„Das Evangelium leben, das ist die Priorität“

Interview mit dem neuen Generaloberen Pater Carlos Luis Suárez Codorniú SCJ, der nach fast drei Jahrzehnten jetzt seine Heimat Venezuela verlässt.

Generaloberen Pater Carlos Luis Suárez Codorniú SCJ. (c) SCJ

Sie sind erst seit Sommer der neuer Generaloberer der Herz-Jesu-Priester. Wie geht es Ihnen?

Es ist alles sehr merkwürdig. Ich habe so viele Gefühle. Erst einmal ist diese Berufung eine große Überraschung für mich. Aber zugleich fühle ich eine große Dankbarkeit gegenüber Gott, weil es so etwas Wichtiges ist, unsere Kongregation zu führen.  Sie haben knapp drei Jahrzehnte in Venezuela verbracht, in einer der heraus forderndsten Missionen der Herz-Jesu-Priester. Welche Erfahrungen von dort nehmen Sie in Ihr neues Amt mit? Ich war so viele Jahre in Venezuela, es ist meine Heimat gewesen. Ich betrachte es als Gnade, einen großen Teil meines Lebens mit den Menschen und der Kirche in Venezuela geteilt zu haben – auch jetzt in der aktuellen Gesellschaft. Die Venezolaner sind so voller Leben, sie sind stark. Sie sind glücklich, auch wenn sie fast nichts haben, aber sie sind am Leben. Viele von ihnen müssen leiden, aber sie sind am Leben. Das ist der tiefere Sinn: das Leben selbst.  

Vor drei Jahren haben wir Sie in unserem Ordensmagazin „Dein Reich komme“ schon einmal interviewt. Sie haben damals gesagt: „Es gibt hier unglaublich viel Elend. Und es scheint einfach nicht besser zu werden.“ Stattdessen ist es noch schlimmer geworden. Wie haben Sie es geschafft, Ihre Hoffnung nicht zu verlieren?

Oft war das wirklich schwer. Auch habe ich oft gebetet: Gott, bitte gib mir Hoffnung! Denn viele Zeichen waren gegen die Hoffnung: Menschen, die hungern, Gewalt, die Brutalität der Regierung. Die Menschen verlassen das Land, sie fliehen! Es ist schrecklich! Aber wie gesagt: Die Menschen bewahren sich den Sinn für das Leben. Auch wenn sie Schreckliches erleben, sagen sie doch: Wir sind in Gottes Hand!

Mit welchen Gefühlen verlassen Sie jetzt Venezuela, Ihre Heimat? Haben Sie auch das Gefühl, Menschen zurückzulassen?

Als ich nach der Strohwahl meinen Namen ganz oben gesehen habe, habe ich zu weinen begonnen. Die Nacht danach war furchtbar! Ich habe mich nicht so sehr davor gefürchtet, Generaloberer zu werden, aber ich war traurig bei dem Gedanken, Venezuela zu verlassen. Jeden Tag bekomme ich viele, viele Nachrichten: Pater, vergessen Sie uns nicht! Das ist hart! Aber wir sind Ordensleute. Es ist unsere Lebensweise, verfügbar zu sein.  

Nun öffnet sich Ihnen die gesamte dehonianische Welt. Was wollen oder müssen Sie als erstes kennenlernen?

Zuerst möchte ich den Ordensgründer besser kennenlernen. Ich muss eine neue Beziehung zu ihm aufbauen, um mich ihm näher zu fühlen. 

Was sind Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen für die Kongregation?

Unserem Erbe treu zu sein! Absolut! Und gleichzeitig den Menschen das Evangelium zu verkünden. Das heißt, dass wir Menschen brauchen, die im Evangelium verwurzelt sind. Das hat Pater Dehon uns ans Herz gelegt: das Evangelium zu leben. Das sollte unsere Strategie sein, das ist die Priorität.

Wie würden Sie sich selbst beschreiben? Wie ist Ihre Art zu führen?

Ich fühle mich überhaupt nicht als Anführer. Ich sehe mich selbst als einen Mann, der versucht, ein Jünger zu sein. Das heißt für mich vor allem auch zu lernen: von den Menschen und der täglichen Erfahrung.

Sie haben eine Zeitlang in Deutschland verbracht. Was sind Ihre Erinnerungen?

Bei der Deutschen Provinz denke ich zunächst an unglaubliche Gastfreundschaft. Ich habe mich wirklich zu Hause gefühlt in Freiburg. Viele halten Deutsche ja für sehr ernsthafte Menschen, aber ich habe ihre herzliche Seite kennengelernt. Ich habe an die Zeit nur beste Erinnerungen.  

Die Fragen stelle André Lorenz, das Gespräch erschien in unserer 3. Ausgabe unseres Ordensmagazins „Dein Reich komme“.

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