Donnerstag, der 17. Mai 2012
„Einen wie Barnabas könnte man heute gebrauchen“
Am vergangenen Wochenende veranstaltete Pater Hans-Ulrich Vivell SCJ im Herz-Jesu-Kloster Neustadt ein Bibelseminar über die Figur des Barnabas – der bedeutendste Mann der ersten Stunde des Christentums in der Heidenwelt. Während der drei Tage kamen Aspekte des Lebens, seiner Mission und ein Vergleich zu Paulus zur Sprache.

- Foto: Gerhard Haubold, GNU
Über die Person des Apostels Paulus gibt es zahlreiche Geschichten, Bücher und Meinungen. Manche bezeichnen ihn sogar als den bedeutendsten Mann der frühen Kirche und als den „Heidenmissionar“ schlechthin. Dass er weit gereist und viel für die Verbreitung des Christentums getan hat, ist unumstritten. Doch über die Person des Barnabas hört man in den Büchern und vor allem in der Bibel, insbesondere in der Apostelgeschichte, nur wenig. „Barnabas steht immer im Schatten des Paulus. Dabei hatte er für die ganz frühe Zeit des Christentums und die Heidenmission eine sehr wichtige vermittelnde Funktion“, erklärt Pater Hans-Ulrich Vivell SCJ. Während des Seminars, an dem 22 Bibelinteressierte teilnahmen, behandelte der Rektor des Herz-Jesu-Klosters Neustadt Fragen nach der Herkunft, der Persönlichkeit, des Missionsgedankens und dem Verhältnis des Barnabas zu Paulus.
An zwei Einheiten pro Tag, die insgesamt eineinhalb Stunden dauerten, versuchten die Teilnehmer mit Hilfe der Bibel, vorbereiteten Texten und dem Wissen des Herz-Jesu-Priesters, Einblicke in die frühe Zeit der Gemeinde in Jerusalem und den Missionsreisen der Apostel zu bekommen. „Keiner der Teilnehmer muss hier ein ausgewiesener Exeget oder Bibelspezialist sein. Aber jeder, der hier teilnimmt, hat sich sicherlich schon einmal eingehender mit der Heiligen Schrift beschäftigt“, sagt Pater Vivell.

- Pater Hans-Ulrich Vivell SCJ
Am Samstag standen die Herkunft des Barnabas, seine Mitgliedschaft in der Jerusalemer Gemeinde und sein Verhältnis zu Paulus im Mittelpunkt. „Besonders hier sind gravierende Unterschiede in dem Missionsverständnis und der Fragen nach dem Umgang mit dem Judentum aufgekommen. Paulus hat seine Meinung ganz scharf und radikal vertreten und diese auch in seinen Briefen mehrfach geäußert. Er hat das Jüdische da nicht mehr so gelten lassen wollen“, erklärt Pater Vivell. Barnabas dagegen war ein Mensch, der zwischen den beiden Gruppen vermitteln und schwierige Fragen in der gemeinsamen Gestaltung des Lebens beantworten wollte. Er war ein Jude, der aus der Diaspora aus Zypern kam und somit einen hellenistischen Hintergrund hatte. Auf der anderen Seite war er zugleich Levit, also war ihm auch die hebräische Umwelt vertraut. „Somit war er in zwei Kulturen beheimatet. Das brachte ihm Vorteile bei der Vermittlung von Judenchristen und Heidenchristen, damit sie zusammenkommen und gemeinsam Tischgemeinschaft feiern konnte. Er dazu viel beigetragen“, analysiert der Herz-Jesu-Priester.
„Paulus war radikaler“
In der zweiten Sitzung stand das Verhältnis zwischen Paulus und Barnabas im Mittelpunkt. Hier wurde auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede in dem Missionsverständnis der beiden Missionare eingegangen. „Paulus war sehr radikal in seiner Art und hat die Heidenmission auf seine eigene Art durchgeführt, während Barnabas eine andere Missionskonzeption hatte. Er wollte zuerst die Gemeinde in Syrien und Antiochien stärken, während Paulus sogar bis nach Europa wollte. Barnabas wollte Judenchristen und Heidenchristen zusammenbringen.“
Am Sonntagvormittag standen die einzelnen Missionsaspekte und Streitfälle der beiden prägenden Charaktere auf dem Programm. Das Seminar endete mit einem Blick auf die Literatur über Barnabas, die dann später nicht in den Kanon der katholischen Kirche aufgenommen wurde. Das sogenannte „Barnabasevangelium“ wird in der heutige Forschung weder der historischen Person zugeordnet, noch in die Zeit des Barnabas verortet. Es scheint erst im 16. Jahrhundert entstanden zu sein, während einer Auseinandersetzung mit dem Islam. Die Entstehung geht auf zwangsgetaufte Muslime zurück. Jesus wird hier als Prophet und nicht als Gottessohn bezeichnet – eine Konzeption, die Barnabas völlig fremd gewesen sein muss und eher mit der islamischen Auffassung von Jesus zusammenpasst.
„Ein Reich für alle“
Der Titel des Bibelseminars, der von „dem bedeutendsten Mann des Urchristentums“ spricht, liegt Pater Vivell sehr am Herzen. Denn für den Herz-Jesu-Priester ist klar, dass Barnabas die „Vermittlerfigur schlechthin und die bedeutendste Figur der Urkirche“ für die hellenistische und jüdische Kulturen war. Doch nicht nur Fragen nach der Historizität der biblischen Figur sind für den Herz-Jesu-Priester wichtig, Barnabas könne uns auch heute noch viel sagen. „Ich denke, dass wir in den Fragen der Ökumene und nach dem Verhältnis zwischen den Religionen viel von der Figur des Barnabas lernen können. Besonders heute bräuchten wir viel mehr Männer, die so denken wie Barnabas und versuchen, die Einheit in der Kirche herbeizuführen unter der Berücksichtigung der Tradition.“ Auch eine Gemeinsamkeit mit der spezifischen Spiritualität der Herz-Jesu-Priester sieht der Pater aus Neustadt: „Wir haben das Grundmotto, dass das Reich Gottes für alle kommen kann und nicht nur für bestimmte Gruppen. Wir setzten uns dafür ein, dass das Reich überall, bei jeder Kultur Fußfassen kann.“
Matthias Biallowons
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