Donnerstag, der 17. Mai 2012
„Die Geheimnisse des Himmelreiches erkennen“
Die Brille, durch die ich das Evangelium dieses Sonntags lese, ist die Feststellung eines Priesters, der auf die letzten Jahrzehnte Kirchengeschichte zurückblickt.
Von seiner Generation (heute ca. 70 Jahre) habe den Glauben in ziemlich einfacher – vielleicht auch oberflächlicher - Form vermittelt bekommen, aber über die Jahrzehnte erhalten und gepflegt, bis auf den heutigen Tag. In der nächsten Generation aber, also die Kinder der besagten „Siebziger“, sei der Glaube bereits kaum mehr vorhanden, zumindest in seiner kirchlich-sichtbaren
Form.
Zwischen diesen beiden Generationen kam es zu einem Bruch, der ihn bis heute ratlos macht. Über den schmerzhaften und irgendwie brutalen Bruch zwischen Gläubigen und Nicht- (mehr-) Gläubigen reflektiert das Evangelium des Sonntags.
Es spricht von der Erfahrung des oberflächlichen Sehens, Hörens,
Erlebens, Konsumierens, das aber „nicht tief war“ (V.5), sondern in Wahrheit gar nichts sieht, hört, erkennt und versteht. Es wird geredet und gehandelt, aber es kommt zu keiner Klärung. Die Gründe dafür können sehr vielfältig sein: Sei es, dass die Saat einfach unterwegs verloren ging und gar nicht den „Boden“ erreichte.
Sei es, dass der Samen die tieferen Schichten des Bodens nicht erreichte und an der Oberfläche vertrocknete. Sei es, dass er durch „Dornen“ und Unkraut, Sorgen, Schicksalsschläge und „trügerischen Reichtum“ erstickte und kaputt ging.
Aber es gibt auch Samen,der auf guten Boden fällt und Frucht bringt. ‚Frucht bringen‘ ist für mich ein Schlüsselwort für gelingendes Leben: nicht bei sich selbst bleiben, sondern etwas weitergeben, sich einsetzen, notwendige Kurskorrekturen vornehmen, Werte bewahren.

- c by Dr. Klaus-Uwe Gerhard in www. pixelio.de
Jesus spricht im heutigen Gleichnis von den „Geheimnissen des Himmelreichs“ (V.11). Das heißt, es geht im christlichen Glauben nicht um ein banales Erkennen von ‚richtig‘ und ‚falsch‘ sondern um eine Wahrheit, die in einem längeren Prozess erkannt und angeeignet werden kann. Warum dieser Weg über Enttäuschungen, Abbrüche und „tiefes“ Leid führt, weiß ich nicht. Vieles Geheimnisvolles unserer katholischen Kirche entpuppt sich mit der Zeit auch als allzu menschlich. Für mich bleibt die Hoffnung, dass Gott die Schöpfung „aus der Verlorenheit“ befreit, wie es die zweite Lesung formuliert (Röm 8,21). Um das Geheimnis des Glaubens zu erfassen braucht es kein spirituelles Doping, wohl aber die Bereitschaft, sich mit der Bibel, der Tradition und der gegenwärtigen Lage von Kirche und Welt auseinander zu setzen. Und natürlich mit sich selbst, ‚damit sie mit ihrem Herzen zur Einsicht kommen, damit sie sich bekehren und ich sie heile.‘ (frei nach V. 15).
Br. Volker Kreutzmann scj
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