Zum Geburtstag von Pater Leo Dehon: Jahrestag in unsicheren Zeiten

Anlässlich des Geburtstags von Pater Leo Dehon am 14.03.1843 hat der Generalobere P. Carlos Luis Suárez Codorniú SCJ einen Brief an die Mitglieder der Kongregation und der Dehonianischen Familie geschrieben. Sie können ihn hier in der deutschen Übersetzung lesen:

“Fokus!”

Die SCJ-Noviziatsgemeinschaft in Vietnam hat einen Teich, in dem Fische für den Verzehr in unserem Haus gezüchtet werden. Um die Fische zu fangen, benutzen die Novizen eine schwimmende Matte, einen Bambusstab als Ruder und ein Netz. Die Technik ist einfach: auf der Matte stehen und das Netz genau richtig auswerfen. Wenn es klappt, ist ein Mittag- oder Abendessen garantiert.

Ein Ordensmann, der auf der Durchreise war, wollte es ausprobieren. Einer der Novizen lud ihn gerne ein, die Erfahrung zu teilen. Sie stiegen auf dieselbe Matte und gingen in die Mitte des Teiches. Doch plötzlich brachte eine Ablenkung des Ordensmannes alles ins Wanken. Das Gleichgewicht der Matte geriet außer Kontrolle und das Eintauchen in das Wasser drohte. Genau in diesem Moment tadelte der Novize seinen Begleiter in präzisem Englisch: „Fokus!“ Mit anderen Worten: „Entweder konzentrierst du dich oder wir kentern“.

Die Entschlossenheit des Novizen zeigte Wirkung, und es gelang ihm, seinen Begleiter dazu zu bringen, sein Gleichgewicht und sein Selbstvertrauen wiederzuerlangen, und an diesem Tag landeten keiner von beiden im Wasser, um den Fischen Gesellschaft zu leisten.

Zeichen der Hoffnung versus verschärfte Ungleichgewichte

Mit dieser kleinen Anekdote beginnen wir unseren Gruß zum nahenden Jahrestag der Geburt des ehrwürdigen Diener Gottes Pater Léon Dehon, einem Tag des Gebets für dehonianische Berufungen. Wir feiern ihn inmitten der Pandemie, die weiterhin das Leben und die Arbeit so vieler Menschen bedroht. Wir haben es hautnah erlebt: bei uns selbst, in den Situationen, die wir begleiten, in unseren Familien und an so vielen Orten, die wir kennen. Es stimmt zwar, dass es nicht an Zeichen der Hoffnung und des Aufschwungs mangelt, aber es ist nicht weniger wahr, dass sich die sozialen und wirtschaftlichen Ungleichgewichte, die bereits Teil unseres täglichen Lebens waren, enorm verschärft haben.

Was kann uns dieser Jahrestag in solch unsicheren Zeiten bringen? Es wird schwierig sein, diese Frage zu beantworten, ohne zuerst etwas über die Geschehnisse in der Zeit und im Leben von Pater Dehon zu sagen.

Leo Dehon kannte eine Menge unvorhergesehener Ereignisse und Widrigkeiten. Er litt aus nächster Nähe unter verheerenden Ereignissen, wie den Kriegen, die zu dieser Zeit in Europa wüteten. Er war eingebunden in die Spannungen einer Gesellschaft, die sich industrialisierte und eine weitgehend vernachlässigte Arbeiterklasse hervorbrachte. Er sah sich mit einer Politik konfrontiert, sowohl in Frankreich als auch in anderen Ländern, die Schwierigkeiten für die Arbeit der Kirche, besonders für das Ordensleben, schuf. Epidemien, die weite Teile der Welt tödlich geißelten, waren ihm nicht fremd.

Wenn wir sein eigenes Leben genauer betrachten, erfahren wir von ihm über viele seiner Drangsale: den Widerstand seines Vaters gegen seine priesterliche Berufung; das Brand des Johannes-Kollegs, auf das er später verzichten musste; die Auflösung seiner ersten Kongregation, der Prêtres Oblats du Cœur de Jésus („Consummatum est!“); das Scheitern von Missionsprojekten in Ecuador und später in Tunesien; der Tod zahlreicher Missionare in Afrika aufgrund von Krankheit; der Verlust von Häusern und Werken aufgrund von Zivilgesetzen; die Verschlechterung seiner Gesundheit; Konflikte innerhalb der Kongregation; finanzielle Schwierigkeiten; Missverständnisse; Verleumdungen ... und so weiter und so fort, eine lange Liste von Episoden, die immer wieder seinen Glauben, seine Berufung und sein Projekt auf die Probe stellten.

Gegen resignativen Fatalismus

Doch trotz allem hat er den Durchblick nicht verloren: „Jedes Jahr hat sein Eigenes gebracht, immer muss man wissen, wie man sein fiat sagt!“. Weit davon entfernt, sich in einen resignativen Fatalismus zu flüchten, nahm P. Dehon alles, was geschah, als einen Weg der Umkehr und der Hingabe an Gottes Willen an. Mit dieser Haltung, gereift in der Intimität, im Gebet, in der gemeinsamen Unterscheidung und im aufmerksamen Blick auf die Welt, suchte er auf die Einladung Gottes zu antworten, um an dessen Heiligkeit teilzuhaben:

„Ja, Heiligkeit ist ein einfaches Fiat, eine einfache Haltung, die dem Willen Gottes entspricht. Was könnte einfacher sein? Denn wer kann einen so freundlichen und guten Willen nicht lieben? Die Seele, die den Willen Gottes in allen Dingen sieht, im Trostlosesten wie im Leichtesten, nimmt alles mit Freude und gleichem Respekt auf...“

Trotz der Stürme, in die er geriet, konnten ihn weder Pessimismus noch Angst überwältigen. Als fleißiger Diener vertraute und hoffte er aktiv auf den Herrn und bewahrte eifrig die Gnade, sich mit Ihm durch eine wiedergutmachende Berufung zu vereinen. In der bleibenden Erinnerung an Männer und Frauen, die ihm im Glauben vorausgegangen sind, fand P. Dehon auch Trost und Ermutigung, sich selbst bestmöglich zu fokussieren.

Pater Dehon und der Heilige Josef

Unter ihnen lohnt es sich, besonders in diesem Jahr, an den heiligen Josef zu erinnern, dem Pater Dehon eine besondere Verehrung entgegenbrachte. Er bewunderte seine Bereitschaft, sich auf den Weg zu machen, immer wieder aufzustehen im Licht dessen, was Gott von ihm verlangte, trotz seiner großen Verwirrung. Mit den Worten von Papst Franziskus:

„Oft geschehen in unserem Leben Dinge, deren Bedeutung wir nicht verstehen. Unsere erste Reaktion ist oft die der Enttäuschung und des Widerstandes. Josef lässt seine Überlegungen beiseite, um dem Raum zu geben, was geschieht. Wie rätselhaft es ihm auch erscheinen mag, er nimmt es an, übernimmt Verantwortung dafür und versöhnt sich mit seiner eigenen Geschichte. Wenn wir uns nicht mit unserer Geschichte versöhnen, werden wir auch nicht in der Lage sein, den nächsten Schritt zu tun, denn dann bleiben wir immer eine Geisel unserer Erwartungen und der daraus resultierenden Enttäuschungen“.

Wenn man unsere heutige Zeit betrachtet, ist es nicht verwunderlich, dass alles, was im letzten Jahr geschehen ist, uns sehr beunruhigt und aufgewühlt hat. Aber es liegt an uns, es mit einem gläubigen Blick und einem Herzen zu empfangen, das, wie das von Maria, nicht vorschnell verwirft, was es nicht versteht oder was ihm Angst macht. Es liegt an uns, uns weiterhin auf den Herrn zu stützen, aufeinander und auf die, mit denen wir unterwegs sind, um nicht der Angst zu erliegen, die aus Verzweiflung und Katastrophismus entsteht. Dies ist ein günstiger Moment, eine Zeit der Gnade, die uns hilft, unseren Blick zu fokussieren und das Geschehen gut zu deuten. Vielleicht müssen wir uns sogar mit dem versöhnen, was wir gefühlt haben, persönlich und gemeinschaftlich.

Dehon nutzte Widrigkeiten und Rückschläge, um sich großzügiger in den Dienst des Gottesreiches, in den Dienst aller zu stellen. Er hat die notwendige Perspektive nicht verloren. Die Tatsache, dass sich nicht alles so entwickelte, wie er es sich gewünscht hätte und wann er es sich gewünscht hätte, hat ihn nicht abgelenkt. Vielmehr half es ihm, sich selbst besser zu verstehen und vor allem mit aufrichtiger und dankbarer Demut zu erkennen, dass das Werk, mehr als sein eigenes, das Werk Gottes war.

Wenn wir uns in diesem Jahr an seinen Jahrestag erinnern, möge ein schallendes „Fokus!" unter uns erklingen, wie der Schrei jenes vietnamesischen Novizen. Eine klare und prägnante Ermahnung an uns, uns nicht ablenken zu lassen, uns mehr auf das zu konzentrieren, was wirklich wichtig ist in unserer Berufung und unserer Sendung, damit die Geschwisterlichkeit und das gemeinsame Gebet nicht abnehmen, damit unsere Nähe zu denen, die am meisten leiden, und zu denen, die das Schlimmste durchmachen, nicht abnimmt.

Wie Pater Dehon mögen auch wir in der Lage sein, die Stimmen und Zeichen dieser Zeit zu hören, zu deuten und dankbar anzunehmen, die uns einladen, mit neuer Hoffnung und Kreativität zu reagieren. Mit seiner Hilfe mögen wir unsere Augen wachhalten und auf den Menschensohn vertrauen, der erhöht wurde (vgl. Joh 3,14), damit diese unsere Welt Leben hat.

Brüderlich in Corde Iesu,P. Carlos Luis Suárez Codorniú SCJ,  Generaloberer, und sein Rat

Das Foto verweist auf die Internetseite der Kongregation der Dehonianer

 

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