Donnerstag, der 17. Mai 2012
"Sie kamen zum Glauben an ihn"
1. Ladislaus Boros, ein Schüler von Romano Guardini (1885-1968), erzählt einmal: Guardini hielt in einem überfüllten Saal einen Vortrag. Plötzlich öffnet sich die Tür, ein Mann kommt hastig herein, steigt zu ihm ans Pult, er flüstert ihm ein paar Worte zu. Daraufhin erklärt Guardini seinen Zuhörern. „Meine Damen und Herrn. Eben erhalte ich die Nachricht, daß ein Freund von mir in Not ist. Freundschaft bedeutet mir mehr als ein Vortrag. Seien Sie mir bitte nicht böse, wenn ich nun meinen Vortrag beende, um meinem Freund zu helfen“. Damit verließ er den Saal. Niemand war ihm böse, jeder verstand seine inneren Beweggründe. Freundschaft hat eine Rangordnung, die höher steht als sonstige Verpflichtungen.
2. Dieses Evangelium von der Auferweckung des toten Lazarus diente in der frühkirchlichen Zeit als biblische Grundlage für die dritte Prüfung (scrutinium) in der Zeit der näheren Taufvorbereitung in der bevorstehenden Osternacht. Die entsprechenden Fragen waren etwa:
- Kennst du die Erfahrung, innerlich wie tot, gestorben zu sein?
- Weißt du um die Erfahrung, keine Liebe zu spüren: Wer nicht liebt, ist jetzt
schon tot?
- Hörst du Jesu Ruf Jesu: Laßt die Toten die Toten begraben! Du aber komm
folge mir?
- Glaubst du, daß Jesus Christus am dritten Tage von den Toten auferstanden
ist?
- Glaubst du, Jesus Christus dich vom Tod befreit hat und dir ewiges Leben
schenkt?
- Glaubst du, daß Jesus Christus die Auferstehung und das ewige Leben ist?
Bei grundsätzlicher Bejahung dieses Geheimnisses erfolgte die Taufe, die neue Geburt aus Wasser und aus Geist.
3. Dieser Abschnitt ist so menschlich; gleich vier Mal in diesen Versen zeigt Jesus menschliche Gefühle, Emotionen:
- „denn Jesus liebte mit Marta, ihre Schwester und Lazarus“ V.5
- „er war im Innersten erregt und erschüttert“ V.33
- „da weinte Jesus“ V. 35
- „ er wurde Jesus wiederum innerlich erregt“ V. 38
Die Emotionen: Liebe, Freundschaft, Erregung, Erschütterung, Weinen. Ein menschlicher Jesus begegnet uns hier – ausgerechnet im mystischen Johannes-Evangelium.

- c by Ulla-Trampert in Pixelio.de
4. Ich finde die Wüstenväter (4./5.Jh.) für heute hoch interessant, sie haben eine große Bedeutung für mich. Neben anderen menschlichen Weisungen ( die Einsamkeit suchen, es mit sich selber aushalten, nicht mehr fliehen, auf die inneren Regungen achten, nicht bewerten und beurteilen, die Gegenrede halten usw.) halte ich eine Weisung für besonders wichtig: „dem Tod täglich in die Augen schauen!“ Also: das Sterben und den Tod nicht leugnen, sondern anschauen, wahrhaben wollen. Eher seltene Filme über mönchisches Leben und dann die einfache Bestattung – der Leichnam, nur eingehüllt in ein Leinentuch, in der Erde bestattet – das macht mich nachdenklich. Menschen in unserer Gesellschaft, die den Tod gern ausblenden, werden ständig mit dem Tod konfrontiert: morgens die Todesanzeigen in der Zeitung, Unfälle und Morde, Katastrophen, fallende Blätter im Herbst, Krankenbesuche, Hospize, verschiedenste Art der Zerstörung von Leben. „Dem Tod in die Augen schauen“.
5. Ob wir Philosophen sind oder nicht, das existentialistische Denken prägt uns immer, beschäftigt uns. Die Todverfallenheit gehört zur täglichen Lebenserfahrung, ist Kernproblematik existentialistischer Philosophie und Literatur: „Sein zum Tode“. Diese Erfahrung machen wir Menschen täglich. Wir kennen Leben nur als vergänglich, alles geht auf Tod hin. Was bedeutet dann die ganz andere Zusage Jesu Christi: „Wer lebt und an mich glaubt, wird in Ewigkeit nicht sterben!“ Kann ich dieser Zusage trauen, prägt sie meine Lebenshaltung?
6. Der römische Kaiser Julian Apostata, der das Christentum verachtete und es noch einmal zudrängen wollte, beobachtete an Christen etwas Auffälliges, nämlich mit welcher Liebe und Sorgfalt sie ihre Toten bestatten! Dieses Liebe und Sorgfalt – von der Sorge um Kranke, der Begleitung Sterbender bis zur Bestattung und regelmäßigen Versammlung an den Gräbern – kennzeichnete die frühen Christen. Bestattung der Toten ist ein Werk der Barmherzigkeit. Abbe Pierre (1912-2007), schreibt: „In der Geschichte der Menschheit gibt es einen Augenblick, der mich erschüttert. Das ist der Moment, ab dem die Menschen ihre Toten aufbewahren, um sie zu begraben… Von dem Augenblick an, da die Überreste Verstorbener nicht mehr liegengelassen, sondern sorgfältig aufbewahrt werden, beginnt ein neues Zeitalter: das Zeitalter der Menschlichkeit.“
7. Großartig finde ich den Sonnengesang des Hl. Franziskus und dann seine Haltung in der Stunde des Sterbens. Im Sonnengesang betet Franziskus: „ Sei gepriesen, mein Herr, durch unseren Bruder, den leiblichen Tod…selig die, welche ruhen in deinem heiligsten Willen, denn der zweite Tod kann ihnen nicht schaden“ und in der Sterbestunde vertraut Franziskus darauf, daß er nun hinübergeht zum Herrn (Transitus), anders als einst auf unserer Sterbeurkunde steht: „exitus“ – aus.
8. Trotz des Grabes, des Steines, des Leichnams, eingewickelt in Binden - sichere Daten des Todes – kommt Lazarus aus dem Grab hervor. Jesus sagt: „sie sollen sehen, daß du mich gesandt hast!“ Und sie kamen zum Glauben an ihn.
P. Heinz Lau scj
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