
Der Pastoraltheologe Prof. Dr. Jan Loffeld erklärt, warum Gott vielen Menschen nicht fehlt – und was das für Kirche, Gesellschaft und Orden bedeutet. (Das Interview entstand für unser Ordensmagazin „Dein Reich komme“. Dies ist die vollständige Mitschrift.)
Sie beschreiben eine Gesellschaft, in der vielen Menschen nichts fehlt – und in der Gott keine Rolle spielt. Was sagt das über den religiösen Zustand unserer Gegenwart?
Vielen Menschen in unserer Gesellschaft fehlt schon viel. Denken Sie an die individuelle Einsamkeit oder auf kollektiver Ebene an Lösungen für die angefragte moderne Demokratie. Der springende Punkt scheint mir aber zu sein, dass Religion und Gott sowohl in diesen Fragen aber auch in den Antworten, die man noch finden muss, keine ernsthafte Rolle mehr spielt. Gott ist als Option schlichtweg raus.
Obwohl man lange davon ausging, dass die Sehnsucht nach Gott im Menschen angelegt ist. Ist diese Annahme heute überholt?
Ich würde den Menschen generell auf Gott hin angelegt denken, weil er sein Geschöpf ist. Jedoch muss ich dies deutlich als meine christliche Perspektive kenntlich machen und als solche transparent argumentieren, denn sie ist gesellschaftlich nicht mehr konsensfähig. Ich denke, dass sich aus dieser Sicht die Gottesanlage als Potenzial, als Disposition verstehen lässt, die man aktivieren kann, aber aus Sicht Einzelner nicht muss.
Säkularität wird oft als Verlustgeschichte erzählt. Sie hingegen sprechen eher von religiöser Gleichgültigkeit als Normalzustand. Was unterscheidet beides – und warum ist diese Unterscheidung wichtig?
Wenn ich vom Verlust ausgehe, dann unterstelle ich ein allgemeines Defizit, das jeder so empfinden muss, wie ich es verstehe. Wenn ich aber die Realität beschreibend verstehen will, muss ich sagen: Viele Menschen nehmen sicherlich Etliches als Verlust wahr: den Verlust an Sicherheiten oder die Aussicht auf ungebrochenen Wohlstand für die Zukunft. Den Verlust Gottes in ihrem Leben aber nicht,. Denn entweder sind sie schon die zweite oder dritte areligiöse Generation, oder es geht ihnen nichts ab, wenn sie den Glauben ihrer Eltern nicht übernehmen. Glaube schleift sich aus, kommt gar nicht mehr richtig vor, wird meistens vergessen, weil er für viele keine Probleme mehr löst und etwas für sie völlig Unanschauliches repräsentiert.
Wenn Gott für viele Menschen schlicht irrelevant geworden ist: Welche Konsequenzen hat das für kirchliche Verkündigung?
Dass sie dies zunächst akzeptiert und versucht, dennoch auf verschiedene Weise vom Mehrwert eines Lebens mit Gott zu erzählen – ohne allerdings anderes abzuwerten. Denn das funktioniert nicht mehr. Wenn Sie von etwas begeistert werden wollen, geht das meistens nicht über die Abwertung des derzeitigen Ist-Standes.
Die Kirchen haben lange versucht, religiöse Gefühle zu wecken – durch Rituale, Sprache oder Gemeinschaft. Warum greifen diese Strategien heute immer weniger?
Vielleicht greifen sie ja in Einzelfällen. Man muss nur immer mitbedenken, dass es keine Garantien gibt und das auch Momentaufnahmen sein können. Letztere haben sicher einen Wert an sich, an die Menschen später wieder anschließen können. Als Lebensmaxime stellt sich eine religiöse Einstellung aber tatsächlich selten als eine „gemachte“ ein. Vielleicht müssen wir das lernen: Wir machen den Glauben nicht. Bestenfalls stellen wir Räume und Kontexte, in denen Erfahrungen sich zeigen, rückgebunden oder vertieft werden können.
Ist die Krise der Kirchen in erster Linie eine Glaubenskrise – oder eher eine Relevanzkrise in einer funktional gut organisierten Gesellschaft?
Im 21. Jahrhundert sprechen wir berechtigt von Polykrisen, die sich überlappen und darin ununterscheidbar werden. Ich würde tatsächlich von einer großen Transformation sprechen. Wie groß sie ist, müssen Generationen nach uns bewerten. In dieser Transformation sind wir als Religionsgemeinschaften gerade eher passiv. Dennoch haben wir sicherlich Gestaltungsräume, die allerdings die Transformation an sich wenig beeinflussen werden. Was gestaltbar ist, um sich konstruktiv in den anderen Kontexten zu verorten und was nicht, das ist die wesentliche pastorale Unterscheidungskunst unserer Tage.
Braucht man Kirche überhaupt, um einen eigenen Glauben zu ermöglichen oder das Heilige zu erleben?
Die Kirche bekommt eine neue Rolle. Für die meisten ist sie ein „Zuhause im standby“, um das ich weiß, das ich aber für meine normale Lebensführung nicht benötige. Für Menschen die den Glauben (wieder) entdecken, wird sie zu einer „Dockingstation“, an der ich idealerweise Kraft und Energie bekomme, meine subjektiven Erfahrungen mit der Gesamtheit der Tradition und des Glaubens zu vermitteln, um schließlich als Christ in dieser Welt zu leben. Empirisch ist bekannt, dass die Kirche in diesem Sinne eine Rolle „zweiter Ordnung“ spielt, denn ein Glaube, der nicht irgendwann gemeinschaftlich rückgebunden wird, verdunstet in den meisten Fällen wieder.
Sie sprechen von einem „Ende der Selbstverständlichkeit des Christlichen“. Was bedeutet das konkret für kirchliche Machtansprüche, aber auch für kirchliche Demut?
Die Prozesse der Gegenwart sind der größte kirchliche Machtverlust, den man sich vorstellen kann. Die Kirche hat über das Seelenheil und in Verbindung damit mit der Moral lange Macht über Menschen ausgeübt – und zwar über die moralische Verpflichtung in dem Sinne, dass die Lebensfragen eigentlich Gottesfragen sind und man ohne die richtige kirchliche Antwort nicht glücklich werden kann. Beide Strategien sind heute stumpf geworden. Hinzukommt natürlich der völlige Glaubwürdigkeitsverlust durch das Missbrauchsgeschehen und seine Aufarbeitung. Heute kann die einzige Autorität nur über die Kraft der Botschaft erzielt werden. Die Kirche hat nur die Autorität, die Einzelne ihrer Botschaft zubilligen. Eigentlich eine sehr ideale Konstellation, die die Kirche vor jeder Selbstzwecklichkeit bewahrt.
Wenn Kirchen akzeptieren müssten, dass sie religiöse Gefühle nicht mehr „erzeugen“ können: Was wäre dann ein realistischer, vielleicht sogar ehrlicher Auftrag von Kirche in einer säkularen Gesellschaft?
Ganz einfach: Den Himmel offenhalten, indem sie ihre drei Grundaufträge unaufdringlich und in großer Selbstverständlichkeit erfüllt: Gott loben und dienen, vom Glauben und seinem möglichen Mehrwert erzählen und Menschen im und zum Leben zu helfen.
Orden und Klöster haben seit Jahrhunderten von ihrer bewussten Andersartigkeit gelebt – von Askese, Verbindlichkeit und symbolischer Dichte. Können solche Lebensformen in einer religiös indifferenten Gesellschaft noch irritieren, oder werden sie schlicht nicht mehr wahrgenommen?
Tatsächlich funktioniert Leben und Überleben im Pluralismus heute über Distinktion. Über Unterscheidbarkeit. Damit müssten wir aber das „Dogma“ der „Anschlussfähigkeit um jeden Preis“ aufgeben. Biblisch gesagt: Wenn wir zum Salz werden, das seine Kraft verliert, werden wir weggeworfen und von den Leuten zertreten. Ich ahne allerdings, welche Diskussionen, welcher Streit und welche Diskurse allein innerkirchlich auf uns zukommen, wenn wir solche Dinge ernstnehmen. Hier wird Synodalität ihre Kraft erweisen können.
Wenn Gott diese Entfremdung bei uns säkularisierten Christen zulässt: Was hat er mit uns vor, warum tut er das?
Das weiß ich natürlich nicht und es wäre anmaßend, dem lieben Gott hier in das Drehbuch schauen oder es ihm diktieren zu wollen. Vielleicht aber werden wir darauf gestoßen, dass das Evangelium und nichts anderes der wahre Reichtum der Christen ist. Wenn dies und damit Gott fehlt, fehlt zumindest den Christen alles. Gesellschaftliche Relevanz der Kirche hin oder her.
Prof. Dr. Jan Loffeld lehrt Praktische Theologie in Utrecht. Sein aktuelles Buch „Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt“ ist im Herder Verlag erschienen.
Das Interview führte André Lorenz.