„Ein Kristallisationspunkt für Ökumene“

Im Ökumenischen Kirchenzentrum in Oberhausen arbeiten die Konfessionen mit- statt nebeneinander

Von Markus Nowak

Martin Luther steht auf einem Computerbildschirm, gleich neben ihm hängen Rosenkränze. Die Verkaufstheke von Heidemarie von Musil ist ökumenisch ausgelegt. „Hier bei uns wird Ökumene wirklich gelebt“, sagt sie und lacht. „Wir haben ja Reformationsjubiläum, da ist die Luther-Playmobilfigur schon ein Renner.“ Von Musil ist Sprecherin von 25 Ehrenamtlichen, die sich ganz konkret für die Ökumene engagieren. Ob als Verkaufspersonal, in der Küche oder mit einem offenen Ohr für das Anliegen von anderen: Das Ökumenische Kirchenzentrum in Oberhausen gilt als ein Leuchtturm für ökumenische City-Pastoral im Ruhrgebiet, wenn nicht sogar bundesweit.

Auch den Herz-Jesu-Priestern ist das Kirchenzentrum ein wichtiger Akzent im Orden. Acht Jahre engagierte sich Pater Stefan Tertünte hier für die Ökumene, seit fast drei Jahren ist Pater Olav Hamelijnck hier nun tätig und beschreibt seine Tätigkeit als „Traumjob“. Aus einem katholischen Haus kommend, kam Pater Hamelijnck schon früh mit Ökumene in Berührung: Er musizierte im evangelischen Posaunenchor und leitete mit einer evangelischen Freundin die erste konfessionsverbindende kirchliche Jugendgruppe vor Ort. „Ökumene war mir immer ein Anliegen. Und hier ist ein Ort, wo Ökumene gelebt wird“, sagt der Ordensmann. Er nennt als Beispiel die Gottesdienste in dem Zentrum. Sie werden so gefeiert, dass sie Menschen jeder Konfession einbinden und nicht ausschließen. Auf Abendmahl oder Kommunion wird daher verzichtet.

„Luther hätte hier mitgearbeitet“

Nicht verzichtet wird dagegen auf einen herzlichen Umgang. Sei es mit den ehrenamtlichen Mitarbeitern oder seinem evangelischen Kollegen. Zusammen mit Pastor Stefan Züchner scherzt Pater Hamelijnck gerne -  so etwas wie Konkurrenz herrscht zwischen den beiden Geistlichen unterschiedlicher Konfessionen nicht. „Außer, wenn jemand mal konvertieren oder wiedereintreten will. Dann schon“, lacht der Herz-Jesu-Priester herzhaft. Das Kirchenzentrum ist im Bistum Essen die Wiedereintrittsstelle für Menschen ohne religiöse Bindung. „Aber Konfession ist letztlich auch, wo man sich beheimatet fühlt“, weiß der Herz-Jesu-Priester. Sein evangelischer Kollege pflichtet bei. Auf die Frage, was ein Martin Luther von einer solchen Form von Ökumene halten würde, grübelt Züchner.

„Luther hätte hier sicher mitgearbeitet“, sagt der 47-jährige Pastor dann. Da der Reformator mit seiner Bibelübersetzung die Menschen in der Breite erreichen wollte, würde er auch vom niederschwelligen Angebot im Oberhausener Ökumenischen Kirchenzentrum angetan sein, glaubt der Geistliche. „Wir sind eine Kontaktstelle für Kirche im säkularen Bereich“, sagt Züchner und blickt dabei über den Platz vor dem Gebäude. Dort steht Europas größter „Einkaufstempel“, das CentrO.

Als die Einkaufsmall vor 20 Jahren – also im 480. Jahr nach der Reformation – errichtet wurde, haben die Investoren den beiden Kirchen das Grundstück für ein kirchliches Gebäude abgegeben. Heute flanieren hier Tag für Tag Tausende Menschen von Laden zu Laden oder kommen in einen der zahlreichen Kinosäle. Manche der CentrO-Besucher kommen aber auch ins Kirchenzentrum, etwa zum Mittagessen oder auf einen Kaffee.

Ehrenamtliche mit Löwenanteil

In der Anfangsphase lief die Zusammenarbeit zwischen den Kirchen nicht immer reibungslos. Insbesondere den Ehrenamtlichen sei es zu verdanken, dass im Kirchenzentrum statt einem Neben- ein Miteinander von katholischem und protestantischem Glauben heute möglich ist, erzählt Züchner, selbst 18 Jahre lang im Kirchenzentrum arbeitet. Denn Ehrenamtliche haben das Kirchenzentrum vorangetrieben: Das runde Atrium wurde im Laufe der Zeit ausgebaut; es entstanden Nebenräumen für seelsorgerische Gespräche und um eine schlichte, ökumenische Hauskapelle. „Wir haben zwar darin zwei Gesangsbücher, das katholische und das evangelische. Aber am Ende singen wir gemeinsam“, sagt Pater Hamelijnck. Sein evangelischer Kollege ergänzt, das Haus sei „ein Kristallisationspunkt für Ökumene schlechthin.“ Und das auch hinter den Kulissen. So teilen sich beide Kirchenmänner ein Büro und sogar zusammen eine Vollzeitstelle.

Bei aller Ökumene gebe es auch mal Auseinandersetzungen, berichtet Herz-Jesu-Priester Hamelijnck. Aber dabei gehe es meistens um Dinge außerhalb von konfessionellen Fragen - und die Probleme werden dann ausdiskutiert.

Diskutiert wird auch am Tisch von Martha Hanck und ihren fünf Freundinnen. Jeden Donnerstag kommt die Gruppe rüstiger Rentnerinnen hierher. Kaffee und Klatsch steht auf dem Programm und die Unterschiede zwischen den Konfessionen spielen im 500. Jahr der Reformation – und auch schon davor – keine Rolle. „Das hier ist einmalig“, sagt Martha Hanck und hat nicht nur den ökumenischen Charakter im Sinn. Das sei selbstverständlich. „Hier kann man einkaufen und dann zu einem Seelsorger gehen. Das ist Kirche, die bei den Menschen ist“, ergänzt sie. Egal welcher Konfession. Und die Luther-Spielfigur neben den Rosenkränzen ergänzt das nur.
 

  • S
  • M
  • L