Donnerstag, der 11. März 2010

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Christlicher Glaube in säkularer Zeit

Pater Heinz Lau SCJ hätte gerne ein Bruchstück ihres Lebens selbst gelebt: Madeleine Delbrêl gilt als eine einzigartige und schillernde Persönlichkeit im Christentum. 1904 wird sie in Südfrankreich geboren; als Kind muss sie den ersten Weltkrieg miterleben, worauf sich Delbrêl zunächst als Atheistin erklärt.
Als ihr Vater erblindet und sie daraufhin schwer krank wird, beginnt sie zu beten. Bis zu ihrem Tod 1964 lebt Madeleine Delbrêl ihren Glauben. Papst Johannes Paul II. nimmt 1993 das Seligsprechungsverfahren an.

Foto: Daniel Biskup
Pater Heinz Lau SCJ über "das großartige Zeugnis" Madeleine Delbrêls

 

Ich finde Madeleine Delbrel einzigartig und faszinierend; gern hätte ich ein Bruchstück ihres Lebens selbst gelebt.

Innerlich hat es mich immer zu ihr, ihrer Überzeugung und Lebensweise hingezogen. Ihre Biographie ist turbulent und schillernd:
- aufgewachsen im gutbürgerlichen Milieu
- Erfahrungen der Sinnlosigkeit, der Absurdität, der Banalität des Lebens
- Absage an den christlichen Glauben – Atheismus
- das Studium der Philosophie – eine unbändige Suche
- die Begegnung mit christlichen Freunden und ihre Wandlung
- eine Freundschaft, die zerbricht
- die Bildung einer kleinen Equipe
- als Sozialarbeiterin mitten im kommunistisch geprägten Stadtteil Ivry
- im säkularen Umfeld Tag für Tag leben
- ihr geistliches Leben und ihre mystischen Erfahrungen
- die Spiritualität der Straße
- ihre tiefe Liebe zur Kirche
- ihre Leidenschaften für die Arbeiter und Migranten
- ihre Aufmerksamkeit für den ganz gewöhnlichen Tag
- ihre dichterische Sprache, ihre Poesie.

Wenn ich das Leben von Madeleine Delbrel in ihren inneren Erfahrungen und in ihrem äußeren Einsatz aufmerksam anschaue, dann kommen mir eine Menge von Erfahrungen, Berührungspunkten und Anliegen in den Sinn. Einige möchte ich kurz anschauen:


1. Ihre Erfahrung des Lebens – sinnlos, banal, absurd

Der Atheismus ist ein Lebensgefühl, in dem „für den Ungläubigen schon das Leben selber vom Tod erschlagen wird. Der innere Halt des Seins stürzt in allem, was lebt zusammen…Alles ist vom Nichts und von der Absurdität befallen.

2. Den Sinn des Lebens finden in menschlichen Begegnungen und Vorbildern
„Bei den häufigen Begegnungen mit ihnen über mehrere Monate konnte ich ehrlicherweise, wenn auch nicht ihren Gott, so doch Gott nicht mehr im Absurdum lassen.“

3. Atheismus – Gott ist tot

„Gott ist tot, es lebe der Tod. Weil das wahr ist, muß man auch ehrlich genug sein, nicht mehr so zu leben, als ob er lebte.“

4. Bekehrung

„Ich bin von Gott überwältigt worden und bin es immer noch.“ – „Bekehrung ist ein gewaltsames Ereignis…In diesem Augenblick wird Gott zum Allerwichtigsten… Ohne diesen höchsten, überwältigenden Primat des lebendigen Gottes… gibt es keinen lebendigen Glauben.“

5. Intellektuelle und künstlerische Begabung

„Ich habe viel Mauriac gelesen…ein bisschen Cocteau, daneben Barres und Psichari…Ich lesen und erhalte Gnaden wieder zurück.“ – „Die Maurer, Zimmerleute, die Philosophen, die Künstler, die Dichter stellen Sachen her, die Dauer haben, sie lassen etwas von den Menschen dauern.“

6. Die säkulare Welt heute

„Wir sind diejenigen, die die Kirche in diesen Landstrichen gegenwärtig machen können. Wir sind es, die ihre Grenzlinie nach vorne rücken müssen.“

7. Gott mitten unter uns

„Er wird uns befruchten, verwandeln, erneuern: den Händedruck, den wir heute zu geben haben, unsere Arbeitsleistung, die Art, wie wir den uns begegnenden Menschen anblicken, wie wir gegen unsere Müdigkeit ankämpfen, einen Schmerzanfall bestehen, in einer Freude erblühen. Er will überall dort zu Hause sein, wo wir bei uns selber verweilen.“

8. Die Explosion des Evangeliums

„Das Evangelium ist nicht nur ein Buch der Kontemplation, der Anbetung und der Offenbarung eines Gottes, der verkündet werden will. Es ist mir darüber hinaus zu einem Buch geworden, das – in den Händen der Kirche – sagt, wie man leben soll.“

9. Die Equipe – eine Wohngemeinschaft ohne große Strukturen

Eines Tage wurde ihr klar, dass ihr Weg nicht ins Kloster führen sollte. Sie war erfüllt von einer kleinen Lebensgemeinschaft von Laien im Geiste des Evangeliums – ohne Gelübde, ohne Klausur, mitten unter den Menschen der Pariser Bannmeile.

10. Beten – überall möglich

„Welche Freude zu wissen, dass wir unsere Augen zu deinem Angesicht erheben können, ganz allein, während die Suppe langsam aufkocht, während wir beim Telefon auf den Anschluss warten, während wir bei der Haltestelle nach dem Bus Ausschau halten, während wir eine Treppe hinaufsteigen, während wir im Garten für en Salat ein wenig Petersilie holen.“

11. Die Weitergabe des Glaubens

„Wir sind nicht da, um den Glauben zu geben – er ist eine Gabe Gottes -, sondern ihn in uns zu entfalten, den Inhalt seiner Botschaft offenbar zu machen und ihm gangbare Wege zu bereiten.“

12. Laienspiritualität  „Wir Leute von der Straße“

„Es gibt Leute, die Gott nimmt und beiseite stellt. Andere gibt es, die lässt er in der Masse…Wir anderen, wir Leute von der Straße, glauben aus aller Kraft, dass diese Straße, dass diese Welt, auf die uns Gott gesetzt hat, für uns der Ort unserer Heiligkeit ist.“

13. Die Ghetto-Mentalität aufbrechen

In einem solchen „Milieu, das der Kirche unzugänglich ist“, wollte sie nur durch ihre Lebensgemeinschaft ein christliches Zeugnis  mitten unter der Arbeiterbevölkerung geben. „Die Charite de Jesus will Gott und der Kirche Seelen zur Verfügung stellen, die entschieden das Evangelium ohne Vorbehalt leben.“

14. Die Liebe zur Kirche

„Das Wort Kirche möchte ich in jeder Zeile so oft wie das Wort Gott schreiben.“ – „Die richtig vollbrachte Tat scheint uns dort, wo sie uns abverlangt wird, der ganzen Kirche einzupfropfen, in ihren Organismus einzugießen, uns in ihr verfügbar zu machen.“

 

Zum Schluß: „Der kleine Mönch“

- Vergnügungen: „Wenn du selbst nicht tanzen kannst, dann laß deine Seele tanzen.“

- Gehorsam: „Der Gehorsam ist nur ein wenig Sache des Leibes, viel aber eine Sache des Herzens.“

- Schweigen: „Der Gleichmütige schweigt, wenn er darf, damit er reden kann, wenn er muß.“

- Gottesliebe: „Weil dem Selbstvergessenen nichts bleibt, weiß er, dass er nur Empfangender ist.“

- Gebet: „Beten heißt nicht begabt, sondern da zu sein.“ – „O Gott, wenn du überall bist, wie kommt es dann, dass ich so oft anderswo bin?“

 

Pater Heinz Lau SCJ

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