Das soziale Konzept Dehons | "Geht zum Volk!"

Geht zu den Menschen!

In einer Zeit großer Entfremdung zwischen Kirche und Menschen setzt sich Pater Leo Dehon für eine neue Seelsorge ein, die sich den Menschen zuwendet

Totenvögel, die Leichenzüge anführen. Mit diesem drastischen Bild beschreibt Pater Leo Dehon 1895, wie der Priester in weiten Teilen der französischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts wahrgenommen wird (vgl. Leo Dehon, Oeuvres Sociales I, S. 166). Zeit seines Lebens leidet Dehon daran, dass die Priester und mit ihnen die Kirche den Kontakt zu breiten Bevölkerungsschichten verloren hat. Hundert Jahre später bescheinigt der Historiker Pierre Pierrard Dehon eine besondere Fähigkeit bei der Analyse der gesellschaftlichen Entwicklungen seiner Epoche: „Dieser Mann aus dem Norden Frankreichs, dessen priesterliche Tätigkeit in der Arbeiterstadt Saint-Quentin verwurzelt ist, durchschaut mit einer besonderen Schärfe die Veränderungen der französischen Gesellschaft, vor allem das Aufkommen der Arbeiterklasse und die Entfremdung und daher Ohnmacht der kirchlichen Pastoral angesichts der sozialen und kulturellen Wirklichkeiten jener Epoche“ (Pierre Pierrard, Ces croyants qui ont fait le siècle, 1999, S. 132).

„Geht zu den Lebenden, geht zu den Menschen, geht zum Volk!“: Leo Dehon (links) setzt sich für eine Seelsorge ein, die sich aktiv den Menschen zuwendet. Ermuntert wird der Gründer der Herz-Jesu-Priester durch die Sozialenzyklika „Rerum Novarum“ von Papst Leo XIII. (rechts)

Natürlich weiß auch Dehon, dass es starke Kräfte in Frankreich gibt, die den Einfluss der Kirche auf Menschen und Gesellschaft reduzieren möchten. Aber dies ist für ihn noch lange kein Grund, dass die Kirche ihren Wirkungskreis auf die Mauern ihrer Kirchengebäude begrenzt. Für Dehon ist dies geradezu ein Skandal und ein Verrat am Beispiel Jesu: Die Priester „verunstalten Christus, den sie als schüchternen Apostel der Kinder und Kranken darstellen. Das ist nicht mehr der Löwe von Juda, das ist nicht mehr der Hirte der Menschen, der in Tiberias drei- oder viertausend Galiläer versammelte“ (Dehon, Oeuvres Sociales II/1897, S. 207).

Die Enzyklika „Rerum Novarum“: Ermunterung für eine ganze Generation von Priestern

1891 veröffentlicht Papst Leo XIII. die Enzyklika „Rerum Novarum“ über die Arbeiterfrage. In ihr fordert der Papst Priester und Laien auf, sich der Situation der Arbeiter bewusst zu werden und geeignete Wege zu suchen, diese zu verbessern. Für Dehon und eine ganze Generation engagierter Katholiken ist dies Bestätigung und Ermutigung, sich für eine neue Seelsorge einzusetzen. Statt in Kirchen und Pfarrhäusern darauf zu warten, dass die Gläubigen von sich aus kommen, gilt es nun, die Perspektive zu ändern und die Menschen dort aufzusuchen, wo sie sind und leben. Diesen Perspektivwechsel beschreibt Dehon mit einem Zitat eines anderen Sozialkatholiken, Frédéric Ozanam: „Die Zeit ist gekommen, um zu jenen zu gehen, die euch nicht mehr rufen, die in ihren heruntergekommenen Stadtteilen vielleicht niemals die Kirche kennen gelernt oder den wunderbaren Namen Jesus gehört haben.“

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