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"Das Evangelium von den Talenten gibt mir zu denken"

- Fotos: Ekkehard Winkler
?: Wie ist denn die Situation der Herz-Jesu-Priester in der Deutschen Ordensprovinz heute?
!: Unser erstes großes Gebiet war die Mission. Dazu kam dann die Arbeit mit jungen Leuten – in Schulen, aber auch in Lehrlingsheimen und Internaten. Weiterhin arbeiten heute die Herz-Jesu-Priester in der Krankenseelsorge, in Pfarreien, in der Verwaltung oder in der Exerzitien- und Bildungsarbeit. Sehr zurückgegangen ist die Mission. Von den Leuten, die in den letzten 30 Jahren eingetreten sind, ist niemand im Ausland oder als Missionar tätig.
?: Woran liegt das?
!: Es liegt vielleicht daran, dass wir relativ wenig Leute sind. Vielleicht aber auch daran, dass der klassische Begriff von Mission, also missio ad gentes, hingehen zu den Völkern, in eine Krise geraten ist. Die französischen Bischöfe haben Ende der 90er-Jahre dazu einen wichtigen Grundsatzbeitrag verfasst. Mission wird hier so verstanden: Ich biete dir meinen Glauben an. Du kannst ihn nehmen, du musst ihn aber nicht nehmen, und schon gar nicht will ich ihn dir überstülpen. Wenn man andere Menschen verstehen will, andere Kulturen, ist mir persönlich das Wort eines Indianers sehr wichtig: Wer jemanden verstehen will, muss ein Jahr lang in seinen Mokassins gehen. Das heißt, dass wir viel über andere lesen können, aber es ist etwas anderes, wenn ich mich zum anderen aufmache.

- "Ich halte die Präsenz bei den jungen Menschen für wichtig": Pater Dr. Heiner Wilmer SCJ bei seinem Abschied als Schulleiter des Leoninum
?: Sie waren sehr lange Schulleiter in Handrup. Wie wird sich der Zugang der Herz-Jesu-Priester zur Jugend oder Jugendarbeit verändern?
!: Die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist immens wichtig. Wie auch Pater Dehon sagt: „Il faut aller aux nouvelles générations!“ – „Ihr müsst zu den jungen Generationen gehen!“ Die Jungen von heute gestalten morgen die Gesellschaft. Heute lassen sie sich noch prägen, und wenn die Gesellschaft morgen noch christlich sein soll, müssen wir den Jungen unseren Glauben vorschlagen. Ich halte die Präsenz bei den jungen Menschen für wichtig – auch um sich von ihnen bereichern zu lassen. Das heißt aber nicht, dass unser Fokus nur auf der Jugend liegt.
?: Warum sind Sie Ordensmann geworden und warum Herz-Jesu-Priester?
!: Ich stamme aus einer gläubigen Familie. Ich war Ministrant, habe mich in der Jugendarbeit engagiert, war auf der Schule der Herz-Jesu-Priester in Handrup und hatte schon früh den Gedanken, Missionar in Brasilien zu werden. Als Jugendlicher geriet die Frage, ob ich einen kirchlichen Beruf ergreifen soll, aber erst einmal wieder ins Hintertreffen. Vor dem Abitur habe ich Exerzitien gemacht, unter anderem bei Pater Ganter und Pater Hülsmann. Ich fand das, was die Herz-Jesu-Priester tun, wie sie leben, welche Möglichkeiten es in diesem Orden gibt, faszinierend. Das hat mich unglaublich angezogen. Ich bin dann aus einer gewissen Risikobereitschaft eingetreten. Ich wusste, wenn ich das nie probiere, werde ich mir das mein Leben lang vorwerfen.
»Das Evangelium von den Talenten gibt mir zu denken«
?: Was treibt Sie an?
!: Alles, was blüht und wächst: in der Natur, in einem Menschen, in einer Gruppe, in der Arbeit. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass ich auf einem Bauernhof groß geworden bin. Ich arbeite sehr gern mit anderen Menschen zusammen. Aber auch Querdenken beflügelt mich. Es gibt ja Alternativen zu unserem Lebensentwurf. Ich lerne gern. Ich lese und frage viel. Von Natur aus bin ich neugierig und will wissen: Wie machst du das? Wie lebst du? Das Evangelium von den Talenten hat mir immer sehr zu denken gegeben: Jesus maßregelt jemanden fürchterlich, weil dieser ein Talent bekommen hat und es aufspart. Er legt es zur Seite, vergräbt es, holt es wieder heraus und sagt: Ich hab es ja noch. Und Jesus schlägt ihm links und rechts diese Einstellung um die Ohren und sagt: Du hast nichts verstanden. – Dies hat mich immer vom Glauben her bewegt, zu schauen, wie ich bestimmte Gaben ausbauen kann. Und das finde ich ebenfalls für unsere Ordensgemeinschaft wichtig, auch mit Blick auf den Nachwuchs. Ich finde es wichtig, dass die Mitbrüder, ob jung oder alt, ihre Talente entdecken, dass sie sie ausbauen, sie fördern und sich selbst fordern. Dies sorgt für Lebensqualität, beflügelt und motiviert. Das ist für einen selbst bereichernd, und jeder, der das erlebt, strahlt diesen Reichtum aus. Das wiederum beflügelt andere. Das ist auch Mission.
Interview: André Lorenz
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