
Vom 15. bis 19. Juni 2026 machten sich neun Mitglieder der Deutschen Provinz auf den Weg zu den Ursprungsorten der Kongregation der Herz-Jesu-Priester. Die Quellenfahrt führte die Teilnehmer in die nordfranzösische Region Hauts-de-France, nach La Capelle und Saint-Quentin, sowie anschließend nach Brüssel in Belgien. Alle diese Orte sind eng mit dem Leben, Wirken und der letzten Lebensphase Pater Léon Dehons verbunden.
Die Reise stand im Zeichen des bevorstehenden 150-jährigen Jubiläums der Gründung der Kongregation der Herz-Jesu-Priester, das wir 2028 feiern werden. Sie war zugleich die erste gemeinsame Jubiläumsinitiative der Provinz und verstand sich nicht als historische Studienreise, sondern als geistlicher Weg zu den Quellen unseres Charismas.
An der Fahrt nahmen der Provinzial P. Stefan Tertünte und Bruder Josef Faath aus Neustadt, P. Franz Medryk, der derzeit in Österreich tätig ist, P. Tarcisio Feldhaus, P. Jean Bruno Razafimanantsoa und Frater Chadrack Mpungu aus Freiburg, P. Ricardo Diniz aus Handrup sowie P. Cleber Sanches aus Berlin teil. Organisiert und begleitet wurde die Quellenfahrt von P. Ryszard Krupa, ebenfalls aus der Berliner Kommunität.
Die Gemeinschaft traf sich zunächst im Kloster Maria Martental. Das Kloster wurde zum Ausgangspunkt der gemeinsamen Tage. Hier begann die Reise mit Begegnung, Gebet und gemeinsamer Vorbereitung auf die kommenden Stationen.
Bereits hier wurde deutlich, dass die Quellenfahrt mehr sein würde als eine Besichtigung historischer Orte. Sie wollte die Frage stellen: Was sagen uns die Quellen unseres Ordens heute?
Der erste große Zielort war La Capelle, die Geburtsstadt Pater Dehons. Die Gemeinschaft vor Ort empfing die Teilnehmer sehr herzlich. Nach der Ankunft waren alle zu einem gemeinsamen Abendessen eingeladen. Serviert wurde ein vietnamesisches Barbecue, das von allen sehr geschätzt wurde und bereits zu Beginn der Reise eine Atmosphäre der Gastfreundschaft und der Gemeinschaft entstehen ließ.
Die Mitbrüder vor Ort führten die Gruppe anschließend durch das Geburtshaus des Gründers.
Das Betreten jenes Hauses, in dem Léon Dehon am 14. März 1843 geboren wurde und seine Kindheit verbrachte, gehört zweifellos zu den bewegendsten Erfahrungen einer solchen Reise. Geschichte wird hier konkret. Der Gründer erhält eine Adresse, Räume und eine Lebenswelt.
Die Teilnehmer besuchten außerdem die heutige Pfarrkirche am Ort der ehemaligen Taufkirche Pater Dehons. Das ursprüngliche Gotteshaus, in dem Léon Dehon getauft wurde, existiert nicht mehr; die heutige Kirche wurde später an derselben Stelle errichtet. Das Gotteshaus befindet sich heute in staatlichem Besitz. Die Möglichkeiten zur Erhaltung und Renovierung sind dadurch begrenzt. Der Zustand der Kirche und mancher anderer historischer Orte macht deutlich, dass die Quellen unserer Geschichte auch der Sorge und Aufmerksamkeit der heutigen Generationen bedürfen.
Anschließend besuchte die Gruppe den Friedhof, auf dem die Familie Dehon beigesetzt ist. Dort ruhen die Eltern Pater Dehons, Jules Dehon und Stéphanie Vandelet sowie sein Bruder Henri Dehon und weitere Angehörige der Familie Dehon. Die Grabinschriften erinnern daran, dass die Familie über Generationen hinweg eng mit dem öffentlichen Leben der Stadt verbunden war. Henri Dehon war Bürgermeister von La Capelle, Generalrat des Départements Aisne und Ritter der Ehrenlegion. Vor dem Familiengrab wurde deutlich, wie sehr Pater Dehon in seiner Heimat und seiner Familie verwurzelt war. Zugleich verweist dieser Ort auf den Weg, den sein Leben später nahm: von der kleinen Stadt La Capelle hinaus zu einer weltweiten Sendung der Herz-Jesu-Priester.
Auch das traditionsreiche Hippodrom von La Capelle wurde besucht. Es bestand bereits zu Zeiten Pater Dehons und ist bis heute ein bedeutender Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens der Stadt. Bei großen Renntagen werden dort Millionenbeträge umgesetzt.
Gleichzeitig hinterließ die Stadt bei manchen Teilnehmern einen nachdenklichen Eindruck. Die wirtschaftlichen und strukturellen Herausforderungen sind sichtbar. Manche Straßen und Gebäude wirken über Jahrzehnte hinweg nahezu unverändert. Gerade dadurch entsteht ein bemerkenswerter Kontrast: Aus dieser kleinen Stadt im Norden Frankreichs ging Léon Dehon hervor, der später die Kongregation der Herz-Jesu-Priester gründete, die heute in zahlreichen Ländern und auf mehreren Kontinenten vertreten ist.
Von La Capelle führte der Weg nach Saint-Quentin. Kaum ein anderer Ort ist so eng mit dem Wirken Pater Dehons verbunden.
Zunächst besuchte die Gruppe die Basilika Saint-Quentin, in der Pater Dehon als siebter Vikar tätig war. Während einer Führung wurde die Geschichte der imposanten Kirche erschlossen. Die Basilika erlitt während des Ersten Weltkriegs schwere Zerstörungen. Nach der Besetzung der Stadt wurden große Teile des Gebäudes beschädigt, 1917 zerstörte ein Brand das Dach, Gewölbe stürzten ein und Teile der Kirche sollten sogar gesprengt werden. Pater Dehon selbst erlebte das Leid des Krieges und die Verwüstung seiner Stadt und schrieb in seinen Aufzeichnungen über den Schmerz, Saint-Quentin und seine Werke zerstört zu sehen. Erst nach dem Krieg begann ein langwieriger Wiederaufbau der Basilika.
Zu Fuß ging die Gruppe anschließend zur Kirche Saint-Martin. Unterwegs wurde am ehemaligen Patronat Saint-Joseph Halt gemacht, von dem heute nur noch das Eingangstor erhalten ist. Das Patronat gehörte zu den bedeutenden sozialen Werken Pater Dehons und war Ausdruck seines Einsatzes für Jugendliche und Arbeiter.
Die Kirche Saint-Martin wurde Ende des 19. Jahrhunderts auf Wunsch des Bischofs von Soissons für die wachsenden Arbeiterviertel der Stadt errichtet und ist bis heute eng mit dem Leben und Wirken Pater Dehons verbunden. Hier entfaltete sich ein wichtiger Teil seines pastoralen und sozialen Engagements. Heute befinden sich in der Kirche die Gräber von Pater Léon Dehon und Pater André Prévot, wodurch Saint-Martin zu einem besonderen Ort der Erinnerung und der dehonianischen Spiritualität geworden ist.
Eine Gruppe dehonianischer Laien erwartete die Teilnehmer zur Eucharistiefeier. Provinzial P. Stefan Tertünte stand der Messe vor. Die Homilie wurde auf Deutsch gehalten und anschließend in französischer Sprache zusammengefasst. Die Feier machte die internationale Wirklichkeit der Kongregation sichtbar.
Im benachbarten Maison du Sacré-Coeur kamen die Teilnehmer mit Mitbrüdern und Laien zusammen. Die herzliche Gastfreundschaft und die gemeinsame Mahlzeit stärkten die Verbundenheit über Sprach- und Ländergrenzen hinweg.
Am Nachmittag hielt P. José Agostin einen Vortrag über die „vier Leos“: Léon Dehon, Léon Harmel, Papst Leo XIII. und Papst Leo XIV.
Dabei wurden die sozialen Anliegen Pater Dehons und ihre Aktualität für die Kirche von heute deutlich.
Besonders intensiv wurde über die Zukunft der historischen Häuser in La Capelle und Saint-Quentin gesprochen. Das Jubiläum der Kongregation führt vielerorts zu einer neuen Aufmerksamkeit für die Quellen des Ordens. P. José Agostin ermutigte dazu, diese Orte neu bekannt zu machen und kreative Wege zu suchen, um Menschen mit den Ursprüngen unseres Charismas in Berührung zu bringen.
Im Collège Saint-Jean, das von Pater Dehon gegründet wurde, führte ein Diözesankaplan durch die Schule. Heute bilden Saint-Jean und La Croix eine gemeinsame Einrichtung.
Der Rundgang führte sowohl durch die modernen Gebäude als auch durch die historischen Räume, die bereits Pater Dehon kannte.
Besonders bewegend war der Besuch des Denkmals an der Stelle der ehemaligen Kapelle. Die Inschrift erinnert: „An dieser Stelle stand die ehemalige Kapelle, in der Pater Dehon am 28. Juni 1878 seine ersten Ordensgelübde ablegte. Hier wurde die Kongregation der Herz-Jesu-Priester gegründet.“
Die ursprüngliche Kapelle existiert nicht mehr. Dennoch bleibt dieser Ort das eigentliche Herz der Gründung.
Anschließend besuchte die Gruppe die Herz-Jesu-Statue, vor der Pater Dehon seine ersten Gelübde ablegte. Die Statue wird bis heute bewahrt. Vor demselben Bild des Herzens Jesu, vor dem der Gründer sein Leben Gott übergab, konnten die Teilnehmer innehalten und beten.
Die lateinische Inschrift am Sockel erinnert an dieses Ereignis: „Vor diesem heiligen Bild legte Leo Dehon am 28. Juni 1878 seine Ordensgelübde ab. Der Ehrendomherr von Soissons, Gründer des Collège Saint-Jean und Stifter der Kongregation der Herz-Jesu-Priester, schenkte dem Göttlichen Herzen sein ganzes Herz und zugleich sein ganzes Leben. Zum bleibenden Gedächtnis an dieses Ereignis haben spätere Generationen diese Inschrift angebracht.“
Diese Worte bringen die geistliche Mitte der Quellenfahrt in besonderer Weise zum Ausdruck. Die Teilnehmer standen vor demselben Bild des Herzens Jesu, vor dem der Gründer der Kongregation vor fast 150 Jahren seine Hingabe an Gott und seine Sendung aussprach.
Die Geschichte des Hauses wurde vorgestellt. Das Brüsseler Haus war über viele Jahre Sitz der Generalleitung der Kongregation. Von hier aus wurden etwa 400 Herz-Jesu-Priester in den Kongo ausgesandt. Bereits 1897 wurden die ersten dehonianischen Missionare von Europa aus in den Kongo entsandt. Die Mission gehörte zu den frühen missionarischen Unternehmungen der jungen Kongregation und lag Pater Dehon besonders am Herzen. Über viele Jahrzehnte blieb das Brüsseler Haus ein wichtiger Ausgangspunkt für die afrikanischen Missionen. Für zahlreiche Mitbrüder war es der letzte Ort des gemeinschaftlichen Lebens in Europa, bevor sie ihren Dienst auf dem afrikanischen Kontinent begannen.
Heute leben vier Mitbrüder in der Gemeinschaft, darunter zwei Studenten aus afrikanischen Ländern. Auch dies macht die weltweite Wirklichkeit der Kongregation sichtbar.
Am folgenden Tag besuchten die Teilnehmer die Kathedrale von Brüssel sowie die Kirche Notre-Dame des Victoires. Die Gruppe erreichte diese letzte Kirche nur wenige Minuten vor Schließung, da unmittelbar anschließend die Abendmesse begann.
Die Teilnehmer blieben zur Heiligen Messe und zur anschließenden Eucharistischen Anbetung. Während der Anbetung betete der vorstehende Priester die Herz-Jesu-Litanei, während die Teilnehmer gemeinsam mit den übrigen Gläubigen in der Kirche die Feier begleiteten. Manche empfanden dies als eine besondere Fügung. Die Spiritualität des Herzens Jesu begleitete die gesamte Reise und fand hier einen stillen Höhepunkt.
Am letzten Tag der Quellenfahrt besuchte die Gruppe das Missionsmuseum des Kongo, das sich im Haus der Gemeinschaft befindet und an die vielen Missionare erinnert. Hier lagern die unterschiedlichsten Gegenstände, die Missionare von Afrika mitbrachten. Besonders bewegend sind die Fotografien der jungen Patres und Schwestern, oft mit handschriftlichen Datierungen ihres Aufenthalts. Viele verstarben nur ein oder zwei Jahre nach ihrer Ankunft. Bruder Josef Faath erzählte, dass manche schon während der Reise an Fieber starben. Trotz dieser Gefahren gingen sie mit tiefem Glauben und großem Mut. Besonders eindrucksvoll ist die große Zahl junger Menschen, die bereit waren, diesen Weg zu gehen.
Von besonderer Bedeutung ist das Brüsseler Haus als Sterbeort Pater Dehons. Hier verbrachte der Gründer seine letzten Lebenstage und starb am 12. August 1925. Bis heute sind das Zimmer und das Bett erhalten, in denen er seine letzten Stunden verbrachte.
Provinzial P. Stefan Tertünte lud die Teilnehmer dort zu einem gemeinsamen Gebet ein. Dabei wurde ein zeitgenössischer Bericht über die letzten Stunden Pater Dehons vorgelesen, der schildert, wie die Mitbrüder ihn bis zu seinem letzten Atemzug begleiteten.
Die eindrucksvolle Schilderung der letzten Stunden Pater Dehons überraschte viele Teilnehmer, da die meisten diesen Bericht bisher nicht kannten. Die letzten Augenblicke des Gründers wurden dadurch auf besondere Weise gegenwärtig.
Gerade an diesem Ort wurde deutlich, dass die Quellen der Kongregation nicht nur in ihren Werken und Institutionen liegen, sondern auch im Glauben und in der Hingabe ihres Gründers bis zu seinem letzten Augenblick.
Zum Abschluss der Quellenfahrt stand P. Jean Bruno der Eucharistiefeier vor. Nach dem gemeinsamen Mittagessen trat die Gruppe die Rückreise nach Maria Martental an.
Nach der Rückkehr nach Maria Martental endete die Quellenfahrt mit einem gemeinsamen Abend im Erholungszimmer des Klosters.
In den folgenden Stunden und am nächsten Tag machten sich die Teilnehmer wieder auf den Weg in ihre jeweiligen Gemeinschaften. Über die gemeinsame WhatsApp-Gruppe trafen nach und nach die Nachrichten ein, dass alle gut und sicher an ihren Einsatzorten angekommen waren.
Die Quellenfahrt 2026 war weit mehr als eine Reise in die Vergangenheit. Sie machte deutlich, dass die Geschichte der Kongregation nicht abgeschlossen ist.
Manche Orte wirken lebendig und voller Zukunft. Andere Orte tragen die Spuren der Zeit und stellen Fragen an die heutige Generation. Überall aber wurde deutlich: Die Quellen unseres Charismas bleiben lebendig, wenn Menschen sie aufsuchen, sich von ihnen berühren lassen und daraus neue Wege für die Zukunft entwickeln.
Im Blick auf das Jubiläum der Kongregation im Jahr 2028 war diese erste gemeinsame Quellenfahrt deshalb nicht nur eine Erinnerung an die Vergangenheit, sondern zugleich ein Schritt in die Zukunft.
Denn die Rückkehr zu den Quellen bedeutet nicht, stehen zu bleiben. Sie bedeutet, neu zu entdecken, was Pater Dehon der Kongregation und der Kirche heute zu sagen hat.
Fotos © und Text: Pater Cleber Sanches SCJ