Segensorte unter schwierigsten Bedingungen - Eine Reise durch Kamerun

Collage aus vier Bildern: P. Tertünte und Menschen in Kamerun
Autor
Deutsche Ordensprovinz der Dehonianer SCJ
Datum
18.5.26

Anlässlich der Priesterweihe von Frater Kisito Ninpa Fogan SCJ am Samstag, 16.05.2026, ist Provinzial Pater Stefan Tertünte SCJ nach Kamerun gereist. Er berichtet von seinen Erlebnissen und Erfahrungen. Er hat einen typischen Sonntag in Yaoundé mit den vielen Gottesdiensten und aktiven Gruppierungen erlebt und die große Bäckerei der Herz-Jesu-Priester in Nkongsamba besucht.

Jeunes en difficultés (JED) – Jugendliche in Schwierigkeiten in Bafoussam

„Die Jugendlichen, die zu uns kommen, haben ganz unterschiedliche Schwierigkeiten“, erklärt P. Collins Etienne Nguefo Titsaning SCJ. "Eiinige haben kognitive Schwierigkeiten, andere sind Autisten, wieder andere haben körperliche Behinderungen. Bei allen geht es darum, dass sie bei uns so geschult werden, dass sie eine Chance auf dem Arbeitsmarkt haben“.

Der 48jährige Herz-Jesu-Priester leitet seit zwei Jahren das herausragende Sozialprojekt der Kameruner Ordensprovinz, mit dem Namen „Jeunes en difficultés“ (JED) – „Jugendliche in Schwierigkeiten“. 75 Jugendliche zwischen 10 und 20 Jahren besuchen momentan montags bis freitags die Einrichtungen.

Kern des Projektes sind die unterschiedlichen Lehrwerkstätten: eine Schreinerei, eine Werkstatt für Metallbauer, aber auch ein Friseursalon und eine Nähwerkstatt gehören dazu. 6 Ausbilder sind vollzeitangestellt, weitere sechs in Teilzeit. Die Angestellten müssen nicht nur handwerklich geschult sein, sie müssen auch mit den Einschränkungen der Jugendlichen, umgehen können.

„Natürlich bräuchten wir regelmäßige Besuche durch Ärzte und Psychologen“, erläutert P. Collins, „aber dazu fehlt das Geld“. Seitens des Staates gibt es manchmal wohlwollende Worte, finanzielle Zuschüsse jedoch nie. 1991 wurde JED von einem französischen Herz-Jesu-Priester gegründet. Seit der letzte Missionar wieder nach Europa zurück gegangen ist, ist auch die Unterstützung durch europäische Wohltäter stark zurückgegangen. Zwar gibt es in Frankreich noch einen Verein, in dem Freunde von JED organisiert sind und immer wieder Hilfsaktionen starten – dennoch: Der Großteil der Betriebskosten muss in vor Ort erwirtschaftet werden.

Was dies bedeutet, zeigt uns P. Collins bei einem Gang durch die örtliche Umgebung. Da ist zum Beispiel ein zweistöckiges Haus im Eigentum von JED, in dessen oberer Etage Wohnungen vermietet werden, während im Erdgeschoss unterschiedliche Geschäfte untergebracht sind. Auch deren Miete fließt in das Sozialprojekt. Hier sind auch ein kleines Restaurant und ein richtiger Friseurbetrieb untergebracht, wo sich jugendliche Absolventen von „Jugendliche in Schwierigkeiten“ ausprobieren können.

Dennoch: Immer wieder kommen wir auf dem Gelände von JED an Maschinen vorbei, die offensichtlich alt und zum Teil nicht mehr betriebsbereit sind – mangels Geldes.
Bei unserem Rundgang statten wir auch der Geflügelzucht einen Besuch ab. Hühner, Gänse, Enten und anderes Federvieh wird hier gehalten. „Das haben wir angelegt für die Jugendlichen, die wirklich in keiner anderen Werkstatt zurechtkommen. Hier können sie sich immer noch nützlich machen und in geregelte Arbeitsabläufe einarbeiten“, sagt der Leiter der Einrichtung.

Wie P. Collins alles erzählt und erklärt, überzeugt und mit einem Lächeln, wächst in mir großer Respekt, dass durch ihn und andere Menschen dieser Segensort unter schwierigsten Bedingungen bestehen kann.

Von der Krippe bis zum Abitur – Der Einsatz der Herz-Jesu-Priester für Bildung und Schule in Nkongsamba

Der heutige Tag stand ganz im Zeichen von Bildung und Erziehung. Immer noch in Nkongsamba haben wir verschiedene Projekte der Herz-Jesu-Priester besucht. Diese reichen von der Kinderkrippe bis zum Abitur. Allein das Herz-Jesu-Gymnasium in unserer Trägerschaft zählt knapp 600 Schüler und Schülerinnen – Tendenz steigend.

Dort treffe ich auch auf einen alten Bekannten: P. Colince Michel Fouateu Kamdem SCJ. Er hat sein komplettes Theologiestudium in Freiburg absolviert und war Mitglied unserer dortigen Ausbildungskommunität. Hier ist er der Direktor des zweisprachigen Gymnasiums. Das bedeutet, dass es Klassen gibt, die komplett auf Englisch oder komplett auf Französisch unterrichtet werden – unter einem Dach.

Ab und zu „gönnt sich“ P. Michel den Luxus, Deutsch zu unterrichten. Immer noch ist Deutsch ein vielfach praktiziertes Unterrichtsfach in Kamerun. Die dafür hauptsächlich zuständige Lehrerin ist froh, mal mit einem richtigen Deutschen sprechen zu können. Ihr Deutsch ist absolut korrekt, Wortschatz und Grammatik fehlerfrei. Nur nach Deutschland konnte sie noch nicht reisen. Um so mehr bewundere ich, welche Kenntnisse sie sich allein durch Schule und Universität erworben hat.

Bei unserem Gang durch das Schulgebäude begleitet mich ein vielstimmig wiederholtes „Guten Morgen!“ Was den Erfolg einer solchen katholischen Schule in Kamerun ausmacht? Für P. Michel ist das klar: „Unterrichtsqualität, Disziplin und das Engagement der Patres und Lehrkräfte“. Aber auch das Vorhandensein von schuleigenen Schülerbussen und ein Computerraum sind nicht zu vernachlässigende Faktoren, die anziehen. Immer wieder kommen wir, gerade beim Besuch der Schule für jüngere Schüler und Schülerinnen, an noch nicht fertig gebaute Gebäudeteile. „Wenn wir wieder Geld haben, können wir weiterbauen“ heißt es dann oft.

In Deutschland unvorstellbar, einen Schulbau anzufangen, ohne das Geld für das ganze Projekt zu haben. In Kamerun würden hingegen die meisten Schulen überhaupt nicht existieren, wenn alles Geld schon am Anfang da sein müsste. Es braucht schon viel Optimismus und Enthusiasmus, immer wieder daran zu glauben, dass nach und nach Bauabschnitte finanziert werden können – bis dann tatsächlich eine ganze Schule steht.

Bruder Achille und die Bäckerei der Herz-Jesu-Priester

Während sich die Mitbrüder im Provinzialat in Nkongsamba (Kamerun) einer nach dem anderen zu Bett begeben, läuft für einen von ihnen der Arbeitstag noch auf Hochtouren. Bruder Achille Tekadam Tiave scj ist noch eifrig unterwegs in den Räumlichkeiten der ordenseigenen Bäckerei.

Sacred Heart Global Service ist der Name, und Bruder Archille ist seit 15 Jahren ihr Leiter. Innerhalb dieser Jahre hat er noch einen Masterstudiengang in Unternehmensführung absolviert. Defacto kümmert er sich aber um alles: Um Schrauben, die im Backofen fehlen, um die Annahme und Bezahlung von Aufträgen. Und jeden Tag bzw. jede Nacht, bevor die ersten Wagen die Baguettes ausliefern, macht er stichprobenartig eine Qualitätsüberprüfung. „Jeden Tag produzieren wir 9.000 Baguettes, aber wir haben noch Kapazitäten nach oben“, sagt Bruder Achille.

Für die Finanzen der Kameruner Provinz der Herz-Jesu-Priester sind die täglichen 9.000 Baguettes immens wichtig. Unter den Versuchen, selber Geld zu erwirtschaften, um nicht ausschließlich auf Spenden angewiesen zu sein, ist die Bäckerei das Vorzeigemodell. 16 Mitarbeiter sind hier tätig, in der Herstellung, in der Auslieferung, in der Verwaltung.

„Die Konkurrenz in der Stadt ist groß“, bemerkt der Bäckereileiter, „aber wir halten uns gut. Und wir zahlen die besten Löhne in der Stadt“. Der Konkurrenzkamp wird jedoch nicht immer mit sauberen Mitteln gefochten: „Es kann schon mal vorkommen, dass einer der Techniker vom Konkurrenzunternehmen bestochen wird, um möglichst unauffällig einen technischen Schaden zu provozieren“. Die Gewinne werden zu einem guten Teil zur Rücklagenbildung genutzt, um neue Maschinen anzuschaffen.

Der große Traum: „Wir möchten eine Filiale in einer der umliegenden Städte aufmachen – aber dazu braucht man richtig viel Geld“, meint Br. Achille. Wenn die ersten Auslieferungen um 1 oder 2 Uhr beginnen, darf auch er sich zu Bett begeben.

Immer ein schönes Erlebnis: Gottesdienste in Afrika

Am Sonntag war ich in Yaoundé, der Hauptstadt Kameruns, in unserer Pfarrei Hl. Erzengel Michael zu Gast. Dort werden sonntags sieben Messen gefeiert. Die am besten besuchten sind die um 6.30 Uhr und um 8 Uhr morgens. Die Kirche ist immer voll – und die Kirche ist wirklich groß.

Es war wieder ein schönes Erlebnis von einem Gottesdienst in Afrika, natürlich mit einem starken Chor, vielen Gesängen, etwas Bewegung und einer sehr lebendigen Predigt.

Schön war auch, dass ich Pater Emmanuel Nnomo Zambo SCJ wieder treffen konnte, der vor etwa zehn Jahren eine ganze Zeitlang in Deutschland gelebt und in Handrup in der Schulseelsorge mitgearbeitet hat.

Pater Emmanuel führte uns durch die Pfarrei, vor allem durch die Räumlichkeiten rund um die Kirche. Wir haben unter anderem einen kurzen Besuch bei der eucharistischen Jugendbewegung gemacht, die gerade ihr Treffen hatte und uns erklärte, was sie sonntags machen. Das ist ein Mix aus Musik, Katechese und Diskussion untereinander.

An anderen Ständen wurde deutlich, dass sich jede Gruppe, die es in der Gemeinde gibt  - und es gibt sehr viele Gruppierungen – selbst darum kümmern muss, wie sie sich und ihre Aktivitäten finanziert. Deshalb sieht man überall junge oder ältere Menschen an einem Tisch, wo sie verschiedene Produkte anbieten, und wo sie in ganz großer Geduld warten müssen, dass jemand vorbeikommt, um etwas zu erwerben.

Dann war ich beim Zentrum Maria Goretti. Junge Mädchen, die nicht in der Lage sind, eine Schule zu besuchen, erhalten dort die Möglichkeit eine Grundschulausbildung zu bekommen und vor allem praktische Handwerke wie Scheidern und Nähen erlernen, damit sie damit ihren Lebensunterhalt verdienen können.

Foto © scj.de