Mittwoch, der 08. September 2010

SCJ am Sonntag | Kommentar

Missbrauch: Das massive Zerstören einer Persönlichkeit

Was jüngst mit dem mutigen Schritt an die Öffentlichkeit begann, nämlich mit dem Eingeständnis, dass Ordensmitbrüder in den 70- und 80-iger Jahren sich sexuell an Schülern ihrer Schule vergangen und sie missbraucht haben, das ist wie nach einem Dammbruch nun durch die Medien über das ganze Land geschwappt. Pater Heinz Lau SCJ kommentiert auf scj.de den Missbrauchsskandal der katholischen Kirche

 

 

Pater Heinz Lau SCJ fasst seine Erschütterung über den Missbrauchsskandal in Worte

Ich war regelrecht erschüttert und tief betroffen, einmal weil der sexuelle Missbrauch ein schreckliches Verbrechen an jungen Menschen ist, zum anderen weil gleich ein Generalverdacht über allen kirchlichen, pädagogischen Einrichtungen lag. Ich war zwar nicht blauäugig, aber sexuelles Vergehen im kirchlichen Bereich siedelte ich mehr im angelsächsischen Raum an, in Irland und den USA. Jetzt ist es auch bei uns angekommen und ich befürchtete, dass auch hier noch mehr „Leichen im Keller“ unserer pädagogischen Einrichtungen liegen.

Ich selbst bin sehr geprägt worden durch die ignatianische Spiritualität, sie hat mir für mein geistliches Leben einzigartig geholfen, ich kenne viele Jesuitenpatres und schätze sie  sehr, ich weiß, dass unschätzbar wertvolle Arbeit in den Schulen der Jesuiten geleistet wird. Deshalb kann ich einen Generalverdacht nicht zulassen, das ist ungerechtfertigt. Ein Sprichwort aus dem Kamerun von einem Mitbruder hat mir hier geholfen: „Wenn im Wald ein morscher Baum umfällt, dann gibt es einen gewaltigen Krach. Wenn aber all die anderen Bäume leise wachsen, so geschieht das ganz still“. Was will ich sagen?

1. Ich bin den verantwortlichen Direktoren und Patres der Jesuitenschulen in Deutschland sehr dankbar, dass sie so mutig an die Öffentlichkeit gegangen sind, wenn vielleicht auch etwas zu spät. Das verschafft Glaubwürdigkeit, auch in ganz unangenehmen Affären. Sie ergreifen die Initiative und stehen dazu.

2. Die Anweisungen der deutschen Bischöfe bezüglich sexuellen Missbrauchs in katholischen Einrichtungen halte ich für absolut richtig: Jedes Bistum, jeder Orden muss eine neutrale Ansprechperson, einen Beauftragten (mit juristischer oder psychologischer Kompetenz) benennen; bereits in Verdachtsfällen muss diese Person informiert werden; Priester, die sich sexuell vergangen haben, dürfen nicht mehr im Bereich eingesetzt werden, wo sie Kindern und Jugendliche gefährden können; die Kirche ist bereit, für Wiedergutmachung zu zahlen. Auch wenn "Wiedergutmachung" in solchen Fällen kaum möglich ist, sind es doch Schritte in die richtige Richtung.

3. Ich bin beschämt darüber, dass Priester/Patres sich sexuell an Minderjährigen vergehen. Gerade ihnen wurde ein hoher Vertrauensvorschuss entgegengebracht, den sie so gründlich missbraucht haben. Ich war und bin der Auffassung, dass gutes geistliches Leben, eine geerdete Spiritualität all die leiblichen, emotionalen, psychischen Anteile in uns Menschen wahrnimmt und integriert und so wachsen und reifen lässt. Offensichtlich ist hier Wesentliches bei diesen Patres in ihrem geistlichen Leben nicht integriert worden.

4. Es ist unbegreiflich, dass erwachsene Menschen sich sexuell ausgerechnet an Minderjährigen, an Schutzbefohlenen vergreifen. Sie sind die Schwächsten – und somit offenbar leichte Opfer?
 
5. Eine der wichtigsten Aufgaben für mich im Bereich der Ausbildung von jungen Leuten hier in Freiburg ist es, dass die Kandidaten reifen und wachsen, dass sie beziehungsfähig werden und offen, dass sie Nähe und Distanz wahren, dass sie gern mit  Menschen zu tun haben wollen, dass sie von ihrer pastoralen und spirituellen Arbeit erfüllt sind. Ich bin überzeugt, dass ein gutes Selbstwertgefühl, eine gereifte Persönlichkeit, gesunde Spiritualität, erfüllende Arbeit und die Beziehungsfähigkeit die beste Basis für das glaubwürdige Ordensleben sind.   

6. Täglich verbringe ich Stunden Gesprächszimmer und im Beichtstuhl. Sehr häufig komme ich so mit Menschen zusammen, die schamerfüllt offenbaren, dass sie in ihrer Kindheit und Jugend sexuell missbraucht wurden, durchweg durch Personen aus dem engsten Lebensbereich. Aus meinen jahrelangen Erfahrungen weiß ich, dass sie fast für das ganze Leben nicht mehr fähig waren, eine verlässliche Beziehung einzugehen. Sie sind angstbesessen, voll von Scham. Hier ist menschlich, seelisch soviel zerstört worden. Deshalb ist sexueller Missbrauch das massive Zerstören einer anderen Persönlichkeit.

7. Ich verwehre mich dagegen, dass sexueller Missbrauch durch Priester ursächlich mit der Zölibatspflicht in Zusammenhang gebracht wird. Es ist unschön, hier Statistiken und Zahlen bemühen zu müssen. Aber vergleichlich  ist der sexuelle Missbrauch durch andere Personen weit höher als durch Priester, statistisch angeblich 36 mal höher. Vorsicht ist für mich geboten, hier vorschnell, oberflächlich, willkürlich Bereiche zusammen zu bringen, die differenziert angeschaut werden müssen.

8. Mich hat schon überrascht, wie stark diese Vorfälle in den Medien plötzlich zur Sprache gekommen sind. Entweder ist dahinter eine gewisse Gehässigkeit auf die Kirche und Schadenfreude, eine Sensationslust, ein Ablenken von anderen Themen. Mir scheint aber, dass hier ein wunder Punkt angesprochen wird. Die Kirche wurde förmlich fixiert einzig auf Sexualität; nur hier gab es offensichtlich Vergehen und Sünde. Sie selbst hat zudem einen sehr hohen moralischen Anspruch erhoben. Jetzt wird sie am eigenen Maß gemessen – und hoffentlich auch korrigiert.

9. Mir tut sehr weh, dass sexueller Missbrauch an Kindern und Jugendlichen weit verbreitet ist, ohne dass jemand dies zur Sprache bringt. Ich denke an die Strichjungen bei uns, an den Sex-Tourismus (Thailand, Nordbrasilien, Kenia usw.). Da geschieht massenhaft sexueller Missbrauch an minderjährigen Mädchen und Jungen. Ich denke auch an die sexuellen Übergriffe im therapeutischen Bereich – mit einer hohen Dunkelziffer. Damit möchte ich aber keinesfalls ablenken von den schrecklichen Vorfällen innerhalb der Kirche, die ans Tageslicht gekommen sind.

 

Worum es nun gehen muss, ist die Aufklärung der Übergriffe, die Bestrafung und der Beistand für die Opfer. Mit ihnen verbinden wir uns dieser Tage im Besonderen im Gebet: wissend, dass Geschehenes nicht mehr ungeschehen gemacht werden kann; hoffend, dass das Bekanntwerden ihrer Schicksale und die große Anteilnahme sie um einen Teil ihrer schweren Last zu erleichtern vermag.

Pater Heinz Lau SCJ

Die Kommentare der User von scj.de


Übermittlung Ihrer Stimme...
Bewertungen: 3.1 von 5. 15 Stimme(n).

von Bernhard Dobbe

am Mittwoch, 17. März 2010

Sehr geehrter Herr Pater Lau!
Es gibt für mich zwei Beweggründe, warum ich mich hier zu Wort melde:
Zum ersten bin ich ehemaliger Internatsschüler in Handrup (1969-78), zum anderen arbeite ich als Therapeut in der Psychiatrie mit Menschen, die z.T. unvorstellbaren (sexuellen) Grausamkeiten ausgeliefert waren und deren Zukunft dadurch massiv belastet wurde.
Als ehemaliger Zögling in Handrup kann ich nicht von sexuellem Missbrauch im Internat berichten. Ich habe ihn nicht bei mir und auch nicht bei Mitschülern erlebt. Erlebt habe ich allerdings Grausamkeiten wie körperliche Züchtigungen und auch systematische Demütigungen gegenüber bestimmten Mitschülern. Es waren bestimmte Patres, die vermeintlich alte Erziehungsideale einsetzten zur Bestrafung und Disziplinierung der großen Jungenschar. Das was mich auch heute noch beschäftigt und auch beschämt: Es gab Verlierer, die dem Druck nicht standhielten, versagten, vielleicht auch manchmal als gebrochene Menschen gegangen sind. Viele andere hatten das Glück, verschont zu sein von öffentlichen Prügelstrafen, persönlicher Prügel im Zimmer des Paters, vom Strammstehen und von endlosen Strafarbeiten (Spüldienste...). Als jemand, der zur Schar der „Überlebenden“ gehört, beschämt mich dies manchmal. Auch heute noch spüre ich Schuldgefühle, mich geduckt zu haben und auch manchmal die Solidarität und Freundschaft zu betroffenen Mitschülern verloren zu haben.
Die zwei grausamsten Patres sind zwischenzeitlich verstorben, einer schon seit vielen Jahren. Als Christ und immer noch Katholik, der seine Kirchensteuer bezahlt, kann ich verzeihen.
Mir fallen nun wieder die Namen ein der betroffenen Schüler ein.
Meine Frage: Wie gedenkt der Orden mit dieser Vergangenheit umzugehen? Ist es ein Thema der eigenen Auseinandersetzung? Soll diese auch nach außen getragen werden als zeitkritische Auseinandersetzung?
Mein persönlicher Wunsch: Ich würde mir hierzu von Ihrem Orden eine Stellungnahme wünschen, warum nicht auch öffentlich?
Noch eine Anmerkung: Ich habe auch sensible und gefestigte Patres kennengelernt, die kein Regime der Gewalt und der Angst verbreitet haben und die Würde im Umgang mit den Schutzbefohlenen auch in diesen Zeiten bewahren konnten. Diesen Menschen bin ich zu Dank verpflichtet. Sie haben mir als Bauernjungen aus einfachen Verhältnissen das Tor geöffnet für eine akademische Ausbildung und für einen guten Platz in dieser Gesellschaft, auch als Christ.

Ein herzlicher Gruß aus der Südpfalz!
Bernhard Dobbe.

 
Übermittlung Ihrer Stimme...
Bewertungen: 2.9 von 5. 11 Stimme(n).

von Roswitha Lutz

am Samstag, 27. Februar 2010

Lieber Heinz,
Dein Kommentar ist sehr gut: einfühlsam, kritisch und zum Schluß auf den Punkt gebracht. Ich werde mir den Text ausdrucken und weitergeben. Auch am Schalter in der Sparkasse werde ich öfter darauf angesprochen und es ist nicht immer leicht etwas überzeugendes zu sagen. Mit Deinem Text hast du mir da sehr geholfen.
Ich bin froh, hier in der Nähe gute Priester zu haben, und bete auch jeden Tag dafür. Liebe Grüße von Karl-Josef und Roswitha.

 
Übermittlung Ihrer Stimme...
Bewertungen: 3.3 von 5. 3 Stimme(n).

von Missionskreis Amendingen

am Samstag, 27. Februar 2010

Danke für Ihre klaren Worte! Wir möchten die SCJ aus dem Erlös unseres Fastenessens unterstützen (Moldawien!). Haben Sie das dt. Spendensiegel ? Erbitte Antwort! M. Sitte

 
Übermittlung Ihrer Stimme...
Bewertungen: 4.3 von 5. 3 Stimme(n).

von Christian Konkel

am Samstag, 27. Februar 2010

Sehr geehrter Pater Heinz Lau,

ich finde Ihre Bemerkungen durchweg richtig. Sexueller Missbrauch ist in jedem Fall ein Übergriff, der die Persönlichkeit eines Menschen desintegriert. Aus Chats in der Vergangenheit mit Betroffenen wieß ich das. Für die Opfer ist es meist mit dem Problem Verbunden, dass ihnen eingeredet wird, unglaubwürdig zu sein, wenn sie davon erzählen, und sie dann oft auch erfahren, dass ihnen tatsächlich nicht geglaubt wird. Dabei ist es egal in welchem Umfeld der Missbrauch passiert.
Auch ich als Laie halte den Ruf nach Abschaffung des Pflichtzölibats für Priester in diesem Zusammenhang für einen Schnellschuß, denn die meisten Missbrauchsfälle passieren im familiäeren Umfeld und auch die evangelischen Kollegen haben ähnliche Probleme. Ich halte den Pflichtzölibat allgemein für diskutabel, aber eben nicht wegen der aktuellen Ereignisse.

Im letzten Abschnitt ihres Textes ist eine Formiulierung etwas missverständlich:

"die Bestrafung und der Beistand für die Opfer"

Sie meinen sicher Bestrafung der Täter... Die Opfer sind genug gestraft. Man muss aber auch sehen, dass unter Umständen die Täter auch Opfer sind und ihre Neigung quasi als Erbsünde mit sich herum schleppen. Das bedeutet wiederum nicht, dass die Kirche nicht die Verantwortung hat, solche Menschen (wenn möglich) so ein zu setzen, dass sie möglichst keinen Schaden anrichten können. Und nicht wie vor einigen Jahren in Regensburg ein bekannter Täter von Gemeinde zu Gemeinde geschickt wird in der Hoffnung der Geist Gottes allein würde hier helfen... Solche Priester hehören in den "Innendienst"

Ein Gutes hat dieser Dammbruch: Die Kirche muss sich gerade wegen ihres hohen moralischen Anspruchs (und das ist ja nicht nur ein Klischee) Gedanken darüber machen wie ein unehrlicher Umgang mit diesen Dingen die Glaubwürdigkeit Gottes Bodenpersonals untergräbt. In diesem Zusammenhang sehe ich auch die Praxis Priesterkinder unter dem Deckmantel des Schweigens zu alimentieren.

Ich sehe das Thema Priester und Sexualität eben weiter als nur auf die jüngsten Ereignisse bezogen.

Mit freundlichen Gruß und Gottes Segen
Christian Konkel

 
 

Lesungen

Erste Lesung | Weish 9,13-19

Zweite Lesung | Phlm 9b-10.12-17

Evangelium

+ Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas | Lk 14,25-33

Impuls

Pater Heinz Lau SCJ zum Evangelium

Gottesdienste

Alle Messfeiern in den Häusern der Dehonianer

SCJ Aktuell

Das Archiv