Herz-Jesu-Kloster Handrup | Das Gymnasium Leoninum

„Menschen sind viel mehr als nur ein Kostenfaktor“

Eugen Timmer, ehemals EDEKA- und Marktkauf-Manager, über seine Schulzeit am Leoninum in Handrup

Eugen Timmer, ehemaliger Personal- und Finanzvorstand des Bielefelder Handeslkonzerns AVA

?: Warum haben Sie eine Ordensschule besucht?

!: Meine Mutter starb, als ich zwei war. Ich wuchs bei Verwandten in Freren auf. Nachdem ich ein ganz guter Volksschüler war, sollte ich aufs Gymnasium. Das Leoninum war bekannt, es war katholisch und passte gut zur Familie. Alle hofften, dass ich Priester werde.

?: Wie haben Sie Ihre Schulzeit erlebt?

!: Ich war, als ich 1953 nach Handrup kam, noch keine zehn Jahre alt. Wir waren ungefähr 170 Internatsschüler und hatten zwei Präfekten, die auf uns aufpassten. Das war schon ein etwas rustikales Modell, was die seelisch-psychologische Betreuung von kleinen Jungs angeht. Man musste stark sein, um Heimweh und ähnliche Dinge am Anfang gut durchzustehen.

?: Hatten Sie selbst auch Heimweh?

!: Ja. Allerdings hat sich das schnell gelegt, weil wir eine sehr gute Kameradschaft entwickelt haben.

?: Wodurch hat sie sich ausgezeichnet?

!: Viele kamen aus vergleichbaren Elternhäusern: Landwirte, Handwerker, bis zum Mittelstand. Wir haben viel Sport gemacht, gemeinsam gelernt und uns gegenseitig geholfen. Nachmittags im Studium und manchmal auch bei Klassenarbeiten. Wir waren schon eine ziemlich verschworene Gemeinschaft.

An welche Lehrer erinnern Sie sich?

!: Ein ganz wichtiger Lehrer war der damalige Direktor Pater Recker. Wir nannten ihn liebevoll „Oma“.

?: Wie kam es zu diesem Spitznamen?

!: Weiß nicht. Der hieß schon immer so. Er war ein sehr vorbildlicher Lehrer. Intellektuell herausfordernd, aber immer mit dem richtigen Augenmaß für den einzelnen Schüler. Diese Spannung zwischen Fordern und Fördern war bei ihm sehr gut ausgeprägt.

Klassenfoto 1954: Eugen Timmer sitzt links vom Pult

?: Was haben Sie auf dem Leoninum für Ihre spätere Karriere gelernt?

!: Ich denke vor allem an zwei Dinge, die über das Fachwissen hinausgehen. Erstens: die religiöse Bildung, die ich durch das Leben mit den Patres, aber auch im Religionsunterricht erfuhr. Zweitens: die humanistische Bildung. Die befähigte mich schon sehr dazu, analytisch zu denken, sorgfältig abzuwägen und saubere Schlussfolgerungen zu ziehen.

?: Inwiefern konnten Sie diese Dinge in Ihrem Beruf umsetzen?

!: Wenn man wie ich für fast 30.000 Menschen Personalverantwortung hatte, dann muss man eine Basis haben, auf der man versucht, jedem Einzelnen als Mensch zu begegnen. Und ihn als Ebenbild Gottes zu begreifen. Wenn man das schafft, geht man an Personalpolitik anders ran, als wenn man den Menschen nur als Kostenfaktor betrachtet.

?: Was heißt das konkret?

!: Jedem Mitarbeiter Freiheiten und Verantwortung einräumen. Wenn die Leute sehen, dass sie nicht nur ausführendes Organ sind, sondern ihren Arbeitsplatz mitgestalten können, setzt das große Kräfte frei.

?: Bereitet eine Ordensschule besser aufs Leben vor als eine staatliche Schule?

!: Ich glaube, dass eine wirklich gute christliche Grundprägung – die kann man sicher auch woanders erfahren – eine notwendige Voraussetzung fürs Leben ist. Wenn das Wertesystem dem handelnden Menschen wirklich grundgelegt wäre, wären wirtschaftliche Fehlentwicklungen wie etwa Immobilienkrise oder Korruptionsskandal gar nicht möglich.

Das Interview führte Beate Spindler

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