Glaubensberatung | Pater Flatau über den Inzestskandal von Amstetten

Kann es Gnade für den Blutschänder geben?

»Wenn ein Vater seine Tochter jahrelang gefangen hält, sie missbraucht und mit ihr Kinder zeugt, fehlen uns die Worte. Verbrechen wie in Amstetten sind unfassbar. Vergibt Gott diesen Menschen wirklich? Und ist das nicht ungerecht?«

Pater Konrad Flatau SCJ beantwortet Fragen zum Glauben

Der Inzestskandal von Amstetten beschäftigte viele Menschen. Josef F. führte ein merkwürdiges Doppelleben, die Polizei bezeichnete es als ein perfekt inszeniertes Verbrechen: Der 73-Jährige lebte mit seiner Frau Rosemarie zusammen und zeugte mit seiner Tochter Elisabeth, die er wie eine Sklavin in einem dunklen Verlies gefangen hielt, sieben Kinder. Als Josef F. verhaftet wurde, zeigte er keinerlei Mitleid und Reue.

Wir stehen sprachlos vor diesem Geschehen und denken an die Opfer, denen unheilbare Wunden zugefügt wurden. Und wir fragen fassungslos: Hat denn niemand in der Umgebung etwas bemerkt? In diesem Zusammenhang Gott ins Spiel zu bringen und von Vergebung zu sprechen, ist nicht leicht. Zu groß ist die Empörung bei einem solchen Geschehen.

Der ehemalige Bundespräsident Johannes Rau hat 2002 nach dem Amoklauf eines Schülers in Erfurt bei der Trauerfeier gesagt: „Was immer ein Mensch getan hat, er bleibt ein Mensch!“ Was immer wir auch getan haben, wir bleiben Menschen – auch mit unserer Schuld.

Und so müssen wir lernen, damit umzugehen. Wir hoffen für die Opfer, dass sie Hilfe bekommen in medizinischer, psychologischer und menschlicher Hinsicht. Wir hoffen aber auch für den Täter, denn er bleibt trotz allem ein Mensch, wenn auch mit einer schweren Persönlichkeitsstörung, mit einem herabgesetzten Selbstwertgefühl und mit autoritären und sadistischen Persönlichkeitszügen.

Es ist für uns leichter zu vergeben, wenn der Täter Einsicht und Reue zeigt

Wie aber ist in diesem Zusammenhang Vergebung zu sehen und zu verstehen? Ist sie überhaupt möglich? Vergebung darf nicht zu schnell geschehen, denn es braucht eine gewisse Zeit der Verarbeitung. Vergebung ist ein Prozess und dafür ist Geduld notwendig. Vergebung darf allerdings  auch nicht zu langsam geschehen, weil man sich dann zu sehr und zu lange mit dem Geschehen belastet und damit seiner freiheitlichen Lebensgestaltung im Weg steht.

Es gibt falsche Vorstellungen von dem Begriff Vergebung. Vergebung heißt nicht Rechtfertigung der bösen Tat. Vergebung beinhaltet auch nicht unbedingt Versöhnung. Zur Versöhnung gehört die Einsicht in die Tat und die Reue. Wenn der Täter kein Mitleid, keine Einsicht in das Böse der Tat aufbringt, kann Versöhnung nicht geschehen. Leichter ist es zu vergeben, wenn der Täter Einsicht und Reue zeigt. Vergebung bedeutet auch nicht einfach zu vergessen. Wir können das, was geschehen ist, nicht einfach ausradieren.

Durch Vergebung entdecken wir aber die menschliche Seite der Person, die uns verletzt hat. Wir verändern unsere Gefühle dem Menschen gegenüber, der uns Unrecht getan hat. Und wir geben das „Recht“ auf Vergeltung auf. Dadurch befreien wir uns selbst. Für die Opfer ist es gut, wenn sie Wege zur Vergebung finden, damit sie nicht in Verbitterung geraten. Denn Bitterkeit, Hass und Groll erschweren das Leben.

Vergebung, Gewaltlosigkeit und Friedfertigkeit bedeuten also nicht, dass man die Tat als solche gut heißt und einfach ausharren muss in unerträglichen Situationen. Jesus ruft uns zu: Seid wachsam und wehrt euch! Wir müssen also aufmerksam leben und Unrecht benennen. Die Umgebung darf nicht die Augen verschließen und so tun, als ob nichts geschieht – nur um des „lieben Friedens willen“.

Und Gott: Vergibt er Menschen wie Josef F.? Nach der biblischen Botschaft bleibt Gott die oberste Rechtsinstanz. Persönliche Strafe, Rache, Wiedergutmachung, Vergebung – das alles bleibt im religiösen Bereich eine Sache Gottes, der ins Herz des Menschen schaut. In seiner äußersten Lebenssituation am Kreuz betet Jesus: Vater, vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun.


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