Der Weg in den Orden | Mein Noviziat
Foto: scj.de

Ein Leben für Gott

Traumjob Ordensmann 

Wenn er seine Geschichte erzählt, dann lacht Martti Savijoki immer wieder. So, als könne er selbst kaum glauben, endlich angekommen zu sein. Als Opernsänger auf den Bühnen dieser Welt singen oder mit seiner Musik als Organist Gottesdienstbesucher begeistern – das stand ganz oben auf der Liste seiner Traumjobs. Heute lebt der 32-Jährige Finne im Herz-Jesu-Kloster Freiburg. Über eine lange Suche nach dem richtigen Platz im Leben.

Ein starker Glaube begleitet Martti Savijoki von Kindesbeinen an. Seine Eltern, die Mutter Grundschullehrerin, der Vater Arzt, gehören einer freievangelischen Gemeinde an. Die Familie wohnt im Südwesten Finnlands, in Sastamala. Heute zählt die Stadt am Rautavesi-See 26.000 Einwohner und entfaltet sich über ein Gebiet, das flächenmäßig größer als Berlin ist. Der Ort bestand einst aus mehreren kleinen ländlichen Gemeinden, bis diese 2009 den Zusammenschluss wagten. Martti wuchs in einem dieser „Dörfer“ auf. Als kleiner Junge habe er gern Bücher über fremde und ferne Kulturen gelesen, erzählt er. Afrika und die alten Ägypter. Beim Spielen in den heimischen Wäldern träumte Martti dann als Archäologe Abenteuer zu erleben, tief in der Erde zu graben und Schätze zu bergen.

Jahre später heißt sein Studienfach nicht Archäologie. „Im Alter von vier Jahren habe ich angefangen, Klavier zu spielen. Und seit meiner Jugend wollte ich auch gern etwas beruflich mit Musik machen.“ Der Finne schreibt sich an der renommierten Sibelius-Akademie in Helsinki ein, studiert Musik, nimmt Gesangsstunden, entdeckt dort das Orgelspiel für sich – und bald auch den katholischen Glauben. Ein Kommilitone aus Norditalien, ehemaliger Novize bei den Jesuiten, erzählt ihm von seiner Kirche. „Ganz ohne Hintergedanken. Er wollte mich nicht überreden, die Konfession zu wechseln“, erzählt Martti. Doch die Gespräche hinterlassen einen so großen Eindruck, dass er beginnt, sich mit der katholischen Kirche zu beschäftigen. „Ein paar Dinge haben mich sofort angesprochen: ihre Ursprünglichkeit und die Eucharistie.“ Er liest, betet und ist sich plötzlich sicher: Ich konvertiere. „Für meine Eltern war das ein Schock. ‚Martti, überleg’ Dir das noch einmal!’, hat mein Vater gesagt.“

Noviziat im internationalen Ausbildungshaus

Damals habe er noch gar nicht daran gedacht, Priester oder Ordensmann zu werden: „Das war alles noch ganz weit weg“. Heute ist es umgekehrt: Sein Studentenleben in Helsinki scheint weit entfernt und damit auch der Traum vom Leben als Musiker. Das kleine Studenten-Appartement mit Bad und Küchenzeile hat er gegen ein Zimmer im Herz-Jesu-Kloster Freiburg getauscht. Das Haus ist internationales Ausbildungszentrum des Ordens. Junge Mitbrüder aus Afrika, Brasilien, Indien und Madagaskar leben hier, um Deutsch zu lernen und Theologie an der Universität zu studieren. Für Martti ist Freiburg nicht nur künftiger Studienort, sondern auch das Ende einer langen Suche.

Der kleine Martti. Foto: Privat

Ob er sich noch an den Moment erinnere, als ihm klar wurde, dass sich sein Berufswunsch noch einmal ändern könnte? „Ja, das war an einem Sonntag im April 2005. Ich habe in der Bibel gelesen, und plötzlich ging mir auf: Ich mache gern Musik, aber was ist, wenn ich dann einmal Top-Organist bin? Was kommt danach? Ich suchte irgendwie nach einem Mehr.“ Dieses Mehr im Leben entdecken zu wollen, spornt ihn an, das Studium schneller abzuschließen. Statt sich Pausen zu gönnen und mit Freunden zu treffen, übt er nun unermüdlich an der Orgel und am Klavier. Er übertreibt solange, bis nichts mehr geht. Burnout, diagnostizieren die Ärzte im Herbst des gleichen Jahres. Heute sagt Martti, dass ihm diese Zeit auch eine große Einsicht geschenkt habe: „Ich wusste plötzlich, ich kann mein Leben nicht kontrollieren. Ich muss jetzt loslassen. Und da in dieser größten Not bekam ich den größten Trost. Ich merkte, Gott trägt mich. Ich wollte ganz für ihn leben.“

Jahre später tritt Martti in das Priesterseminar im schwedischen Uppsala ein. Doch nach einem halben Jahr bricht er enttäuscht ab: „Ich fühlte mich dort einfach nicht gut aufgehoben, auch weil ich mehr Gemeinschaftsleben erwartet hatte.“ Bei den Jesuiten der Stadt hofft er dieses zu finden. Die haben zwar eine Kommunität, aber keine Möglichkeit, Ordensmänner auszubilden. Anfang 2013 reist Martti deswegen nach Nürnberg, wo er schließlich in das Noviziat der Jesuiten aufgenommen wird. Das einfache Leben, auf Geld und Handy zu verzichten, gefällt ihm. Auch die Gemeinschaft mit den anderen Novizen. Doch der Gedanke, später einmal nicht in seine Heimat zurückkehren zu können, weil es dort keine Jesuiten gibt, bedrückt ihn sehr.

Monate vergehen, bis Exerzitien schließlich die Wende bringen. Jeder Novize erhält dabei eine Aufgabe: Welche Alternative habe ich zu einem Leben als Jesuit? Martti zweifelt nicht an seiner Berufung. Er will Ordensmann werden. „Dann kam es wie ein Wink vom Himmel. Mir fiel ein, dass es Herz-Jesu-Priester bei uns in Finnland gibt. Plötzlich erschien mir dieser Orden eine echte Option zu sein. Nicht nur in der Theorie.“ Martti redet mit seinem Novizenmeister und nimmt Kontakt zu den Herz-Jesu-Priestern in Deutschland auf. Er besucht das Herz-Jesu-Kloster Berlin und lebt fast einen Monat bei den Mitbrüdern in Finnland. Er lernt deren Spiritualität kennen, das Charisma des Ordens. „Danach war mir klar, dass ich wechseln möchte.“

Vom Kopf ins Herz 

Der Novizenmeister der Deutschen Ordensprovinz der Herz-Jesu-Priester, Pater Levi dos Anjos Ferreira SCJ, erinnert sich noch daran, wie Martti das erste Mal vor ihm saß. Ein junger Mann, groß gewachsen, mit runder Brille und blondem Bart. „Er machte einen ruhigen Eindruck auf mich und sprach leise. Aber ich habe sehr schnell gemerkt, dass er es ernst meint und dass er weiß, was im Noviziat auf ihn zu kommt.“ Am 29. September 2014 wird Martti Savijoki in einem feierlichen Gottesdienst bei den Herz-Jesu-Priestern aufgenommen. Viermal in der Woche trifft er sich jetzt allein mit dem Novizenmeister, um über den Ordensgründer, die Regeln der Kongregation und deren Spiritualität zu sprechen. Aber Programme, Theorie und Bücher sind nicht alles, erklärt Pater Levi: „Die Ausbildung zum Ordensmann geschieht nicht nur im Kopf, sondern vor allem im Herzen. Es geht darum, zu üben und zu fühlen, was wir besprechen. Wie meditiere ich, wenn ich in der Kirche sitze? Was empfinde ich, wenn das Allerheiligste auf dem Altar ausgesetzt ist?“

Es sei sehr leicht mit Levi, sagt Martti, der zurzeit der einzige Novize im Kloster ist. „Er ist kein strenger Lehrer, sondern eher wie ein älterer Bruder für mich.“ Neben den Gesprächen mit dem Novizenmeister hilft er einmal in der Woche in der Pflasterstube, einer Einrichtung für Obdachlose, verteilt Kaffee und spricht mit den Besuchern. In seiner Freizeit trainiert der Finne Sit-Ups auf seiner Fitnessmatte oder geht spazieren, während die anderen jungen Mitbrüder lieber Fußball spielen. „Das Zusammenleben klappt super“, sagt Martti. „Ohne Krach, mit viel Respekt, obwohl wir alle aus ganz unterschiedlichen Ländern stammen.“ Das Noviziat dauert insgesamt ein Jahr. Im Sommer steht dann eine Sprachprüfung an. Wenn er die besteht, beginnt für den Finnen ab Oktober das Theologie-Studium. Ob er manchmal das Gefühl habe, sich falsch entschieden zu haben? „Nein, nie. In meinem ‚alten’ Leben habe ich eine Leere gespürt. Die gibt es jetzt nicht mehr.“

Text: Sabrina Becker

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Novizenmeister Pater Levi dos Anjos Ferreira SCJ

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