis, dem Geheimnis der Welt und dem Geheimnis des Menschen.

Das Foto steht auf der Homepage des Leoninums zur Bebilderung des Impulses für den Monat März mit dem Titel: „Learning by heart“

Bisher in dieser Fastenreihe erschienen:

 

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