Pater Wilmer im ersten Interview: „Das Neue beflügelt mich“

Überraschend hat Papst Franziskus Pater Heiner Wilmer SCJ zum neuen Bischof von Hildesheim ernannt. Damit wird der Generalobere der Herz-Jesu-Priester nach drei Jahren sein Amt aufgeben und von Rom nach Norddeutschland ziehen. Zeit für einen Ausblick und eine Bilanz. Ein Gespräch über Aufbrüche, schmerzhafte Entscheidungen und ein Telefonat mit dem Papst.

 

 

Pater Heiner Wilmer (l.) neben Pater Levi dos Anjos Ferreira (2.l.) und Jugendlichen im Gespräch. (c)Nowak

DEIN REICH KOMME: Sie sind von Papst Franziskus zum Bischof von Hildesheim ernannt worden. Welche Gedanken bewegen Sie jetzt?

PATER HEINER WILMER SCJ: Ich bin überwältigt von dem Vertrauen des Bistums Hildesheim, des Domkapitels, das mich gewählt hat, und natürlich vom Vertrauen des Heiligen Vaters, nicht zuletzt durch seine intensive Beteiligung. Er rief mich ja persönlich auf dem Handy an, um mich vor meiner Entscheidung zu ermuntern. Gleichzeitig hat mich die Ernennung völlig überrascht, weil ich noch nicht so lange als Generaloberer der Herz-Jesu-Priester tätig bin. Das erfüllt mich absolut. Ich muss sagen, es ist für mich auch ein schmerzhafter Abschied. Es schlagen da zwei Herzen in meiner Brust: Auf der einen Seite ist es ein großer Umbruch in meinem Leben. Andererseits freue ich mich auf neue Aufgabe, ich bin guten Mutes, frisch und munter und freue mich auch auf die Menschen im Bistum Hildesheim.

?: Sie sind Emsländer und im Nachbarbistum Osnabrück aufgewachsen. Wie gut kennen Sie Ihr neues Bistum?

!: Es ist mir fremd und nicht fremd. Ich kenne das Bistum eher aus der schulisch-politischen Perspektive als aus der kirchlichen. Als Schulleiter am Gymnasium Leoninum in Handrup und Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Freier Schulen war ich alle sechs Wochen im Bistum Hildesheim, in der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover. Privat kenne ich Hildesheim ein bisschen. Ich habe früher schon die uralte Bernward-Tür im Dom bestaunt und fand damals schon, dass Hildesheim eine schöne gewachsene Stadt ist, die Kultur und Gelehrsamkeit atmet.

?: Sie sind der Leiter einer weltweiten Ordensgemeinschaft mit internationalen Aufgaben und kommen jetzt in eine Diözese, die vom Harz bis an die Nordsee reicht. Wie schwer wird Ihnen das fallen?

!: Natürlich wird das eine Umstellung, das denke ich schon. Europa ist kompliziert, schon allein wegen der Sprachen. Da bin ich jetzt gut drin und kann in fünf Sprachen wechseln. Jetzt habe ich eine andere Perspektive, die geographisch begrenzt ist. Aber auch einige Oberzentren des Bistums wie etwa Hannover, Wolfsburg, Braunschweig, Göttingen verkörpern Weltoffenheit und Weltzugewandtheit.

?: Nach drei Jahren wäre es Ihre Halbzeit als Generaloberer der Herz-Jesu-Priester. Wie fällt da eine Bilanz aus?

!: Bestens. Jetzt nach drei Jahren war ich richtig gut drin. Die Arbeit hat mir viel Freude gemacht. Sie ist sehr komplex, aber die Gruppe der Mitbrüder, der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, mit denen ich unterwegs gewesen bin, ist wunderbar. Menschlich habe ich mich hier sehr getragen, sehr gut aufgehoben gefühlt. Ich glaube auch, dass die Leitung inzwischen in der Kongregation gut angenommen und vernetzt ist.

?: Sie haben ein dichtes Programm absolviert und sehr viele Provinzen besucht. Wie ist der Zustand der Kongregation der Herz-Jesu-Priester?

Es ist ein Unterschied, ob ich Mitbrüder etwa in Madrid besucht habe, die eine Wirtschaftshochschule leiten, oder ob ich in den Tschad gefahren bin, ein sehr armes Land, das nicht wirklich alphabetisiert ist. Mir ist bei alldem klar geworden: Ordensleben ist so vielfältig wie die Orte, an denen wir sind. Der Ort, an dem ich gerade lebe, sagt mir konkret, wie ich die Gelübde leben kann.

?: Ihre Amtszeit wollten Sie nutzen, um Projekte der Herz-Jesu-Priester auf den Prüfstand stellen. Was sind richtig gute Projekte?

!: Gut in die Zeit passt Ausbildung. Für uns als Herz-Jesu-Priester ist Ausbildung im weitesten Sinne essentiell: Schule, Universität, Kurse, Exerzitien, Weiterbildung, Zusammenarbeit mit der Wirtschaft. Wir sehen in der Ausbildung eine politische Dimension und keine karitative. Wer Armut wirklich abstellen will, muss den Einzelnen befähigen, selbst zu wachsen und sich selbst aus der Misere herauszuziehen. Bildung dient auch dem Frieden: Ich bin überzeugt, dass die Sprechfertigkeit das mächtigste Mittel ist, das wir als Menschheit haben.

?: Papst Franziskus hat Ihre drei Jahre als Generaloberer ideal flankiert: mit dem Jahr der Orden, dem Jahr der Barmherzigkeit und nun der kommenden Jugendsynode. Welche Rolle spielt der Papst für Ihren Orden?

!: Wir haben uns von Papst Franziskus in einem realistischen Optimismus begeistern lassen. Das hat schon durch sein großes Schreiben Evangelii Gaudium begonnen, in dem er sagt: Geht raus! Mit einer Kirche, die aufbrechen soll, erinnert er uns an Pater Dehon, der seinen Mitbrüdern vor über hundert Jahren mit auf den Weg gegeben hat: Geht zu den Menschen! Geht raus aus den Sakristeien! Von Papst Franziskus haben wir uns also anstecken lassen. Es geht um eine Frisches des Lebens, um die Fülle des Lebens.

?: Sie leiten einen Orden, reisen daher viel, haben nun ein neues Buch über Mose geschrieben und übernehmen in einigen Wochen eine große deutsche Diözese – wo kommt Ihre Energie her?

!: Der Umgang mit den Menschen beflügelt mich. Das Neue beflügelt mich. Ich habe bei mir hier im Büro ein Schild, das ich von meinem Vorgänger habe, einen Satz von Michelangelo auf Englisch: I’m still learning. Ich lerne noch immer. Das ist für mich ein Schlüsselsatz. Ich habe immer gerne gelernt. Weitermachen, weiterlesen, weiterfragen hält mich wach, lebendig und gibt mir Kraft! Wichtig ist für mich allerdings auch Stille. Ich brauche Phasen, in denen ich ganz alleine bin, in denen ich mich zurückziehe. Ich bin gerne in der Natur. Die Natur gibt mir sehr viel Kraft. Und: Ich bin ein Querdenker und gerne mit Menschen zusammen, die etwas ganz anderes machen.

?: Jetzt werden Sie Rom bald verlassen. Was werden Sie am meisten vermissen?

!: Die Sonne! Die Gemeinschaft vor Ort, meine Mitbrüder, die italienische Küche. Was ich mitbringen werde: die serenità, Heiterkeit. Der Süden hat mich geprägt mit gelassener Heiterkeit und heiterer Gelassenheit.

 

Die Fragen stellte André Lorenz, das Interview in voller Länge erscheint in der Mai-Ausgabe der Ordenszeitschrift der Herz-Jesu-Priester „Dein Reich komme“. 

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