Fastenimpuls 6: Gefangene besuchen

Pünktlich um viertel nach zehn klopfe ich an der Zellentür. Ein lautes Herein ertönt, ich werde erwartet. Erwartet von einem Gefangenen, der im vergangenen Sommer seinen 85. Geburtstag feierte und schon länger inhaftiert ist als ich alt bin.

Er freut sich sehr, wenn ich ihn montags besuche und bei ihm einen Kaffee trinke und auch Kekse mit ihm esse. Etwa eine dreiviertel Stunde nehme ich mir Zeit für ihn, höre ihm zu und bin sein Gast. Und dass er umgekehrt mein Gastgeber sein kann, das tut ihm gut, das spüre ich deutlich. Mit viel Sorgfalt deckt er den Tisch, trotz der beschränkten Möglichkeiten, die im Gefängnis herrschen. Mein Teller ist beispielsweise der gespülte Deckel einer Quarkpackung. Aber das macht überhaupt nichts.

Wichtig ist, dass ich jetzt da bin. Da für ihn, den sonst kaum einer besucht. Für ihn, der im Knast alt und einsam geworden ist. Und wenn wir miteinander reden, dann leuchten seine Augen. Dann tritt er für einige Momente aus der Zelle hinaus ins Freie, in die Freiheit, in das, was für uns normal ist. Zumindest solange, bis ich die Zellentür wieder von außen abschließen muss.

Warum ist es für Christen wichtig, Gefangene zu besuchen? Gott hat uns Menschen nach seinem Abbild geschaffen, das können wir am Beginn der Bibel nachlesen. Dies schenkt uns Menschen eine unfassbare Würde – allen Menschen, ohne Ausnahme. Auch den Menschen, bei denen, wie wir im Knast sagen, „etwas verrutscht“ ist.

Das heißt, die Gottebenbildlichkeit des Menschen ist nicht an irgendwelche Bedingungen geknüpft und umgekehrt verliert sie kein Mensch, weil er etwas falsch gemacht hat. Das heißt konkret im Alltag einer JVA: Über die Männer, die bei uns einsitzen, hat zwar ein Richter ein Urteil gefällt – aber damit haben sie ihre Gottebenbildlichkeit nicht verloren. Und damit steht es uns Christen gut an, diese Männer im Knast auch zu besuchen. Denn von der Gesellschaft sind sie durch die Folgen des Urteils ausgeschlossen – auf Zeit zwar, doch oft auch für immer. Denn den Makel „Gefangener“ bekommt man so leicht nicht mehr los – umso wichtiger, dass wir Christen sie durch unsere Besuche, durch unsere Sorge um sie, nicht auch noch stigmatisieren.

Im Alltag kann Jede und Jeder das konkret umsetzen: durch das fürbittende Gebet für Gefangene, durch die Bereitschaft, sich ehrenamtlich in einem Gefängnis zu engagieren, durch das argumentative Eintreten für Strafvollzug und durch das Wachhalten des Bewusstseins, dass es die Kirche Jesu auch hinter den Mauern gibt. Dann wäre natürlich ein offenes Begegnen mit entlassenen Gefangenen wichtig. Und ein kritisches Nachfragen gegenüber Politikern zur Ausgestaltung des Vollzugs wäre ebenso hilfreich.

Mathias Fuchs arbeitet als Pastoralreferent mit 40% seiner Arbeitszeit als Seelsorger in der JVA Bruchsal.

Foto © Mathias Fuchs

Hinweis: 

An jedem Donnerstag erscheint hier auf scj.de ein Impuls für die kommende Woche. Grundlage für die Impulse sind die „7 Werke der leiblichen Barmherzigkeit“.

Bisher erschienen:

Fastenimpuls 1: Die Hungernden speisen

Fastenimpuls 2: Den Dürstenden zu Trinken geben

Fastenimpuls 3: Die Nackten bekleiden

Fastenimpuls 4: Die Fremden aufnehmen

Fastenimpuls 5: Kranke besuchen

  • S
  • M
  • L