"Das Fundament ist mein Glaube zu Jesus Christus" – General Pater Heiner Wilmer predigt zum 500. Reformationsjahrestag

Dass ein katholischer Ordensoberer in einer protestantischen Kirche predigt, kommt sicher nicht sehr oft vor. Dass es die Predigt zum 500. Jahrestag der Reformation ist, ist umso mehr ein Zeichen lebendiger Ökumene. Als „persönliche Ehre“ empfindet Pater Heiner Wilmer, General der Herz-Jesu-Priester in Rom, seine Einladung zur Predigt in der Christuskirche in Rom, die er diesen Sonntag zum Römerbrief hielt. Wir dokumentieren die Ansprache in leicht gekürzter Form aus Anlass des 500. Jahrestages der Reformation.

Pater Heiner Wilmer in der Christuskirche in Rom.

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

gern bin ich heute hier bei Ihnen in der Evangelischen Gemeinde Roms. Die Einladung, in der Christuskirche zum 500. Gedenktag der Reformation die Predigt zu halten, freut mich und sie ehrt mich, aber sie berührt mich auch. Ihre Einladung berührt mich deshalb, weil mich mit den evangelischen Schwestern und Brüdern eine ganz besondere, persönliche Geschichte verbindet.

Aufgewachsen im Land der Religionsgrenzen

Ich bin in Schapen geboren, im Emsland, sozusagen im letzten Dorf an der Landesgrenze. Zwischen Schapen und unserem Nachbarort Schale verläuft die alte Religionsgrenze. War Schapen noch in den siebziger Jahren fast ganz katholisch, war Schale, nur sechs Kilometer entfernt, komplett evangelisch.

Was hieß das konkret? Nun, nach Schale ging man nicht. Es wurde zwar in meiner Familie nicht gegen die Evangelischen im Nachbarort gewettert, aber man sprach auch nicht über sie. Nach Schale ging man nicht zum Schützenfest, nicht zur Kirmes, nicht zur Party. Kein Mädel aus Schale. Schale war tabu. Weil evangelisch.

Heute, fast vierzig Jahre später, kann ich nur sagen, dass ich meinen evangelischen Schwestern und Brüdern dankbar bin, denn dank ihrer und dank Martin Luthers habe ich meinen Glauben nicht nur tiefer verstanden, sondern – wenn ich so sagen darf – „die evangelische Tradition“ hat zu meiner eigenen inneren Konversion beigetragen. Das möchte ich Ihnen, ausgehend von Römer 3, an zwei Punkten zeigen: am biblischen Geist der Reform und an der Gerechtigkeit allein durch den Glauben.

Martin Luther interpretiert den Römerbrief in Wittenberg als Seelsorger

Als Martin Luther vor fünfhundert Jahren in Wittenberg auf die Missstände der Kirche hinwies, tat er es nicht nur als Theologieprofessor, sondern auch als Prediger an der Wittenberger Stadtkirche. In seiner Rolle als Prediger sorgte er sich um das „Seelenheil“ der Gemeinde. Mit Bezug auf das 4. Kapitel bei Matthäus rief er auf zur Umkehr: „Tut Buße!“ (Mt 4,17) – fordert er in seinen Thesen.

Erneuert Euch. Setzt nicht auf Euer Verdienst, auf Leistung und Ablassbriefe. Kehrt um! Baut eine persönliche, innere Beziehung zu Jesus Christus auf. Setzt auf den Glauben an Jesus Christus allein, denn – und damit sieht Martin Luther sich ganz in der Linie des Römerbriefes – die Gerechtigkeit vor Gott kommt durch den Glauben an Jesus Christus. Alle sind und bleiben Sünder, schreibt Paulus. Es gibt keinen Unterschied. Niemand kann sich selbst vor Gott rühmen. Worauf es ankommt, das sind nicht Werke und kirchliche Strukturen. Worauf es ankommt, das sind nicht Organisationspläne und strategische Überlegungen. Nein, es kommt allein auf meinen Glauben an Jesus Christus an, auf meine persönliche Verbindung zum Sohn Gottes. Tiefer und tiefer mit Jesus Christus in Gott hineinwachsen und so zu einer inneren Größe finden, derer sich niemand rühmen kann, das war die Botschaft Martin Luthers. Das war der spirituelle Ausgangspunkt der Reformation.

Mose über Gott als den ersten Reformator

Dankbar bin ich Ihnen, weil Sie den Geist der steten Reform hochhalten und damit eine uralte, ja ursprüngliche Tiefenschicht unseres Glaubens freilegen. Der Geist der Reform lebt ja nicht nur in der geheimnisvollen Tiefe unseres Glaubens, sondern ist in der Bibel selbst verankert. Wiederholt erwähnt die Heilige Schrift Erneuerungen und berichtet von Reformern. Doch der Gipfel des Ganzen: Der erste Reformator ist Gott selbst.

Von der Erfahrung, dass die erste Reform unserer jüdisch-christlichen Tradition von Gott selbst stammt, erzählt uns Moses. Vierzig Jahre hatte Mose, der als kleiner Junge in einem Bastkörbchen auf dem Nil vor seinen Verfolgern geschützt worden war, in Ägypten gelebt. Nach biblischer Tradition und frühchristlicher Tradition, wie zum Beispiel bei Gregor von Nyssa, verbrachte er weitere vierzig Jahre auf der Flucht vor dem Pharao bei Jithro, dem Priester in Midian, dessen Tochter er heiratete. Dort, in Midian, hatte er sich eingerichtet, wollte seine Ruhe und ein normales bürgerliches Leben führen, wie alle eben, bis Gott selbst ihn im Feuer des brennenden Dornbusches aus der behaglichen Gemütlichkeit herausriss und zum Befreier seines Volkes Israel machte.

Unsicher, mit wem er es denn zu tun habe, und vor allem, von wem er denn seinen israelitischen Landsleuten berichten solle, sagt Gott ihm: Ich habe keinen Namen mehr. Früher nannten sie mich El Shaddai (Gen 17,1). Aber das will ich nicht mehr. Ab sofort habe ich keinen Namen. Wenn deine Leute nach meinem Namen fragen, dann sag ihnen: Ich habe keinen Namen. Ich bin einfach. Ich bin, der ich bin. Ich werde da sein, der ich da sein werde. (Ex 3,14-15) Punkt. Ende. Aus. –

Das ist die erste Reform in unserer langen biblischen Religionsgeschichte. Sie stammt von Gott. Gott selbst korrigiert sein Verhältnis zu uns Menschen, indem er fortan auf den alten, eher anschaulichen Namen „El Shaddai“ verzichtet, der so viel geheißen hatte wie: „Ich sagte der Welt: genug.“

Für diesen biblischen Reformgeist, dafür, dass ich selbst, dass jeder von uns der steten Neuordnung in seinem Verhältnis zu Gott bedarf, semper reformanda, bin ich den biblischen und nachbiblischen Reformatoren dankbar. Gott lässt sich nicht einfangen. Kein Bild vermag ihn darzustellen. Mit keinem Namen lässt er sich erfassen. Gott ist und bleibt das größte Geheimnis unseres Lebens.

Was heißt es für mein persönliches Leben: Aus Gnade erlöst?

„Ohne Verdienst bin ich gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist“, sagt Paulus. Dort, wo ich geboren und aufgewachsen bin, in meiner nordwestdeutschen Heimat, spielt Leistung eine wichtige Rolle. Streng dich an, gib dein Bestes, du kannst noch mehr und du schaffst das schon, aber du musst eben auch ordentlich was tun. Von nix kommt nix. Das waren Kernbotschaften der Kultur, in der ich großgeworden bin.
Ich habe lange gebraucht, um das Wort des Apostels Paulus aus dem 3. Kapitel des Römerbriefes auf mein eigenes Leben zu übertragen. Geholfen hat mir dabei eine Gruppe ökumenischer Christen, die aus Lutheranern, Reformierten, Presbyterianern, Anglikanern, Baptisten und Katholiken besteht.

Vor Augen habe ich die „Arche“, eine Gemeinschaft von Christen unterschiedlicher Konfession, zu der heute auch Mitglieder anderer Religionen zählen. Die Arche wurde 1964 in einem Dorf nördlich von Paris von Jean Vanier gegründet. In ihren Gemeinschaften leben Menschen mit und ohne geistige Behinderung zusammen.

Vier Monate habe ich in der Arche gelebt, in einer ihrer Gemeinschaften in Kanada, in Toronto. Was war das Ungewöhnliche für mich? Was neu? – Nie haben die Hausbewohner mich nach meinen Leistungen gefragt, nach irgendwelchen Verdiensten, nach meinen Schulabschlüssen, Titeln oder gesellschaftlichen Positionen oder großen Reisen. Vielmehr bin ich gefragt worden: Wie heißt Du? Hast du Zeit für mich? Magst du mich? Magst du meine neue Baseballmütze? Hast du Lust, mit mir heute Abend zu kochen? Kann ich dir mal die Fotos von meiner Familie zeigen?

Gelernt habe ich von der Arche, dass das Essen wichtig ist, dass es weit mehr ist als reine Nahrungsaufnahme. Gelernt habe ich, dass die Mahlgemeinschaft bei Tisch, das Interesse am anderen, die Frage „Wie war dein Tag?“ wesentlich zum inneren Glück beitragen. Gelernt habe ich, dass das Zusammensitzen und das Erzählen nicht umsonst die Grundlage unserer Religion sind. Gelernt habe ich, dass zur Tischgemeinschaft das Gebet gehört, das schlichte Gebet, fürbittend und dankend, eben sein Herz auftun vor Gott, in dem tiefen Empfinden, dass das Beste meines Lebens immer nur Geschenk ist, nie Ergebnis von Leistung. Oder wie Paulus sagt: Du bist vor Gott gerecht, ohne Verdienst.

500 Jahre Reformation: Das Fundament ist mein Glaube zu Jesus Christus

Fünfhundert Jahre Reformation, Erinnerung und Glaubensweg. Für diese besonderen Jahrhunderte bin ich als Katholik Gottes Heiligem Geist dankbar. Martin Luther und Ihnen, liebe evangelischen Schwestern und Brüder, bin ich für viele Punkte in meinem Glauben dankbar. Von diesen vielen will ich heute nur besonders zwei betonen, die zum Fundament unseres Glaubens gehören.

Erstens: Meine Beziehung zu Gott bedarf der steten Neuordnung, und der erste Reformator ist Gott selbst.
Zweitens: Allein auf meinen Glauben zu Jesus Christus kommt es an. Nicht die Werke machen gerecht und vergeben Sünden, sondern allein seine Gnade.

Möge Gottes Heiliger Geist, der uns bei aller schmerzlichen Kirchenspaltung in der Taufe eint, jeden von uns zu Jesus Christus hinziehen. Möge Jesus Christus uns faszinieren, ein Leben lang. So wie Paul Gerhard (1607-1676) in der vierten Strophe seines Liedes „Ich steh an deiner Krippen hier“ dichtete:

„Ich sehe dich mit Freuden an
Und kann mich nicht satt sehen;
Und weil ich nun nicht weiter kann,
bleib ich anbetend stehen.“

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