Arbeit in der Großstadt: „Christentum ohne Gemeinde?“

Vier Herz-Jesu-Priester tauschen sich aus: Pater Olav Hamelijnck SCJ und Pater Ernst-Otto Sloot SCJ aus Oberhausen sowie Pater Markus Mönch SCJ und Pater Ryszard Krupa SCJ aus Berlin. Sie sprechen darüber, was für sie wichtig ist in ihrer Arbeit „ohne Gemeinde“.

Mit rund 212.000 Einwohnern zählt Oberhausen zu den mittleren Großstädten des Ruhrgebiets. Die Römisch-Katholische Kirche ist die zahlenmäßig größte der christlichen Kirchen in Oberhausen mit rund 80.000 Katholiken. Sie verteilen sich auf vier Groß-Pfarreien mit unterschiedlich vielen Gemeinden. Die protestantische Kirche zählt rund 53.000 Mitglieder.

Die Stadt Berlin dagegen ist mit rund 3,65 Millionen Einwohnern die bevölkerungsreichste und mit 892 Quadratkilometern die flächengrößte Gemeinde Deutschlands.  26 Prozent der Einwohner sind noch Mitglieder einer christlichen Kirche. Etwa 321.600 Katholiken und 576.000 Protestanten leben hier. Auch mit "nur" 9,2 Prozent Katholiken ist Berlin dennoch nach absoluten Zahlen die drittgrößte katholische Stadt Deutschlands.

Und in diesen beiden Städten sind auch die Herz-Jesu-Priester präsent. Vier Patres aus drei Ländern bilden eine internationale Kommunität inmitten der deutschen Hauptstadt. Zwei von ihnen, Pater Markus Mönch SCJ und Pater Ryszard Krupa SCJ, wagen im Stadtteil Prenzlauer Berg ein pastorales Experiment: Mit ihren Angeboten wollen sie Menschen ansprechen, die der Kirche nicht (mehr) nahestehen: durch gemeinsames Kochen, Kneipengespräche oder Pilgerwanderungen in Brandenburg beispielsweise. Angesprochen sind alle Menschen, unabhängig davon, ob religiös geprägt oder ohne Konfession.

Vom Oberhausener „Dehon-Haus“ aus wirken nach dem Tod von P. Gerhard Valerius SCJ noch die Patres Olav Hamelijnck SCJ und Ernst-Otto Sloot SCJ. Gegründet wurde die Niederlassung 2005 mit dem Ziel, neue Formen von Ordensleben zu leben. Schwerpunkte ihrer Tätigkeit sind heute: Unterricht an einer Berufsschule, politische Arbeit im Schulausschuss, Arbeit als Aufsichtsrat der Stiftung Jugendberufshilfe des Bistums Essen, Seelsorge am CentrO-Einkaufszentrum, geistliche Begleitung, Gottesdienste, Exerzitien auf der Straße und im Haus.

Wo liegen Gemeinsamkeiten und wo die Unterschiede in ihrem Leben und Tun?

Darüber tauschen sich P. Markus Mönch SCJ und P. Ryszard Krupa SCJ sowie P. Olav Hamelijnck SCJ und P. Ernst-Otto Sloot SCJ aus:

P. Sloot: Cityseelsorge bedeutet für mich „Christentum ohne Gemeinde“. Wir arbeiten mit Christen, die zu keiner Gemeinde gehören, aber einen gemeinsamen Lebensraum haben oder zu einem bestimmten Anlass für einen begrenzten Zeitraum aufeinandertreffen. Diese Treffen sollen für diese bestimmte Situation stimmig sein.

P. Mönch: Wir machen in Berlin die Erfahrung, dass viele Menschen Orte suchen, wo sie ein Stück Heimat finden und wo sie andocken können. Das findet nicht mehr im pfarreilichen Kontext statt, sondern es geht vielmehr um geistige Heimat; denn viele persönliche Begegnungen gehen durch die großen pastoralen Strukturen verloren.

P. Hamelijnck: Ich bin ja mit meinem Angebot nicht in der City, sondern im großen Einkaufszentrum CentrO, genauer: im ökumenischen Kirchenzentrum, wo man einfach hinkommen und Kaffee und Kuchen bekommen kann. Dabei spielt für mich ein Begriff eine große Rolle, den ich besonders klasse finde: Gastfreundschaft. Das hat viele Aspekte: Es ist für mich interessant mitzubekommen, wie unsere Gäste glauben und denken. Ich treffe außerdem viele Menschen, die einfach erschöpft sind. Ich möchte dazu beitragen, dass sie einen guten Nachmittag haben. Und ich habe Lust, mit spirituell Suchenden zusammenzukommen, es inspiriert auch mich zu sehen, wie sie ihr Leben managen.

P. Krupa: Für mich sind die Begriffe Treffen, Beziehung und Heimat zentral. Es ist wichtig, dass Menschen einen Ort finden, an dem sie sich nicht einsam fühlen, sondern sicher – an dem sie etwas bekommen.

Das Besondere an dieser Art der Begegnungen

P. Krupa: Bei unseren Angeboten mitten in der Stadt erfahre ich eine Offenheit bei den Menschen – in Form von religiösen und menschlichen Fragen. Diese Fragen sind sehr vielfältig, weil ja auch die Menschen aus verschiedenen Nationen stammen, von verschiedenen Ecken Berlins und aus unterschiedlichen Schichten der Gesellschaft.

P. Hamelijnck: Diese Offenheit und diese Anfragen erlebe ich häufig als „heilige Momente“. Es geht ja nicht darum, die klassische Institution Kirche wieder attraktiv zu machen!

P. Sloot: Wenn ich davon spreche, dass wir da sind für „Christen ohne Gemeinde“, dann meine ich Christen im Sinne von „Schafe ohne Hirten“. Denn die Menschen, mit denen ich zusammenkomme, sind nicht auf der Suche nach einem Priester im Sinne eines Hirten. Es geht ihnen viel mehr darum, zu einem emanzipierten Glauben zu kommen. Viele meiner Schüler haben null Kontakt zu einer Gemeinde und suchen ihn auch nicht. Aber sie haben spirituelle und herausfordernde Fragen – etwa über die Bedeutung ihres Lebens oder anstehende Entwicklungsaufgaben – und sind in der Regel in einer Situation, in der viele Veränderungen passieren. Ihnen geht es um eine innere Haltung, um den Herausforderungen des Lebens zu begegnen.

Die Aufgabe passt zu diesen Herz-Jesu-Priestern

P. Hamelijnck: Um in diesem Feld gut wirken zu können, muss man das wirklich gerne tun. Ich für mich kann sagen: In meiner Kommunität kann ich richtig gut leben. Beruflich darf ich Manches tun, was einem Traumjob nahekommt.

P. Mönch: Die Menschen würden merken, wenn diese Aufgabe nicht zu uns passt. Dann bleiben sie weg. Man muss mit den Menschen auskommen, zuhören und reden können. Nur dann öffnen sie sich. Deshalb habe ich am Anfang geschaut: Was kann ich? Wo und wie spreche ich Leute an? Was ist mein Talent?“

P. Krupa: Dein Talent ist Kochen. (Anmerkung: P. Mönch bietet regelmäßig das Format „Männer kochen mit Mönch“ an.)

P. Mönch: Dabei geht es aber gar nicht darum, Kochen zu lernen, sondern um viel mehr: alles organisieren, die Arbeit teilen, sich gegenseitig ermutigen, ohne Stress arbeiten. Die Männer kommen, um sich zu erholen, dabei öffnen sie sich.

P. Krupa: Ich beobachte, wie die Männer an diesen Abenden zusammenarbeiten, sich gegenseitig unterstützen, wie sich eine Atmosphäre von Vertrauen entwickelt, und wie alle am Ende gemeinsam essen.

P. Sloot: Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass wir wie ein Katalysator Reaktionen in Gang bringen. Und danach bin ich wieder raus, ich verfolge nicht, wie es weiter geht.

P. Mönch: Und so verhält es sich auch mit unseren Pilgerwanderungen. Am Anfang setzen wir einen Impuls. Aber wir schaffen vor allem einen Rahmen für den Tag. Es geht ums Laufen – und für die Teilnehmer auch darum, dass sie nichts vorbereiten und sich um nichts kümmern müssen.

P. Krupa: Und es ist wichtig, dass die Menschen sich sicher fühlen: Sie wissen, dass sie wieder zurückkommen – und zu welcher Zeit. Nach fünf Tagen Arbeit wollen sie sich am Wochenende erholen, keinen Stress haben. Das ist genauso, wenn sie mit mir in die Kneipe kommen: Das ist zuerst Erholung am Feierabend, und dann bekommen sie auch noch etwas zum Glauben oder ein Bibelgespräch dazu.

P. Hamelijnck: Bei euren Angeboten in Berlin sieht man, das hat ja fast immer auch etwas mit Essen und Trinken zu tun. Das passt gut zu Jesus: Wie oft wird von ihm erzählt, dass er mit den Leuten gegessen und getrunken hat.

„Erfolge?“  - Es gibt Grenzen

P. Mönch: Bei unseren Angeboten stoßen wir natürlich auch an Grenzen. Wir erreichen zum Beispiel nur eine bestimmte Klientel, beispielsweise kommen zu uns keine Studenten und nur sehr wenig junge Menschen. Und es gibt zeitliche Grenzen – ich kann nur eine bestimmte Anzahl von Veranstaltungen anbieten. Denn ich muss ja auch für mich selbst Ruheorte und -zeiten finden. Und wir können nicht alle Aufgaben übernehmen, die früher in den Pfarreien angesiedelt haben – denn auch dort gab es früher viel mehr Geselligkeit als heute.

P. Hamelijnck: Für mich steht fest: Ich will nicht den „Dinner-for-one-Diener“ machen, der hin und her rennt und tausend Jobs übernimmt, um ein paar Leute glauben zu machen, es sei alles noch wie früher. Eine weitere Begrenzung ist: Ich treffe nur die Menschen, die Lust haben, in unser Kirchencafé zu kommen. Ich träume manchmal davon, wie bei den Straßenexerzitien mehr mit fremden Menschen in Kontakt zu kommen und einen Teil meiner Zeit mit ihnen zu verbringen.

P. Krupa: Es gibt ein interessantes Buch mit Titel „Zwischen Kirche und Kneipe“. Der Autor macht darin deutlich, dass er trotz intensiver Gespräche mit Menschen ihr Leben nicht ändern kann. Wir sind in unseren Begegnungen immer darauf angewiesen, wie weit und tief die Menschen sich uns gegenüber öffnen und äußern möchten.

P. Mönch: Wir müssen uns unserer Rolle klar werden: Wir werden wahrgenommen, es kommen flüchtige Besucher zu uns mit ganz verschiedenen Bedürfnissen. Wenn wir über Pastoral sprechen, dann bedeutet das vielleicht nur: Einen Raum bieten.

P. Sloot: Und ich würde sogar das Wort Pastoral streichen. Denn das klingt, also ob die Menschen uns nötig brauchten. Das stimmt so aber nicht.

P. Hamelijnck: Ja, wir sind uns bewusst: Es gibt uns einfach, aber wir sind nichts Großes.
Kein Hirte, aber ein Engel oder ein Hund?

P. Sloot: Wichtig ist, dass wir mit den Menschen auf Augenhöhe sprechen. Vielleicht sind wir mehr Engel als Hirte?

P. Krupa: Engel in dem Sinne, dass wir die Menschen begleiten.

P. Mönch (lacht): Dann würde ich mich noch eher mit einem Hund vergleichen, der ein Weggefährte ist und Sicherheit gibt.

P. Sloot: Durch die Begegnungen mit den Schülern habe ich selbst oft offenbarende Erlebnisse. Sie zeigen mir, dass Jede/r Botschafter Gottes sein kann – und immer auf gleicher Ebene. Wichtig ist am Ende, dass den Menschen durch ihren Glauben bewusst wird: Man kann das Leben managen.

Das Interview ist erschienen in der Ordenszeitschrift „Dein Reich komme“ – Ausgabe 57, Juni 2020.

Sie können das gesamte Magazin hier online lesen.

Foto ©: scj / P. Krupa (links) und P. Mönch bieten auch Pilgerwanderungen an.

 

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