Donnerstag, der 17. Mai 2012
„Ohne die Haltung der Wachsamkeit macht der Mensch in keinerlei Tugend Fortschritte“ (Abt Agathon)
Einige sehen folgende kurze Erzählung als einen wenig witzigen Kalauer an, ich jedoch halte es ganz anders damit.
Es begegnen sich ein Jude und ein Christ und sie unterhalten sich ereifert über den Messias und geraten darüber in heftigen Disput. Vehement sagt der Jude: „Jesus Christus ist nicht der erwartete, verheißene Messias, wie Ihr Christen behauptet. Wir warten noch auf den Messias, wenn er kommt, der die Ankunft Gottes – gepriesen sei er - ankündigt und Israel wieder herstellt und vollendet“. Der Christ entgegnet: „Nein, der Messias ist bereits erschienen. Es ist Jesus Christus, der Sohn Gottes, unser Erlöser und Heiland!“. Um den Streit über den Messias nicht eskalieren zu lassen, beschließen sie, sich friedlich zu trennen, und sie vereinbaren: Wenn der verheißene Messias kommt und dann sagt: „Hier bin ich nun endlich!“, dann hat der Jude recht. Kommt der Messias aber und sagt: „Hier bin ich nun wieder!“, dann hat der Christ recht.
Beide Religionen, Judentum wie Christentum, sind messianische Glaubensgemeinschaften - Religionen in lebendiger Erwartung des Messias Gottes. Gott, der Ewige, gepriesen sei er, wird kommen, um Israel, das erste wie das zweite Israel, wieder herzustellen und zu vollenden und die messianische Zeit heraufzuführen. Wahrscheinlich aus dieser spirituellen, geistlichen Haltung der Wachsamkeit und der Erwartung heraus haben beide Gemeinschaften das Antlitz der Erde entscheidend mitgeprägt und verändert.
Die kraftvolle Haltung der Erwartung, der Wachsamkeit – sie begegnet uns mehrfach in der Bibel.
1. Die ganze Geschichte des gläubigen Israel ist durchzogen von messianischer Erwartung. Was ist da eigentlich, daß dieses Volk nicht verzweifelt und aufgibt?
- Israel - in der Gefangenschaft und der Sklaverei Ägyptens – wartet auf den Tag der Rettung, wenn Gott eingreift und Israel mit mächtiger Hand herausführt hinein in das verheißene Land, wo Milch und Honig fließen.
- Israel – in der Gefangenschaft Babylons, fern der Heimat und aller Verheißungen – gibt nicht auf, lässt den Mut nicht sinken. Die Prophetenbücher und viele Psalmen sind durchdrungen von dieser Sehnsucht: zurück nach Israel. Viele Lesungen, die wir in der adventlichen Liturgie hören, sind geprägt von dieser unbändigen Hoffnung.
- Das Israel zur Zeit Jesu – fremdbestimmt von griechischer Kultur und besetzt durch römische Macht – hofft sehnlichst auf das Eingreifen Gottes. Es gab zur Zeit Jesu so viele messianische Bewegungen! Gehörte Johannes der Täufer eventuell auch dazu?
- Jüdisches Denken, jüdische Literatur und Philosophie sind so stark geprägt von messianischer Hoffnung. Besonders stark denke ich an Ernst Bloch „Prinzip Hoffnung“. Hoffnung führt zu engagiertem Leben, zu Einsatz und Veränderung.
2. Große Feste bedürfen einer Zeit der inneren, geistlichen Vorbereitung, um sie auch mit Sinn, bedeutungsvoll mitfeiern zu können. Dem dient der Advent - vier Wochen sich vorbereiten auf das Weihnachtsfest. Wir versetzen uns zunächst gedanklich in die Zeit vor der unmittelbaren Geburt Jesu. Israel wartet. Dabei begleiten uns Christen besonders einige große Gestalten der Erwartung, nämlich die Propheten Jesaja und Jeremia, Johannes der Täufer, Maria, Elisabeth, Simon and Hanna. Nehme ich an, daß in Jesus Christus, in seiner Menschwerdung der Messias Gottes erschienen ist. Die lang ersehnte Verheißung Gottes ist in Jesus Christus Wirklichkeit geworden. Dazu bedarf es in meinem Suchen und Fragen, in meinen Zweifeln und inneren Dunkelheiten der Zustimmung, meines Bekenntnisses.
3. Die ganze Zeit des Christentums ist eine Zeit der Erwartung, der Wiederkunft Christi. In dieser Zeit der Wachsamkeit geschieht immer mehr ein Stück vom „Reich Gottes“, vom Reich der Wahrheit und des Lebens, der Heiligkeit und der Gnade, der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens. Die ersten Christen waren ganz durchdrungen von der Naherwartung, der Parusie, der Wiederkunft Jesu Christi noch zu ihren Lebzeiten. Im NT gibt es etliche Stellen, wo Jesus zur Wachsamkeit mahnt; ich denke bes. an das Gleichnis von den zehn Jungfrauen. Mittlerweile sind zweitausend Jahre ins Land gezogen. Advent ist eine Zeit, um sich in der lebendigen Haltung der Wachsamkeit und der Erwartung zu üben und gleichzeitig das Leben, die Gesellschaft im Sinne Jesu mitzugestalten.
Ich hoffe, daß in den christlichen Kirchen der Glaube nicht erlahmt ist, daß die Hoffnung nicht erstorben ist, daß die Botschaft Christi nicht verglüht ist, daß die Wiederkunft Jesu Christi nicht billig vertröstet. Ich hoffe, daß vier Wochen „Sich Üben in Wachsamkeit“ mich verändert und lebendiger macht.
P. Heinz Lau scj
Eigenen Kommentar schreiben:
Evangelium
+ Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes | Joh 15,9-17
Impuls
P. Heinz Lau SCJ zu den Texten des Sonntags
Gottesdienste
Alle Messfeiern in den Häusern der Dehonianer
SCJ Aktuell
Das Archiv

Druckansicht
Weiterempfehlen






