Unsere Welt meistern

Pater Ernst-Otto Sloot ist Herz-Jesu-Priester. Und Fußball-Fan. Das machte diesen Sommer nicht einfach für ihn. Über die Parallelen zwischen Kicken und Kirche

(c) André Lorenz

Nach der Weltmeisterschaft arbeitet Fußball-Deutschland noch das Fiasko der WM 2018 auf. Was ist denn da schief gegangen? Wieso sind wir so untergegangen? Wieso mussten wir den Platz räumen für andere? Als Christen sind wir in Oberhausen zurzeit in einer ähnlichen Situation. Auch wir erleben dieses Jahr, dass wir den Platz räumen und nicht mehr unter den Besten sind. Und der Trend lässt für die Zukunft noch nichts Gutes ahnen. Aber vielleicht bringt uns eine Analyse der Probleme wieder auf die richtige Spur. Sowohl im Fußball wie in der Kirche.

Der Sturm

Der deutschen Fußballnationalmannschaft hat es an Toren gefehlt. Der Sturm ist eine Problemzone. Es gab viele Querpässe, keinen Zug zum Tor. Der Wille zum Torerfolg war nicht erkennbar. Der Kirche in Oberhausen fehlt es an sichtbaren und zählbaren Erfolgen. Es gibt keine Treffer zu bejubeln. Sturm heißt in der Bibel „Ruach“. Es ist ein Wort für den dynamischen und heiligen Geist Gottes, der in der Welt wirkt und ihr die Ord- nung Gottes mitteilt. Von diesem Sturm ist zur Zeit nichts zu spüren. Aber wie im Fußball, wird am System festgehalten. Diskutiert wird über Strukturen. Strukturen sind das Gegenteil von Dynamik, auch das Gegenteil von Sturm.

Die Defensive

In jedem Spiel hat die deutsche Mann - schaft Treffer hinnehmen müssen. Und  immer waren die Fehler in der Defensive klar auszumachen. Folglich hat man mehr Kontrolle, mehr Plan bei den Spielzügen gefordert. In unserer Kirche verfolgen wir die gleiche Strategie. Wir planen und beschäftigen unsere Hauptamtlichen und alle Ehrenamtlichen mit Planung. So haben wir das Gefühl, dass wir das Geschehen kontrollieren. Aber eigentlich ist Planung noch kein Geschehen.

Ballbesitz-Fußball

Die Mannschaften, die auf Ballbesitz gespielt haben, sind als erste rausgeflogen. Früher galt, wer immer die Kontrolle über den Ball hat, der gewinnt auch das Spiel. Das war dieses Mal anders. Auch in unserer Kirche setzen wir gerne auf das, was wir besitzen. Wer über die Ressourcen – also Gebäude, Geld, Arbeitszeiten und Personaleinsatz bestimmt, der entscheidet auch, was am Ende dabei rauskommt. Wir haben schöne Kirchen, eine Menge Geld, Pfarrzentren und gut geschultes Personal. Aber diese Ressourcen der Kirche führen nicht dazu, Menschen zu gewinnen. Die

Einstellung der Mannschaft

Wenn immer nur Querpässe gespielt werden und niemand Räume auf dem Platz erobert, insbesondere im Strafraum, dann gibt es keine Anspielstationen auf dem Weg zum Tor. Wenn niemand die offensive Verantwortung, mit allen Risiken, übernimmt, dann wird auf Sicherheit gespielt, aber Tore sind nicht mehr das Ziel. Auch in der Kirche wird mehr auf Sicherheit Wert gelegt. Man hat sich auf Spielverlängerung eingestellt. Die Vollendung des Reiches Gottes lässt seit 2000 Jahren auf sich warten. Die zwei Jahrtausende hat die Kirche schon überlebt. Da schafft sie auch die Verlängerung. Für eine riskante Zukunft, die nicht auf Strukturen setzt, sondern auf Dynamik und Risiko, will keiner die Verantwortung übernehmen und auch niemand anderem die Verantwortung überlassen – der Jugend schon mal gar nicht! Da setzt man lieber auf die Weltmeister von damals. Dabei hat Jesus seinen Jüngern schon dringend ans Herz gelegt, das Reich Gottes anzunehmen wie ein Kind.

Die Zuschauer

Fußball ist ein Geschäft mit dem Verkauf von Fernsehrechten und Werbeeinnahmen. Es geht mehr um Geld als um Fußball. Die Zuschauer sind nicht wegen ihrer Liebe zum Fußball interessant, sondern als Einnahmequelle oder Verkaufsargument. Diesen Eindruck hat man bei den aktuellen Diskussionen in unserer Kirche auch. Das Geld bestimmt viel zu oft, was gemacht wird oder machbar ist. Das Reich Gottes und die Sehnsucht nach Sinn, nach Spiritualität, also nach Geist, Begeisterung, Sturm, Ruach, das alles scheint die Funktionäre nicht wirklich zu interessieren.

Die Erklärer

Und nun zu mir. Deutschland hat einige Millionen Bundestrainer, sobald die Nationalmannschaft ein Turnier bestreitet. Alle beteiligen sich gerne und leidenschaftlich an der sachli chen Analyse von außen. Bei mir ist das anders: Mein Interesse am Fußball lebt vom inneren Erleben des Spiels auf dem Rasen. Wenn ich im Stadion dabei bin, erlebe ich als zwölfter Mann das Spiel mit. Leide mit, freue mich mit! Genauso ist das in unserer Kirche: Sachliche Analysen der Misere stellen mich nicht zufrieden. Meine Position ist nicht die „sachliche von außen“, sondern die der „Erfahrung von innen“. Es ist vielleicht die Haltung der Kinder, von denen Jesus sagte, dass sie ins Reich Gottes gelangen. Und ich glaube, dass mit dieser Haltung Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger damals Weltmeister geworden sind. Vom inneren Erleben heraus haben sie die Dynamik des Fußballs spielerisch auf den Rasen gebracht. Dieses innere Erleben braucht die Kirche auch. Man nennt das: Spiritualität! Nur damit kann Kirche die Welt meistern und als Reich Gottes erlebbar machen.  

Pater Ernst-Otto Sloot SCJ

Dieser Text erschien in der 3. Ausgabe 2018 unserer Ordenszeitschrift „Dein Reich komme“.

  • S
  • M
  • L