Donnerstag, der 23. Februar 2017
SCJ am Sonntag, den 16. Februar 2014 | Pater Heinz Lau SCJ über das Sterben

„Sterbehilfe nein, sterben lassen ja“

Pater Heinz Lau SCJ ist unter anderem als Klinikseelsorger tätig (Foto: Ekkehard Winkler)
Pater Heinz Lau SCJ ist unter anderem als Klinikseelsorger tätig (Foto: Winkler)

Belgiens Abgeordnetenkammer hat vergangene Woche dem umstrittenen Gesetz zur Sterbehilfe für Minderjährige zugestimmt. Damit sollen unheilbar kranke Kinder aktive Sterbehilfe bekommen können, wenn sie das ausdrücklich verlangen und zu einer Einschätzung in der Lage sind. Zudem muss der Wunsch des Kindes durch mehrere Experten und die Eltern bestätigt werden. Vor allem Kirchen und Patientenverbände haben vor der Entscheidung gewarnt. Ein Gespräch über das Sterben mit Pater Heinz Lau SCJ, der in Freiburg unter anderem als Klinikseelsorger tätig ist.

Kommt Sterbehilfe für Sie grundsätzlich in Betracht? Wie stehen Sie grundsätzlich zum Thema Sterbehilfe? Als Pater, aber auch als Mensch, der vielleicht selber einmal vor dieser Frage stehen könnte: Will ich so weiterleben?

 Ich unterscheide zwischen aktiver und passiver Sterbehilfe. Aktive Sterbehilfe ist für mich völlig ausgeschlossen, sowohl direkt durch Todesspritze, Todes-Cocktail usw. wie auch indirekt, dass ich dem Sterbenden und Sterben-wollenden den Tod herbeiführende Mittel an die Hand gebe. Ich weiche hier kurz aus: Ich bin ein erklärter Gegner der Todesstrafe, das ist unmoralisch und ein Verbrechen. Als Mensch habe ich nie das Recht, Richter über Leben und Tod zu sein.

Bei passiver Sterbehilfe sieht es für mich anders aus. Ich selbst bin als Klinikseelsorger tätig, komme fast täglich mit Sterbenden zusammen und werde immer wieder mit Sterben und Sterbehilfe konfrontiert. Wir leben mit einer hoch entwickelten Apparate-Medizin, Gott sei Dank. So können wir Leben unendlich verlängern. Andere Generationen vor uns hatten nicht diese Möglichkeit. Somit bestand auch nicht die Notwendigkeit einer Entscheidung. Wir haben eine moderne Schmerztherapie, die in diesem Prozess sehr hilfreich ist. Wenn ein Patient unheilbar krank, die Situation ausweglos ist, über längere Zeit nur noch an Geräten hängt, keine Hoffnung auf Leben mehr  besteht, wenn Ärzte alles Mögliche versucht haben und Angehörige mit ihrer Sterbebegleitung erschöpft sind, dann spreche ich mich dafür aus, diesen Patienten auch endlich sterben zu lassen. Das heißt, künstliche Nahrungszufuhr langsam zu reduzieren, den Einsatz der lebensverlängernden Apparate zu verringern. Ich nenne das niemals Sterbehilfe, sondern sterben lassen - den menschlichen Weg gehen lassen. Ohne die moderne Medizintechnik wäre er schon längst gestorben.

Und wenn es Sie persönlich treffen würde?

Ich wehre mich gegen jede Form aktiver Sterbehilfe. Ich möchte sterben bis zum letzten Atemzug. Auch Sterben ist Teil meines Lebens. Ich hoffe darauf, dass meine Mitbrüder, sollte ich in eine solche Situation kommen, mich verlässlich und verantwortungsvoll begleiten, das heißt auch langes Dahinsiechen im Koma-Zustand -  ausschließlich durch Apparate noch am Leben erhalten - rechtzeitig beenden, in Würde und in Verantwortung vor Gott.

In Belgien können jetzt auch unheilbar kranke Kinder über den Zeitpunkt ihres Todes selber entscheiden.

Dieser Entscheidung kann ich nicht zustimmen und halte sie auch ethisch nicht für verantwortbar. Ich weiß in meinem Alltag um solche Situationen: wie elendig Menschen sterben - in einem langen Sterbeprozess. Wie nahe Angehörige, Eltern und Geschwister, es manchmal nicht mehr aushalten können, wie mich das selbst packt und erschüttert, wie ich Mitleid empfinde angesichts dieser Ohnmacht. Bei Kindern wird mir das besonders deutlich.  Aktive Sterbehilfe, jetzt besonders an Kindern, dazu ohne Altersbeschränkung, durch Todbringende Spritze ist für mich töten. Das scheidet völlig  aus.

Drei Aspekte, scheint es mir, sind zu berücksichtigen: Das "qualvolle Leiden" des Kindes, das "Mitleiden" der Angehörigen und die "Ohnmacht" der Ärzte. In meiner Beurteilung muss ich alle drei Aspekte aufrichtig, ehrlich wahrnehmen. Es ist zu bemerken, dass die Gesetzgebung in Belgien nicht willkürlich einen solchen Vorgang initiiert, sondern einige Bedingungen und Hürden gesetzt hat: dass das Kind unheilbar krank ist,  unter starken Schmerzen leidet, eine Linderung nicht möglich ist. Dass der Arzt eine medizinische Bewertung gibt, dass Psychologen bestätigen, dass das Kind urteilsfähig und in der Lage war, die Entscheidung zu sterben zu treffen - hier habe ich die größten Bedenken! - und dass die Eltern zustimmen müssen.

Gerade für die Eltern, die ihr Kind leiden sehen, ist das eine schwierige Situation. Was sagt man den Betroffenen als Seelsorger?

Für Eltern ist dies eine extrem schwierige Situation. Sie haben ihr Kind gewollt, die Mutter hat es neun Monate  im Schoß getragen und geboren, sie haben das Kind angenommen,  geliebt und alles Erdenkliche getan - und jetzt sind sie mit einer hoffnungslosen Situation ihres Kindes konfrontiert. Das bedeutet: Verzweiflung, Ohnmacht, Hadern, Lebens- und Glaubensnächte, Verweigerung, das Kind leiden und gehen zu lassen.

Ich als Seelsorger sage zunächst nichts, ich bleibe dabei und schweige lange Zeit. Jedes Wort, auch das des Trostes, wäre deplatziert, fehl am Platze. Worte können zerstören, wo sie nicht hingehören. Keine falschen Worte. Ich schweige und bete. In das Gebet nehme ich alle momentanen Empfindungen und Regungen schweigend hinein -  des Kindes, der Angehörigen, von mir selbst. Wenn die Angehörigen weinen und zu sprechen versuchen,  kann ich eventuell auch von Sinnlosigkeit, blindem Schicksal, Ohnmacht sprechen. So empfinden es die Menschen.

Eine extrem schwierige Aufgabe für einen Priester, oder?

Ich gehe gern zu Kranken, weil ich dort etwas tun kann, wo ich nichts mehr tun kann. Wegbleiben ist menschenverachtend. Ich bleibe und halte aus - mit all den Umstehenden. Manchmal, wenn es angebracht ist, spreche ich - ähnlich wie der Heilige Franziskus: In der Todesstunde gehen wir hinüber zum Herr. Transitus - Übergang. Ganz anders der Totenschein: exitus - aus.

Was bedeutet für Sie der Begriff  "Sterben in Würde"?

Ich schätze einen Hinweis der Wüstenväter: sich den Tod täglich vor Augen halten!  Daran halte ich mich. Ich leugne nicht, verdränge nicht. Sterben gehört zum Leben. Frühe Christen waren daran erkenntlich, wie sie ihre Sterbenden bis zum Tode begleiteten. "In Würde sterben" ist heute alles andere als selbstverständlich: Unfälle, Natur-Katastrophen, Krankheiten, Suizid. Eine kurze Antwort: Sterben und Tod akzeptieren in unserer Gesellschaft, nicht verdrängen. Menschen respektvoll begleiten in Krankheit und Sterben, nicht abschieben. Sterbende sind kein Ballast in einer Profitgesellschaft, sie vermitteln unschätzbare Werte. Sterbende besuchen und begleiten, nicht allein lassen. Sterbende nicht entmündigen, sie bleiben Persönlichkeit. Ihnen eine vertraute Umgebung schaffen, nicht Anonymität. Mit ihnen über ihr Leben sprechen, über Ringen, Kämpfe, Sinn, Glauben, Krisen.

In einer Umfrage sind 66 Prozent der Deutschen für aktive Sterbehilfe. Tendenz steigend. Wie erklären Sie sich das?

Am liebsten würde ich mit dem apostolischen Schreiben von Papst Franziskus  "Die Freude des Evangeliums" antworten. Unter anderem schreibt er, dass Kapital mehr gilt als der Mensch. Verlängertes Leben kostet Geld. Diese Kosten auf sich zu nehmen, ist vertan, verschwenderisch, nutzlos, so denken manche.

Manche Menschen wollen einfach kein langes Dahinsiechen, Sterben, Qualen, Schmerzen, sie wollen rasche Erlösung für sich.

In der postmodernen Gesellschaft gilt fast ausschließlich das Kosten-Nutzen-Prinzip: Baldiges Sterben ist Kosten-effektiv, Sterbehilfe ist dann eine sinnlose Investition. Viele Menschen sind in der Seele nicht mehr  fähig, Leid, Krankheit, Schmerzen auszuhalten, es überlastet sie psychisch. Unterschwellig wird uns täglich vorgegaukelt  und wir werden infiltriert, das Leben zu genießen, auszunutzen - in Richtung Erlebnis-Gesellschaft. Da sind Momente des Sterbens und des Todes nur störend. Das Leben muss weitergehen. Zu viele sind individuell überbelastet mit all den Problemen ihres Alltags, sie müssen vieles allein bewältigen. Daher können sie  einfach keine zusätzliche Sorgen, Belastungen,  Störungen ertragen, was durch verlängertes Leben auf sie zukommen würde.

Interview: Peter Hummel


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