Der Retter ist da

Der Heilige Abend. Ein Großereignis, das die Jahreszeit prägt und das Denken der Menschen mitbestimmt. Aber ereignet sich da auch Kirche?

Die Krippe im Dehonhaus in Oberhausen (c) scj.

 

Wenn es auf Weihnachten zugeht, dann wird das Fest der Menschwerdung des Gotteswortes zum großen Ereignis. Dann sind die Kirchen am Heiligabend noch einmal voll wie sonst nie. Dann ist eine Stadt wie Oberhausen in Weihnachtsstimmung. Viele private Fenster sind geschmückt. Es gibt Weihnachtsmärkte, Straßenbeleuchtung, lebendige Adventskalender und lange Schlangen in den Kaufhäusern. Ein Großereignis! Ein Ereignis, das die Jahreszeit prägt und das Denken der Menschen mitbestimmt.

Aber ereignet sich da auch Kirche? Der Legende nach begann alles an einem – ehemals bedeutsamen – Ort mit Namen Bethlehem, aber als völlig unspektakuläres Ereignis. In einem abgelegenen Stall wird ein Kind geboren, das den Namen „Gott rettet“ bekommt, hebräisch: Jeshua, in unserer Sprache: Jesus. Wenige Menschen haben davon Notiz genommen. Unter anderem ein paar Hirten, die draußen auf einem Feld bei ihren Schafen waren. Irgendetwas hat sie hingezogen zu diesem Stall. Und falls Josef, der mutmaßliche Vater des Kindes, die Hirten gefragt haben sollte, was sie hierher zum Stalle geführt habe, dann hätten die Hirten genauso gut zurückgefragt: „Dasselbe könnten wir dich fragen: Was macht ihr hier? Das ist unsere Welt! Ihr kommt doch aus der Stadt, aus einer anderen Welt. Was wollt ihr hier bei uns?“

Ich kann mir vorstellen, dass die Eltern Jesu es auch eigentlich lieber gesehen hätten, wenn sie in der Stadt eine Herberge gefunden hätten. Bei den Hirten da draußen, außerhalb der gewohnten Welt, das Kind zur Welt zu bringen, war bestimmt nicht ihr Plan. Ist es eigentlich der Plan der Kirche, das Wort Gottes zur Welt da draußen zu bringen? Oder will sie lieber die Menschen da draußen in ihre großen Kirchen in die Stadtmitte bitten, weil dort das Wort Gottes, dieser Jesus, sein eigentliches Zuhause hat? Und so wie Maria und Josef Fremde in der Welt der Hirten waren, fühlen sich heute viele fremd in den Kirchen. Außer an Weihnachten! Da gibt es dann wieder dieses Zugehörigkeitsgefühl.

In unserer Krippe im Dehon-Haus nähern sich Josef und der Hirte langsam einander an. Sie lernen sich kennen. Sie erzählen einander, was in ihrem Leben in der Mitte steht. Sind die Lebensstile auch noch so verschieden, so gibt es doch zentrale Themen im Leben, wo wir Menschen einander verstehen. Die beiden Männer haben vielleicht die Nacht am Lagerfeuer verbracht und sich ausgetauscht. Waren anschließend einander nicht mehr Fremde. Haben sich vielleicht sogar gut verstanden. Verstehen sich unsere Kirche und die Welt da draußen? Wo brennen die Lagerfeuer, an denen sich die Menschen in kleiner Runde treffen, die einander und das Leben verstehen wollen? Verständnis ist ein erster Schritt, die Welt zu retten. Wer sich durch einen anderen verstanden fühlt, spürt, dass von da an sich etwas ereignen kann. Der erwachsen gewordene Jesus ist zu den Menschen hinausgegangen, hat die Menschen verstanden, es hat sich etwas ereignet, das seine Jünger fortsetzen wollen, wenn sie singen: „Christ der Retter ist da.“

Text: Pater Ernst-Otto Sloot SCJ

Dieser Text erschien in der 4. Ausgabe 2018 unserer Ordenszeitschrift „Dein Reich komme“.

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