Donnerstag, der 17. Mai 2012

SCJ am Sonntag, den 17.07.2011 | 100 Jahre Heilig-Geist-Kirche in Wien

Eine Kirche für das Herz und den Geist

In diesem Jahr feiert die Heilig-Geist-Kirche in Wien, in der Klausgasse im 16. Bezirk, ihr 100-jähriges Bestehen. Dem Festhochamt am 5. Juni 2011 stand der Wiener Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn vor. Neben einigen Mitbrüdern aus der Region Austria-Croatia waren aus der polnischen Provinz der Provinzial Pater Artur Sanecki SCJ und Pater Kasimir Slawinski SCJ angereist, aus der deutschen Provinz Provinzial Pater Heiner Wilmer SCJ und Pater Clemens Otten SCJ, der die Entstehungsgeschichte der Kirche Revue passieren lässt

Vor dem feierlichen Festgottesdienst wurde am Hauptportal der Kirche eine Tafel enthüllt, auf der alle Seelsorger verzeichnet sind, die von Anfang an bis heute in der Pfarre gewirkt haben oder noch wirken. Sehr festlich hatte sich die Gemeinde auf dieses Ereignis vorbereitet, die Atmosphäre war entspannt und herzlich, die Sonne tat ihr Übriges.

„Es handelt sich um meine reifste Arbeit“

Schon vor dem Bau der Heilig-Geist-Kirche war es üblich, die Steinbauweise bei Gewölben, Kuppeln und anderen technisch komplizierten Konstruktionen durch Stahlbeton zu ersetzen. Um 1910 hatte sich die Stahlbetonweise bereits durchgesetzt. Es bestanden keine Bedenken mehr bezüglich der Sicherheit. Trotzdem gab es – vor allem in der Sakralachitektur – Widerstände gegen Sichtbeton. Auf diesem Gebiet hat der Architekt Josef Plecnik (1872-1957) gewiss Pionierarbeit geleistet.

Plecnik schrieb seinem Bruder Andreas über die Heilig-Geist-Kirche: „Es handelt sich um meine reifste Arbeit. Das Ganze hat nirgends ein anderes Dekor als die reinste, purste architektonische Gliederung – und diese ist immer Utilität. Nur vorne entwickelt sich alles zu einem Arc de triomphe.“

Dem Ottakringer Ausschuss für den Neubau gelang es im Sommer 1910, die Gemahlin des Thronfolgers, die Herzogin von Hohenberg, als Protektorin zu gewinnen. Auf ihren Wunsch wurde die Kirche dem Heiligen Geist geweiht, einem damals für Wien durchaus besonderem Patrozinium. Jetzt fühlten sich die Befürworter der Kirche im Aufwind. Das Grundstück für die Kirche wurde erweitert. Dank der Grundstückserweiterung war Plecnik nicht mehr an einen zu schmalen Raum für die Kirche gebunden. Er entschloss sich für einen Raum, der von der Hauptstraße her zugänglich war. Er sollte in pastoraler Hinsicht die optimale Verbindung der Gläubigen mit dem Altar gewährleisten. Wegen der Akustik und Übersicht verzichtete Plecnik auf die Gliederung des Raumes durch Pfeiler und Säulen. Seitlich sah er nun zwei Betonemporen mit einer Spannweite von 20,7 Meter Länge. Mit ihnen führte er erstmals ein profanes Industrieelement der Brückenkonstruktion in die sakrale Architektur ein. Dagegen protestierte der Thronfolger. Ein erhöhtes Presbyterium blieb. Es ermöglichte die visuelle Kommunikation zwischen der unteren und der oberen Kirche. Die Emporen deuten eine Raumteilung in Schiffen an. Geplant war eine Kassettendecke im frühchristlichen Sinn. Dass Plecnik diesen Typ von Kirche vor Augen hatte, kann auch einiges in der Ausgestaltung belegen. Insgesamt aber blieb Plecnik dabei, dass er einen funktionalen Saal schaffen wollte.

Reformatorische Ambitionen

Zugunsten des Vorraumes versetzte der Architekt die Kirche einige Meter von der Straße weg. Pfarrhof und Pfarrsaal sollten symmetrisch an beiden Seiten angeordnet werden. Ein kompositorisches Element liegt in der Wand, welche die beiden die Kirche flankierenden Gebäude verbinden sollte. Der mit dem Pfarrhof verbundene Turm brachte Dynamik in die symmetrische Gliederung. Die Fassade der Heilig-Geist-Kirche wollte Plecnik mit unterschiedlichen Materialien beleben. Von der Kombination des tiefroten Ziegels, des Putzes und der Granitpfeiler versprach er sich einen lebhaften Eindruck.

Das Innere der Kirche zeugt von Plecniks und Unterhofers reformatorischen Ambitionen. Das betrifft auch die Rolle des Priesters, der als verbindende Person zwischen Gott und der Glaubensgemeinde fungieren soll. Plecnik formulierte diesen Gedanken auf den beiden Kelchen für seinen Bruder mit den Worten „Andreas famulus Christi“. Der Schwerpunkt liegt auf der Eucharistie mit dem Altar in Form eines Tisches, der wegen der besseren Sichtbarkeit erhöht ist. Die Emporen erwecken den Eindruck eines ganz gegen den Altar ausgerichteten Raumes. Die vordergründige Aufgabe der Pfeiler, die natürlich eine tragende Funktion haben, liegt in einer rhythmischen Gliederung des Raumes, die überrascht, wenn man sich auf den Emporen aufhält.

Plecnik machte sich Gedanken über die Belichtung. Das Presbyterium hatte keine eigene Lichtquelle mehr. Das mit Fresken bemalte Altarmosaik sollte im Halbdunkel bleiben, um die mystische Wirkung der heiligen Eucharistie zu steigern. Die sieben Gaben des Heiligen Geistes bilden gleichsam einen über die Wand gespannten Altarteppich. Die Abreise des Architekten nach Wien verhinderte diesen Plan. Die spätere Ausführung der Altarwand kam nicht aus den Intentionen Plecniks.

Eine Leidensgeschichte für den Architekten

Der Plan der Heilig-Geist-Kirche war der Bau einer Missionsstätte christlich sozialer Bestrebungen. Plecnik hat dabei auch an eine Versammlungshalle mit Rednertribüne gedacht, wie sie damals für die Arbeiterschaft aktuell war. Aber er sah die Zukunft nicht in der Sozialdemokratie, auch nicht in technischen Hochschulen oder in einer sozial engagierten Kunst. Er suchte etwas für das Herz wie auch für den Geist zu schaffen. Von Unterhofer ließ er sich auch an moderne amerikanische Kirchen erinnern.

Die Planung der Heilig-Geist-Kirche wurde für Plecnik eine wahre Leidensgeschichte. Immer wieder kamen die Geldgeber mit neuen Forderungen. Zum Schluss reichte das Geld nicht einmal für die günstigste Variante. Wie sehr sich Plecnik auf aktuelle Forderungen und Bedürfnisse einstellen konnte, beweist die Tatsache, dass er zuletzt unter dem billigsten Kostenvoranschlag geblieben ist.

Mithilfe des Stahlbetons konnte er die schlanken Pfeiler realisieren, die den Gedanken der Basilika aufrechterhalten, aber den Blick gegen den Altar nicht verdecken… Vom Konzept her folgte Plecnik teilweise Wagners Lösung des Saales unter der berühmten Schalterhalle des Wiener Postsparkassenamtes. Das Einbringen von rotem Staub aus zerriebenen Ziegels in die Betonmasse findet sich auch schon bei Semper. Übrigens zählt auch der Sichtbeton der Hauptfassade zu den Experimenten mit dem neuen Baustoff.

Es ist verständlich, wenn Architekturstudenten aus der weiten Welt in Wien auch immer wieder die Heilig-Geist-Kirche besuchten. Es ist zu begrüßen, dass in den neuen Büchern und Führern über Wien die Kirche zum Heiligen Geist nicht übergangen wird. Es ist erfreulich, dass Pater Mach und sein Team von Mitarbeitern die Grundsteinlegung vor 100 Jahren zum Anlass genommen haben, ein großes Glaubensfest zu feiern, das sich über viele Wochen hinzieht, um die Gemeinde um diese Kirche neu aufzubauen.

Auch Herr Kardinal Schönborn hat – auch wenn sein Thema nach dem Tagesevangelium das Gebet war – Plecnik durchaus seine Reverenz erwiesen.

Erfreulich ist auch, dass die Menschen auf der Schmelz nicht von der Heilig-Geist-Kirche ausgeschlossen sind. Im Sinne des Erfinders (des heiligmäßigen Plecnik) sind die Kirchentüren auf der Schmelz offen geblieben. – Das lässt sich heute in dieser Form nicht einmal vom Wiener Stephansdom sagen.

P. Clemens Otten SCJ

Lesungen

Erste Lesung | Apg 10,25-26.34-35.44-48

Zweite Lesung | 1 Joh 4,7-10

Evangelium

+ Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes | Joh 15,9-17

Impuls

P. Heinz Lau SCJ zu den Texten des Sonntags

Gottesdienste

Alle Messfeiern in den Häusern der Dehonianer

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