Maria Martental: Herausgefordert - und wir stellen uns!

Die Corona-Pandemie hat unsere Gesellschaft und unser persönliches Leben voll im Griff. Da stellt sich die Frage: Was macht die Pandemie mit uns? Doch gleichzeitig bin ich herausgefordert zu fragen: Was machen wir unter Corona-Bedingungen?- Gedanken von P. Konrad Flatau SCJ, Kloster Maria Martental

Martentaler Wasserfall

Viele Menschen müssen auf Sparflamme arbeiten und bangen um ihre Existenz. Aber in der aktuellen Zeit liegt für jeden Einzelnen auch eine Chance, das eigene Leben anders einzustellen. Vor allem müssen wir uns mit uns selbst und mit unserer nächsten Umgebung beschäftigen.

Unsere Gedanken, Ängste und Sorgen holen uns ein, denn wir sollen zuhause bleiben und Kontakte mit anderen meiden.

So haben wir viel mehr Zeit für uns selbst.  Wie nutzen wir diese Zeit persönlich?

Was uns helfen kann

Wir können wieder mehr Achtsamkeit und Aufmerksamkeit den Dingen des Alltags schenken und das Bewusstsein von Dankbarkeit einüben für all das, was uns geschenkt ist. Die aufgelegten Begrenzungen in der Corona-Zeit engen uns ein und bergen die Gefahr, unser Leben lahm zu legen und neue Initiativen auszubremsen und zu blockieren. Missmutig oder angstvoll auf die Dinge des Alltags zu schauen, verdunkelt auch unsere Beziehung zu unseren Nächsten, mit denen wir jetzt mehr zu tun haben. Wie können wir den Alltag aufhellen? Unsere Beziehungen zu den anderen intensivieren und lebendiger gestalten?

Beziehungen leben aus dem Vertrauen, im Vertrauen zu uns selbst, zu unseren Möglichkeiten und Vertrauen in das uns geschenkte beziehungsreiche Leben. Dadurch wird eine gewisse Gelassenheit möglich, die in unser Leben und unsere Begegnungen Ruhe einkehren lässt.

Die innere Ruhe in dieser Krisenzeit kann auch die spirituellen Momente unseres Lebens bewusst und lebendig machen.

Die Vergänglichkeit und Begrenztheit unseres irdischen Lebens werden erfahrbar. Wir haben - und dies gilt weltweit - nicht alles voll im Griff. Die Machbarkeit in vielen Bereichen unseres Lebens war oft für uns selbstverständlich. Doch jetzt bemerken wir, der Mensch ist nicht Herr aller Dinge. Diese Krisenzeit macht aufmerksam auf die „Lebensbrüche“ wie Abschiede, Enttäuschungen, Krankheit, Konflikte, durchkreuzte Vorhaben, zerbrochene Beziehungen.

Erfahrbar wird auch: unser christlicher Glaube ist kein „Wellnessglaube“. Ich bekomme nicht die Zusage, dass mir alle Schmerzen und Leiden erspart bleiben. Mangel, Verlust, Angst gehören zu unserem Menschsein. Wir müssen uns selbst ernst nehmen in unserer Verwundbarkeit, Verletzlichkeit und Sterblichkeit.

Im Glauben können wir unseren Weg gehen. Und wir dürfen ihn voll Hoffnung gehen, weil uns ein Gott offenbart und nahegebracht wird, der als der „Emanuel“ die Höhen und Tiefen unseres Lebens mitgeht. Wer in die Bibel hineinschaut, erkennt, Gott ist nie einer gewesen, der sein auserwähltes Volk absolut von Leid verschont hat – weder im Alten Testament das auserwählte jüdische Volk, noch seinen Sohn Jesus Christus im Neuen.

Deshalb sollten wir in dieser Krisenzeit auch nicht anklagend fragen: „Gott, wo bist du?“ - oder: „Warum lässt du das zu?“

„Was will Gott uns damit sagen?“

Nehmen wir Gott vielmehr als guten Pädagogen, der uns Menschen kennt.  Und fragen eher: „Was will Gott uns damit sagen?" Jesus selbst und das zweite Vatikanische Konzil haben davon gesprochen „die Zeichen der Zeit erkennen“. Wer die „Zeichen der Zeit“ erkennt, wird sie auch entsprechend nutzen und verantwortlich darauf antworten.

Ein Bild oder besser eine Vision aus dem Ersten Testament hat mir geholfen, die gegenwärtige Situation der Pandemie bewusster anzugehen und eine umfangreiche Perspektive wahrzunehmen, nicht mit dem „Tunnelblick“ die Situation anzuschauen, sondern den „Weitwinkel“ einzusetzen.

Es ist der Traum von der „Jakobsleiter“ (Genesis 28). Jakob ist in einer Krisensituation.  Er hat sich das Erstgeburtsrecht seines Bruders erschlichen und ist nun auf der Flucht. Wie geht das Leben weiter? Wie sieht seine Zukunft aus? Unterwegs träumt er von einem offenen Himmel und von einer Leiter, die Himmel und Erde verbindet.  Gott steht am oberen Ende der Leiter und spricht ihm Gutes und Mut zu. Engel steigen auf und nieder. Und Jakob erkennt, dass er hier eine Gotteserfahrung gemacht hat: Der Herr ist an diesem Ort, und ich wusste es nicht!

Was sagt mir dieses Bild, dieser Traum?

  • Gott ist gegenwärtig, dort, wo wir sind und leben, also in unserem Alltag.
  • Die Engel steigen „auf und ab“, d.h. es geht nicht nur nach „oben“, nicht nur in eine Richtung, sondern es ist Bewegung von oben nach unten und umgekehrt.
  • Die Leiter signalisiert: Erde und Himmel sind miteinander verbunden, sie berühren sich, in einem lebendigen Austausch.
  • Am Ende der Leiter erwartet uns Gott mit seiner Verheißung und Zusage.
  • Im Vertrauen darauf, dass ich immer wieder und überall Orte finden kann, an denen der Heilige mir nahe ist, kann ich die Gegenwartslage annehmen und versuchen, das Beste daraus zu machen.

Unsere Schwerpunkte

Für uns im Kloster Maria Martental setzten wir Schwerpunkte nach innen in unsere Gemeinschaft, um die spirituellen Impulse - wie oben genannt - für uns bewusst und erlebbar zu machen.

Schwerpunkte nach außen betraf unsere pastorale Arbeit.

Unsere seelsorglichen Aufgaben am Wallfahrtsort und in den Pfarreiengemeinschaften Kaisersesch und Ulmen konnten wir gut wahrnehmen - trotz oder mit den bekannten Beschränkungen.

Über das ganze Jahr verteilt finden Erstkommunionfeiern statt und zwar in kleinen Gruppen. Hierbei machten wir die Erfahrung der mehr persönlichen und familiären Zuwendung. Einige der Erstkommunikanten kamen auch zu einem Einkehrtag ins Kloster und wurden hier mit gottesdienstlichen Formen bekannt gemacht und in das Sakrament der Eucharistie vertiefend eingeführt.

Die Gottesdienste in der Wallfahrtskirche und in der Pfarreiengemeinschaft wurden regelmäßig gefeiert und die Gläubigen machten gut mit trotz der beschränkenden Auflagen. Hier wurde besonders bewusst, dass die gemeinsame Feier von Gottesdiensten, das Erlebnis der Glaubensgemeinschaft besonders gesucht wurde.

Im Kloster haben wir auch wieder begonnen, kleine Exerzitiengruppen zu leiten und Besinnungstage durchzuführen.

Veranstaltungen mit großen Wallfahrtsgruppen durften noch nicht durchgeführt werden. Aber die Pilger waren erfinderisch und machten sich in Kleingruppen oder einzeln auf den Pilgerweg. So baten auch Jakobspilger regelmäßig um Quartier im Kloster und setzten dann ihren Pilgerweg fort.

Im Mai fand eine Wallfahrt von Soldaten statt, eingeschränkt zwar, aber doch als ein Zeichen dafür, dass das Pilgern auch für diese Berufsgruppe weiterhin lebendig bleiben will.

Im Kloster selbst haben wir in dieser Zeit unsere Hauskapelle renoviert und frisch gestrichen. Sie leuchtet jetzt in hellem Glanz zur Freude der Gemeinschaft und der Besucher, die hier Stille und Besinnung suchen. Häufig wird unsere Hauskapelle von bestimmten Gruppen für liturgische Feiern und für die eucharistische Anbetung in Anspruch genommen.

Von unserer Hauskapelle aus wurden mehrere Gottesdienste während der Corona-Zeit auch via Internet übertragen und ausgestrahlt.

Die Situation in der Corona-Zeit lässt uns neue Formen für Gottesdienst und in der Begegnung mit den Gläubigen entdecken. Es bleibt spannend.

  • S
  • M
  • L