Gastfreundschaft als wesentliches Element: Pastoral für Suchende in Berlin

Vor neun Jahren kamen die Herz-Jesu-Priester nach Berlin, um ein missionarisches Projekt im Herzen der Stadt aufzubauen. Hochmotiviert und mit fünf Mitbrüdern am Start ging es los. Heute, 2021, leben und arbeiten sie hier zu dritt: P. Ricardo Diniz SCJ, P. Markus Mönch SCJ und P. Jacinto Weizenmann SCJ. In einem Artikel für die Zeitschrift Ordenskorrespondenz (03/2021) blickt P. Mönch, der von Beginn an dabei ist, auf seine Erfahrungen zurück.

Die Berliner Kommunität: P. Jacinto Weizenmann SCJ, P. Markus Mönch SCJ und P. Ricardo Diniz SCJ (von links)

„Schon früh wurden wir in unserer Ordensprovinz als das Leuchtturmprojekt der Kongregation bezeichnet. Ja, wir sollten ein vorbildliches Projekt sein, das neben dem eigentlichen Zweck auch eine Signalwirkung für zahlreiche Folgevorhaben haben soll. Neben der Arbeit war daher auch eine große Bekanntheit beabsichtigt. Deshalb bekamen wir gleich zu Beginn auch eine Mitarbeiterin für die Öffentlichkeitsarbeit zur Seite gestellt, die uns in den Medien an wichtigen Stellen platzierte und uns half, uns gut zu präsentieren.

Aber dabei ist es nicht geblieben. Wir sind nämlich mehr als ein Leuchtturmprojekt geworden. Leuchttürme werden gebraucht für die Schiffe auf dem Meer, besonders wenn die Sicht schlecht ist und die Wellen hochschlagen. Ansonsten leuchten sie in der Nacht auf die See hinaus und warnen vor den Gefahren in der Welt. Unser Projekt einer Pastoral für die Suchenden hat sich vielmehr zu einem sicheren Hafen für die Nacht, zum Be- und Entladen, zum Rüsten und zur Ertüchtigung entwickelt.
Sichere Häfen sind genauso wichtig wie Leuchttürme, denn jedes Schiff braucht im Leben einen Hafen: wenn Stürme alles durcheinanderwirbeln, wenn etwas zerschellt ist im Leben, oder wenn die Fahrt auf der See alles abverlangt hat. Ein sicherer Hafen ist kein Ort, an dem man bleibt, sondern ein Ort, an dem man ankommt und sich wieder verabschiedet.

So wichtig es ist, dass Leuchttürme leuchten, so wichtig ist es auch, dass es einen sicheren Hafen gibt. Es entspricht dem Wort Jesus: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele.“ (vgl. Mt 11,28-29)

Was sind die Bedürfnisse der Menschen hier in Berlin?

Niemand auf der Straße rief damals: „Hurra, die Herz-Jesu-Priester sind da!“ Wir kamen in eine Stadt, in der man uns im nichtreligiösen Milieu zu Anfang überhaupt nicht wahrgenommen hat. Wir lebten an einem Ort in unserem Kloster, der unsichtbar war, verborgen hinter einem großen Tor, in einer anderen Welt.

Wir mussten hinaus in die Stadt und in den Kiez, um zu erfahren, was Menschen umtreibt, was wichtig ist in ihrem Leben, woran sie leiden oder woran es fehlt. Natürlich gibt es soziologische Studien, die dies haargenau aufzeigen. Aber das nützt alles nichts ohne den Kontakt zu einem betroffenen Menschen. Wir hatten das Glück, dass wir direkt die zugehörige Pfarrei betreuen konnten und so über die Gläubigen Kontakte in den Kiez und die Stadt aufbauen konnten.

Unsere Erfahrungen heute sind die folgenden:

  1. Neben den vielen Wohngemeinschaften und Familien gibt es auch viele junge wie alte Menschen, die in ihren Wohnungen allein leben. Die Quote der Single-Haushalte in Berlin lag 2020 bei 52,7 Prozent mit wachsender Tendenz. Viele Menschen leiden unter ihrer Situation und machen sich auf die Suche nach einem Anschluss.
  2. „Berlin ist wie ein Moloch“, also ein Konstrukt, das Menschen auf Dauer kaputt machen kann. Der Stressfaktor der Stadt ist sehr hoch. Der andauernde Lärm auf der Straße und in der Luft, die riesigen Menschenströme und der Druck bei der Arbeit machen vielen Menschen zu schaffen. Am Wochenende und an lauen Sommerabenden strömen die Menschen auf der Suche nach Erholung in die Parkanlagen und drängen sich dort dicht an dicht. Das Bedürfnis nach Rückzug und Stille ist sehr stark ausgeprägt. Aggressiv wird das Eigene geschützt.
  3. Orte, an denen Menschen aufatmen und leben können, sind lebensnotwendig. Das sind nicht unbedingt Kirchen oder Klöster, sondern in Berlin neben den Parks, den Sport- und Freizeitangeboten auch die vielen Clubs, in denen sich Menschen auspowern und abreagieren können. Der Barkeeper wird zum Seelsorger, wenn keiner mehr zuhört.

Wie kann man darauf reagieren?

Unsere Ideen, unsere Erfahrungen

Ziemlich unbedarft haben wir am Anfang unsere Ideen umgesetzt. Ein wichtiger Punkt war, dass wir uns selber und die Räume öffnen mussten. Wir haben begonnen, die Kirche und den Hinterhof, die vorher nur zu Gottesdiensten geöffnet waren, der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Heute sind wir eine der wenigen nicht-touristischen Kirchen, die jeden Tag offen ist und als Rückzugs-, Erfahrungs-, und Begegnungsraum genutzt werden kann.

Daneben etablierten wir regelmäßig spirituelle Angebote. Der tägliche Gottesdienst zur gleichen verlässlichen Zeit, Meditationen im Advent und in der Fastenzeit, Taizégebete während des Jahres und das Angebot der geistlichen Begleitung.

Um suchende Menschen zu erreichen, begannen wir in Kooperation mit einer Singlebörse einen Singleabend um den 14. Februar zu feiern, pilgern an verschiedenen Samstagen auf den Jakobswegen in Brandenburg und sind präsent auf den Festen des Kiezvereins und des Erzbistums.

Niederschwellige Angebote gibt es im kulturellen Bereich, wie Konzerte oder Lesungen. Wichtig ist uns bei all dem geworden, dass wir hinterher immer einladen zu einem Glas Wasser oder Wein, um miteinander ins Gespräch zu kommen.

Eine prägende Erfahrung in diesem Kontext war, dass nicht alles, was wir für relevant hielten an Veranstaltungen oder Angeboten, auch angenommen wurde oder die Zustimmung von Menschen gefunden hat.

Auf der anderen Seite waren wir manches Mal überrascht, wie viele Menschen den Weg zu bestimmten Angeboten fanden, oder welches Medienecho manche Veranstaltung fand. Die Frage, welche Menschen wir erreichen, ist wichtig und muss immer wieder neu gestellt werden. Viel zu leicht gerät man sonst in Versuchung, das zu tun, was man kennt und gerne tut. Aber auch das kann manchmal ein Ansatzpunkt sein für etwas Neues.

Vor zwei Jahren habe ich aus der Leidenschaft zu kochen ein „Männerkochen mit Mönch“ begonnen. Neben den Männern aus den Gemeinden haben wir auch Außenstehende angesprochen und konnten so durch das Kochen mit ihnen ins Gespräch kommen. Auch aus der Not heraus initiierten wir vor einigen Jahren am Heiligen Abend ein Abendessen für Menschen, die an diesem Abend allein sind. Schnell erwuchs daraus eine Veranstaltung für bis zu 30 Personen.

Viele Faktoren spielen eine Rolle, warum ein Angebot angenommen und fortgeführt werden kann. Da ist zum einen die Kooperation mit Künstlern, Engagierten, pastoralen Mitarbeitern und das persönliche Potenzial, das der einzelne Mitbruder mitbringt. Manche Formate leben von der einen Persönlichkeit und haben ein Ende, sobald der Mitbruder nicht mehr zur Verfügung steht. Bei einem solchen Ort, wo es keine feste territoriale Gemeinde gibt, sondern Menschen aus verschiedenen Orten zusammenkommen, ist das so.

Was hat uns geholfen?

Sich in einem neuen Umfeld zurechtzufinden, ist sehr anstrengend und zeitaufwändig. Deshalb suchten wir zu Beginn gleich Kontakt zu anderen Gemeinschaften, Kirchen und Institutionen, von denen wir wertvolle Hinweise zur Besonderheit des städtischen Raumes bekamen, und mit denen wir immer wieder kooperieren. Das Engagement in der Ökumene vor Ort war von Anfang an für uns selbstverständlich.

Aber auch durch die Unterstützung unserer Pressestelle, die für die ersten fünf Jahre in Berlin vor Ort war, waren wir sehr wagemutig und trauten uns immer wieder auf unbekanntes Terrain. Über die Zeit haben wir ein großes Knowhow bekommen und wissen, wen wir fragen können, wenn Unterstützung vonnöten ist.

Durch die enge Vernetzung in die Pfarrei und ins Erzbistum Berlin wurden wir sehr schnell bekannt. Die persönliche Empfehlung hatte meist eine größere Wirkung als viele Plakate, die wir in Nacht- und Nebelaktionen im Kiez und in der Stadt verteilt haben.

Gastfreundschaft als wesentliches Element

In einer Stadt, in der man nichts geschenkt bekommt, ist Gastfreundschaft ein wichtiges Zeichen für christliche Gemeinden und Gemeinschaften. Aufgrund der Geschichte der Stadt in den letzten 60 Jahren hatten sich katholische Gemeinden in Berlin sehr stark nach außen abgeschottet. Das wirkt auch heute noch, wenn Menschen berichten, wie schwer es fällt, als Außenstehende/r irgendwo in einer Gemeinde anzudocken.

Deshalb ist das Zeichen der auf den Menschen zugehenden Gastfreundschaft sehr wichtig. Das kann ein freundliches Wort beim Hinausgehen sein oder die Einladung, nach der Veranstaltung etwas miteinander zu trinken. Wir erleben, dass diese Offenheit von vielen Besuchern geschätzt wird.

Auch in einen Hafen muss man investieren

Ja, natürlich sind wir zu einem Leuchtturmprojekt geworden, aber vielmehr auch zu einem kleinen Hafen, in dem man Ruhe, Kraft und mehr finden kann. So kommt beides zusammen: Wir haben einen Leuchtturm, der auch irgendwo zu einem Hafen gehört. Und in diesen Hafen und den Leuchtturm muss regelmäßig auch Zeit und Kraft investiert werden, damit er auch in Zukunft ein Ort der Gastfreundschaft, des Schutzes und der Ruhe bleiben kann.

Foto ©: scj

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