Fastenimpuls 4: Den Fremden aufnehmen

Die „sieben Werke der tätigen Barmherzigkeit“ – Wie können wir in Zeiten von Corona Solidarität gegenüber unseren Mitmenschen zeigen? Sozialkontakte sollen wir meiden – aber vielleicht können wir anders helfen? Im besten Fall hilft uns diese Zeit zu erkennen, was wirklich wichtig ist. Jetzt und zukünftig.

„Als ich die portugiesisch-sprachige Gemeinde in Berlin im Oktober 2012 übernommen habe, gab es nur den Sonntagsgottesdienst für die Erwachsenen und den samstäglichen Religionsunterricht für Kinder. Keine Frage: Diese Gottesdienste sind sehr wichtig. Denn viele unserer Teilnehmer können kein Deutsch. Noch schwieriger wäre es, an der Heiligen Messe in einer deutschen Gemeinde teilzunehmen. Man betet mit Gefühlen, mit dem Herz und Verständnis. Ohne die Sprache zu verstehen, geht es nicht.

Aber ich habe schnell gemerkt, dass das nicht ausreicht: Die Menschen brauchen einen Ort, an dem sie sich treffen und miteinander reden können. Ich finde es großartig, dass unsere Gemeinde heute ein Stück Heimat für diese „Ausländer“ geworden ist. Das gelingt durch verschiedene Angebote:

An jedem ersten Sonntag des Monats, nach der 11-Uhr-Messe, findet unser „confraternizacäo mensal“ statt. Dafür bringt jede Familie Essen mit, das auf einem großen bunten Büffet steht, und von dem sich alle bedienen können. Meistens zieht es sich bis in den Nachmittag. Denn die Besucher nutzen die Gelegenheit, sich zu unterhalten, Informationen auszutauschen. Inzwischen ist unser Gemeindesaal zu klein dafür, so dass wir in die Aula des Schulzentrums Edith Stein umgezogen sind.

Dieses Mittagessen wurde Anfang 2013 eingeführt, seit Sommer 2013 gibt es auch einen sonntäglichen Kaffee und Kuchen. Der Kuchen wird von Gemeindemitgliedern gespendet. Dabei wird auch Salziges nach portugiesischer Art (Risóis und Coxinhas) angeboten. Auch das ist ein Stück Heimat, das die Menschen erleben. Unser sonntäglicher Kaffee ist zu einem Treffpunkt für die Mitglieder der Gemeinde geworden.

Und die gemeinsame Mahlzeit, zu der jeder etwas beisteuert, ist eine Übung, nicht nur an sich selbst, sondern auch an Andere zu denken. So ist es schon passiert, dass nicht genug Essen für Alle da war. Auch daraus kann man lernen.

Aber das Ziel ist nicht nur gemeinsames Essen und Trinken. Darüber hinaus sind wir immer offen und bereit für jene, die in Not sind. Weil viele die deutsche Sprache nicht gut genug können, brauchen sie Hilfe- etwa bei der Übersetzung von Briefen, die sie von Jobcenter, Krankenkasse, Sozialamt oder anderen Einrichtungen bekommen, oder beim Ausfüllen von Formularen. Einige bitten um Rat, weil sie ihre Rechte und Pflichten nicht kennen. Eine ehrenamtliche Kraft, Albertina Gaspar, ist bei diesem Bereich eine große Unterstützung. Sie kommt aus Angola und hat hier in Berlin studiert.

Im Lauf der Zeit sind wir auch deutlich bunter geworden; neben Menschen aus Portugal und Brasilien sind etwa auch solche aus Kap Verden und Guinea-Bissau zu uns gestoßen. Unser Zusammenessen lehrt uns immer wieder, Familie und Gemeinde zu sein. Dort sprechen wir über das Leben, über Probleme, über Erziehung, über Arbeit - über alles. Rund um den Tisch nähren wir unseren Körper und unsere Seele.

Als Nahrung brauchen wir aber mehr als das: etwa die Eucharistie oder auch einen Bibelkreis. Wir sind gemeinsam unterwegs, und dabei helfen uns auch unser Glauben und das Evangelium.
Und es gibt in unserer Gemeinde viele Mitglieder, die sich für das Wohl der Anderen und der Gemeinde engagieren. Wir haben Katechetinnen, Frauen, die die Kirchen schmücken und putzen, zwei Musikgruppen und Musikanten, einen Pfarrgemeinderat, Menschen die die Feste und Zusammenkünfte vorbereiten, Bibelkreis, Frauentreffen und Menschen, die für uns alle den Rosenkranz beten.

Sie wollen wissen, wie Sie damit im Alltag umgehen können? – Lesen Sie das Johannesevangelium, Kapitel 6, 26-27: „Jesus antwortete ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Ihr sucht mich nicht, weil ihr Zeichen gesehen habt, sondern weil ihr von den Broten gegessen habt und satt geworden seid. Müht euch nicht ab für die Speise, die verdirbt, sondern für die Speise, die für das ewige Leben bleibt und die der Menschensohn euch geben wird! Denn ihn hat Gott, der Vater, mit seinem Siegel beglaubigt.“

Ich denke, in normalen Zeiten erlangen wir durch die Verbindung von gemeinsamem Essen und Feiern und die Eucharistie eine Einheit in unserer Gemeinde. Jetzt müssen wir andere Wege suchen, um miteinander in Kontakt zu bleiben.“

 P. Tarcisío Darrós Feldhaus SCJ, Seelsorger der portugiesisch-sprachigen Gemeinde in Berlin

Foto ©: scj / Markus Mönch -  Albertina Gaspar während der Beratung

Info:

An jedem Donnerstag erscheint hier auf scj.de ein Impuls für die kommende Woche. Grundlage für die Impulse sind die „7 Werke der leiblichen Barmherzigkeit“.

Bisher erschienen:

Fastenimpuls 1: Die Hungernden speisen

Fastenimpuls 2: Den Dürstenden zu Trinken geben

Fastenimpuls 3: Die Nackten bekleiden

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