Das Bemühen um einen glaubwürdigen Lebensstil als Ordensleute

Die ersten Tage und Wochen eines neuen Jahres sind immer auch verbunden mit einem Innehalten und Nachsinnen über das, was gerade geschieht und in Zukunft wichtig ist. So ist das folgende Interview mit Provinzial Pater Heinz Lau SCJ zustande gekommen.

P. Heinz Lau SCJ in seinem Büro

Die Generalleitung in Rom berief den damals 65Jährigen am 6. Oktober 2015 zum Provinzial. Er folgte als Leiter der deutschen Provinz auf Pater Dr. Heiner Wilmer SCJ, der im Mai 2015 von den Delegierten des XXIII. Generalkapitels in Rom zum neuen Generaloberen gewählt und nach kurzer Amtszeit im August 2018 zum Bischof von Hildesheim geweiht wurde. Der Ernennung von P. Lau war eine Befragung unter den deutschen Herz-Jesu-Priestern vorausgegangen. Zum 01. Juli 2019 wurde er erneut für drei Jahre zum Provinzial ernannt.

Was sind die Aufgaben eines Provinzials?

Besonders wichtig sind mir die Besuche in den Gemeinschaften und die Einzelgespräche mit den Mitbrüdern. Regelmäßig tagt der Provinzrat, bei dem wir über die geistliche Ausrichtung, Schwerpunkte unserer Arbeit, bauliche Vorhaben oder die Aufgabenverteilung innerhalb der Provinz beraten.

Dazu kommt viel Büroarbeit, denn ich pflege den Kontakt zu unserer Generalleitung, zu anderen Provinzen und den Bistümern, führe die Personalakten und halte Kontakt zum Provinzökonomat und der Missionsprokura. Ganz wichtig ist mir auch, dass ich mich in der Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs – gemeinsam mit der Deutschen Ordensoberen Konferenz – engagiere. Es ist also niemals langweilig, obwohl ich eigentlich kein Büro-Mann sein will.

Für mich persönlich ist es auch wichtig, in unserem Bildungshaus in Neustadt durch Vorträge, Exerzitien oder Gesprächsangebote mitzuarbeiten.

Jeder Provinzial prägt auch den Orden. Was sind für Sie Schwerpunkte Ihrer Amtszeit?

Ich möchte das hohe Interesse an sozialen, gesellschaftlichen und politischen Fragen aufrechterhalten und fördern. Ich nenne das einen sozialen Katholizismus. Das bedeutet, dass wir mitten in der Welt von heute leben und auf die Menschen zugehen.

Wichtig ist mir das Bemühen um einen glaubwürdigen Lebensstil als Ordensleute: einfach, biblisch, mitbrüderlich. Ich möchte, dass wir an unserer spezifischen Identität als SCJ ständig weiterarbeiten und dies für die Menschen von heute formulieren und gegebenenfalls aktualisieren.

Ich sorge mich um das Gemeinschaftsleben in unseren Gemeinschaften und hoffe, dass wir uns selbst vor Sprachlosigkeit, Spaltung oder Differenzen bewahren. Denn als Mitbrüder aus vielen Ländern und ganz verschiedenen Alters müssen wir uns immer wieder neu zusammenfinden.

Die wachsende Kooperation mit Laien in unseren Werken ist notwendig - und unser Auftrag. Sie müssen mitarbeiten (dürfen) an einer Kirche der Zukunft. Dazu will ich engagierte Christen ermutigen und mit ihnen kirchliches Leben leben: Haus-Gottesdienste, Bibel-Teilen, Agape-Feier, geistliche Lesung, Gastfreundschaft oder Solidarität mit Menschen am Rande sind Beispiele dafür.

Ich setze mich also ein für eine Kirche, die weniger klerikal, juridisch oder moralisch auftritt.

Sie sind mitten in Ihrer zweiten Amtszeit. Seit 2015 sind Sie Provinzial. Was hat sich in dieser Zeit alles getan?

Zunächst einmal müssen wir uns immer vergegenwärtigen, dass das Ordensleben mehr und mehr an den Rand der Gesellschaft gerät. Wir sind weniger geworden, bilden nur noch Klein-Kommunitäten. Darauf haben wir reagiert:

Wir haben alle Häuser neu aufgestellt, entsprechend den Herausforderungen der Zeit. Ich kann mit Stolz sagen, dass wir mit unseren Werken gut aufgestellt und attraktiv sind.

Wichtig war die Zentralisierung verschiedener Aufgaben der Provinz in Neustadt: Dort haben wir die Finanzen, Öffentlichkeitsarbeit und die Wohltäterbüros angesiedelt. Diese Aufgaben könnten wir vor Ort nicht mehr leisten oder nur nebenher – das wäre nicht genug.

Gravierend verändert hat sich die bisherige traditionelle Arbeit als Ordensleute. Die säkulare Zeit fordert uns heraus. Sie erfordert eine ganz andere Art von Kirchlichkeit, von Seelsorge, von Pastoral. Und damit wächst auch die Bedeutung der Ökumene. Und wir sind deutlich stärker international vernetzt. Wir sehen die Früchte davon in unserem Ausbildungshaus in Freiburg, das für ausländische Studenten überaus attraktiv ist.

Welche Schwierigkeiten gilt es zu meistern?

Da steht an erster Stelle die Sorge um den Nachwuchs: Wir haben nur noch wenige junge Mitbrüder. Das bedeutet zugleich eine Überalterung der Mitbrüder und auf längere Sicht: Die bisher tragende Schicht der Mitbrüder ist alt geworden, die tragende Generation tritt langsam ab.

Ich empfinde auch eine gewisse Unsicherheit, weil die traditionelle Gläubigkeit immer mehr verschwindet. Meine Fragen sind: Wohin führt das? Wie können wir antworten? Das bisherige kirchliche „Angebot“ wird ja nicht mehr wahrgenommen: weniger Teilnahme an Sonntagsgottesdiensten, weiniger kirchliche Gruppen und Vereine, weniger Beerdigungen, Hochzeit, Taufen, Beichten usw.

Den Individualisierungsschub in der Gesellschaft spüren auch wir im Kloster.

Beenden wir das Interview mit positiven Gedanken: Was macht Ihnen Freude?

Da ist vor allem der Schatz wertvoller Mitbrüder in der Provinz zu nennen. Aber auch die Einbindung etlicher Mitbrüder aus ausländischen Provinzen hier bei uns in der deutschen Provinz ist ein großer Gewinn. Ohne sie könnten wir nicht weitermachen.

Hoffnungsvoll stimmt mich, dass wir- auch in dieser säkularen Gesellschaft - als Ordensleute angefragt werden, besonders auch von suchenden Menschen in ihren Fragen nach geistlichem Leben. Unsere Klöster entwickeln sich mehr und mehr zu „geistlichen Zentren“. Antoine de St. Exupéry drückt das so aus: „Der Menschen lebt nun mal nicht auf Dauer von Kühlschränken, Politik, Finanzen und Kreuzworträtseln.“

Um es mit unseren Worten zu sagen: Wir selber wollen geistlich leben, durch geistliche Lesung, Anbetung, Stille, Schweigen und in der Eucharistie. So werden wir auch fähig, Andere auf ihrem geistlichen Weg zu begleiten. Der Geist ist es, der lebendig macht.

 

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