„Sand im Getriebe?“ – P. Lau bei Veranstaltung der Akademie Freiburg

Was bedeutet es für unsere Gesellschaft, wenn sich Orden, die ja ursprünglich aus den Städten hinaus in die Einsamkeit gezogen sind, ganz bewusst wieder im Stadtleben positionieren und einbringen? Inwiefern prägen sie das Stadtleben – in einer vermutlich nicht aufzulösenden Grundspannung von Distanz und zugleich Zuwendung zu den Menschen in den Städten? Wollen Ordensleute »Sand im Getriebe« sein, und welche Konsequenzen erwachsen daraus?

Das waren zentrale Fragen beim Vortragsabend »Sand im Getriebe? Ordensleute als Kontrastgesellschaft« in der Katholischen Akademie der Erzdiözese Freiburg. Auf dem Podium vertreten war auch Provinzial Pater Heinz Lau SCJ. Für die Katholische Akademie war die Veranstaltung mit 45 Personen ein gelungener Start ins neue Halbjahresprogramm.

Anlässlich der neuen Ausstellung »100 Jahre Stadtgeschichte - 100 Jahre Engagement. Freiburg aus dem Blickwinkel des Klosters St. Lioba« hatten die Katholische Akademie und der AB Frömmigkeitsgeschichte und Kirchliche Landesgeschichte der Universität Freiburg zu diesem Vortragsabend eingeladen, der auch das Fokus-Thema »Zusammenhalt« zum Thema machte. Zur ersten Veranstaltung im neuen Halbjahr 2020/II - und auch zur ersten Präsenzveranstaltung seit der Schließung Mitte März - kamen denn auch zahlreiche Gäste, so dass die Aula bereits Tage zuvor ausgebucht war.

Gespannt und mit großem Interesse lauschte das Publikum den fundierten Ausführungen der Grazer Religionswissenschaftlerin Dr. Isabelle Jonveaux, die sich seit vielen Jahren aus soziologischer Perspektive mit der Frage beschäftigt, was Ordensleben heute ausmacht und vor welche Herausforderungen Klöster gestellt sind. Ihr Beitrag lebte auch von den vielen persönlichen Erfahrungen, die sie in europäischen und afrikanischen Klöstern gesammelt hat, wo sie ihre Feldforschungen betreibt - und die manches Mal das festgefahrene, historische Bild eines Klosters heilsam ins Wanken brachten.

Für Pater Heinz Lau SCJ waren dabei zentrale Aspekte, dass Ordensleute anfangs oft Eremiten waren, die aus der Gesellschaft geflohen waren. Ihre Aufgaben entwickelten sich als Antwort auf gesellschaftliche Herausforderungen, etwa die Versorgung von Kindern alleinerziehender Mütter, als Hospize zur Sterbebegleitung, bei Krankheit und Epidemien. Obwohl Orden eigentlich festgefügt seien, sind sie stets zu Veränderung herausgefordert. Inzwischen wurden viele der traditionellen Aufgaben der Klöster von Laien übernommen.

Nicht unerwähnt ließ die Referentin das fragwürdige Verhalten bezüglich Themen wie Mission, Inkulturation, Kolonisation und Sklaverei.

Und heute, meinte sie, leben Ordensleute vergleichlich privilegiert, Klöster entwickeln sich mehr und mehr zu geistlichen Zentren, und Ordensleben sei als Kontrast zu sehen zur Welt der Banken, Kaufhäuser, Supermärkte, Discos und anderem.

Die Impulse von P. Heinz Lau SCJ sowie von Dr. Barbara Henze, der Mitveranstalterin, brachten noch weitere Perspektiven in den Abend mit ein.

P. Lau ging kurz auf die Entwicklung ein: von den Wüstenvätern zu geistlichen Gemeinschaften, von den Eremiten zu den Abteien. Er griff den Gedanken von Dr. Isabelle Jonveaux auf, wonach Ordensleute im Kontrast zur Gesellschaft leben. Beispiele dafür sind:

  • Gemeinschaftsleben vs. Individualismus
  • Versprechen/Gelübde vs. Beliebigkeit
  • Armut vs. Überfluss / Konsum
  • Gehorsam vs. persönliche Freiheit
  • Askese / Verzicht vs. Genuss / “Vollstopfen“
  • Reich Gottes vs. unsere neuen Reiche: Geld, Ideologien
  • Stille / Schweigen vs. Hektik / Lärm
  • Innengelenkt – außengelenkt
  • Prophetisch - Klerikalismus
  • Ganzheitlichkeit vs. Patchwork

Am Ende wurden auf diese Betrachtung hin viele Facetten und neue Ansätze hinsichtlich der Begriffe »Kontrast« und »Gesellschaft« sowie auch hinsichtlich der Aufgabe aller Christ*innen, »Sand im Getriebe« zu sein, deutlich.

Text:  Katholische Akademie der Erzdiözese Freiburg / scj
Foto ©: Katholische Akademie der Erzdiözese Freiburg

 

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