Mittwoch, der 22. Februar 2017
SCJ am Sonntag, den 20. Oktober 2013 | Professor Paul M. Zulehner über den Zusammenhang der Sternsinger und einem wichtigen dehonianischen Auftrag.

„Kirche muss missionarisch sein“

Jedes Jahr sammeln die Sternsinger für einen guten Zweck. Dabei gehen sie von Haus zu Haus. Mal werden sie hereingebeten, mal werden sie abgewiesen. Die Sternsinger setzen damit das um, was für Pater Leo Dehon der Auftrag seiner Gemeinschaft ist. Professor Paul M. Zulehner über den Zusammenhang der Aktion und einem wichtigen dehonianischen Auftrag. 

Die Sternsingeraktion (foto:scj.de)
Die Sternsingeraktion (foto:scj.de)

DRK: Die Sternsinger haben den Auftrag zu den Menschen zu gehen. Wie würden Sie diese Sendung verstehen?
Paul M. Zulehner: Es ist erfreulich, dass die Kirche in den strahlenden Augen der Kinder bei den Leuten sichtbar wird. Die Sternsinger sind damit gleichsam die Speerspitze der missionarischen Kirche, wie man es sich besser gar nicht wünschen kann. Kinder sind die absolut gewaltlose Seite der Kirche, die Menschen gewinnen können. 

Sehen Sie diese Möglichkeit auch für Erwachsene?
Erwachsene werden das auf einer anderen Art und Weise tun. Wir haben gelernt, dass die Erstevangelisierung bereits darin besteht, dass wir mit unseren Gemeinden und Projekten für andere sichtbar und gastfreundschaftlich sind, miteinander einmütig leben, das Wort Gottes hören und gemeinsam Eucharistie feiern. Aber die dichteste missionarische Tätigkeit ereignet sich dort, wo wir zu den Menschen gehen, insbesondere zu jenen, die unsere Hilfe brauchen, um ihnen die Zuneigung und das Erbarmen Gottes erfahrbar zu machen. Das kann in Caritas-Kreisen geschehen, aber auch in Einrichtungen der Diakonie. Dort geschieht die ausdrückliche Evangelisierung, indem wir den Menschen die Botschaft Jesu Christi erzählen und Gottes Erbarmen zugänglich machen. 

Das Motto „Gehet zu den Menschen“ hat also eine missionarische Dimension?
Die Kirche ist als Ganze missionarisch - nicht etwas an ihr ist missionarisch. Die gesamte Kirche als solche zeigt die Bewegung Gottes zum Menschen und macht diese erfahrbar. Die Kirche ist als Ganze eine Bewegung von Gott zu den Menschen. Eine Kirche die nicht bei den Menschen ist, ist nicht Kirche. 

"Die Aufgabe der Priester hat sich gewandelt"

Worin sehen Sie diesen Auftrag begründet?
Das hat damit zu tun, dass sich Gott den Menschen zeigen will. Er hat in seiner innerlichen Unsichtbarkeit Gestalt angenommen und bewegt sich in Jesus Christus auf die Menschen zu. Er hat sein Volk erwählt, um in der Welt eine Agentur zu haben und präsent zu sein. So gesehen ist jeder, der der Kirche hinzugefügt wird, berufen und befähigt, missionarisch tätig zu sein. Missionarisch bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, dass man die Leute indoktriniert oder belehrt, sondern, dass man mit ihnen das Leben mit all seinen Höhen und Tiefen riskiert, und verstehen lernt, dass es eine Geschichte Gottes ist - mit jedem Menschen und der ganzen Schöpfung. 

Angesichts des Priestermangels - insbesondere in Deutschland - könnte man den Auftrag an die Priester als utopisch ansehen.
Das ist noch ein Erbe aus der Vergangenheit, dass wir das Missionarische nur an den Priestern festmachen. Die Aufgabe der Priester hat sich gewandelt: Sie sollen nicht nur selbst in der Spur des Evangeliums leben und es zu den Menschen bringen, sondern sie müssen zusehen, dass möglichst viele Gemeinschaften und viele einzelne Christinnen und Christen sich auf den Weg zu den Menschen machen, und dabei mit dem Evangelium ausgestattet sind. Die Erfüllung der Menschen mit dem Evangelium ist die Aufgabe der Kirche, also die Laien für diese Evangelisierungsaufgabe vorzubereiten, nicht sie zu ersetzen.

Dann ist der missionarische Auftrag nicht nur an Priester gerichtet?
Wir hatten mal eine Zeit, in der wir gedacht haben, dass sich die Kirche in den Priestern erschöpft, die sich dann um die Leute kümmern. So ist es aber nicht. Seit dem Konzil wissen wir wieder vertieft, dass Gott Menschen zur Kirche und zum Volk „hinzufügt“ (Apg 2,47). Jeder der zum Volk gehört, der getauft und gefirmt ist und an der Eucharistie teilnimmt, ist ein voll- und gleichwertiges Mitglied der Kirche, und partizipiert auch voll an ihrer Aufgabe. Das ist derzeit das Anliegen von Franziskus, dem Bischofs von Rom: Wir müssen weg von der klerikalen Kirche hin zu einer Kirche, die aus den vielen Menschen besteht, die Gott uns anvertraut und geschenkt hat, damit wir als Kirche leben und wirken können.  

Professor Paul M. Zulehner (foto:scj.de)
Professor Paul M. Zulehner (foto:scj.de)

Priester haben zwei Grundaufträge

Sie haben von zwei Grundaufträgen eines Priesters gesprochen: Mobiler Missionar und stabiler Leiter der Gemeinde. Wie ist das zu verstehen?
Die deutschen Bischöfe haben 1977 in der Ordnung für die pastoralen Dienste gesagt, dass die Aufgaben des Priesters sind, in Namen Christi Gemeinden zu gründen und zu leiten. Wir haben nach der erfolgreichen Durch-Missionierung Europas keine Gründungspriester mehr gebraucht, und den Priester reduziert auf die Gemeindeleitung. Mission fand in anderen Kontinenten statt. Heute sehen wir aber durchaus, dass es eine neue Form des Priesteramts geben könnte: Priester, die ehrenamtlich und nebenberuflich arbeiten, weniger akademisch ausgebildet sind und die Gemeinden leiten. Dadurch könnten sich die mobilen ehelosen Priester viel mehr auf den Weg machen, um neue Menschen zu gewinnen und mit ihnen gemeinsam neue Gemeinde gründen.  

Das wäre klassische Erstevangelisierung, weniger Neuevangelisierung?
Ich glaube, dass „Neuevangelisierung“ ein sehr zwiespältiges Wort ist. Die Kirche hat immer evangelisiert. Sie konnte gar nicht anders, weil es ihr innerstes Wesen ist, das Evangelium zu den Menschen zu bringen. Die Idee der Neuevangelisierung entstand aus der Sorge, dass das durchmissionierte Europa sich in weiten Teilen in ein neues Verhältnis zum Christentum begeben hat - skeptisch oder atheistisch. Unser bleibender Auftrag ist es das Evangelium, das uns anvertraut ist, unter die Menschen zu bringen und ihnen Mut und Trost zu geben, dass durch das Evangelium ihr Leben auch ein Ziel und einen Sinn hat.

Wo sehen Sie Probleme für die Kirche, die den Auftrag hat „zu den Menschen zu gehen“?
Der Altbischof von Innsbruck, Reinhold Stecher, hat einmal gesagt, dass sich ,nicht die Menschen von der Kirche entfernen, sondern die Kirche von den Menschen‘. Wir lassen es zu, dass die pastoralen Räume immer größerund die für sie verantwortlichen Priester immer mehr Verwaltern werden, Großraumunternehmer, die nun keine Chance mehr haben, bei den Menschen zu sein. Wir haben Strukturen gebaut, die sich nicht den Menschen annähern, sondern von ihnen entfernen. Das heißt nicht, dass wir nicht auch größere Strukturen brauchen, dort wo die einzelnen Pfarreien zu wenig Energie und Kraft haben. Aber wir brauchen eine ,grassroot‘ - Kirche, die ganz tiefe Wurzeln bei den Menschen hat.  

Wo sehen Sie in diesem Komplex die Stellung der Orden?
Die Orden haben sich ganz bestimmte Aufgaben gegeben: Diakonie oder Apostolat. Sie werden das in einer kompetenten Art und Weise auch morgen machen. Sie sind an sich frei davon, für Pfarreien zuständig zu sein und können ihre Kräfte für missionarische Projekte einsetzen. Dadurch, dass Ordensleute in Kommunitäten leben und Menschen sind, die in sich ruhen, sind sie zugleich mobiler. Sie können leichter zu den Menschen hinausgehen.

Nachfolge und Anbetung

Pater Leo Dehon betonte, dass die Herz-Jesu-Priester „nicht für die Sakristei geschaffen sind“. Wie aktuell sehen Sie diese Forderung?
Wenn man Sakristei auch noch mit ,Welness-Spiritualität“ und Rückzug in die Liturgie verbindet, dann wäre das zu wenig. Liturgie bleibt wichtig, aber wenn die Anbetung als Ersatz für das Hinausgehen verstanden wird, reicht das nicht aus. Die Kunst der Kirche ist beides zu verbinden: Nachfolge und Anbetung. Sollte der amerikanische Franziskaner Richard Rohr Recht haben, wenn er klagt: „Wir haben gelernt, Christus anzubeten, damit wir ihm nicht nachfolgen müssen“?

Sternsinger gehen zu den Menschen. Haben sie nur den Auftrag Spenden zu sammeln?
Sie sind so etwas wie ein freundliches Gesicht der Kirche zu bestimmten Zeiten. Sie erinnern daran, dass der Mensch selber jemand ist, der nach dem Geheimnis seines eigenen Lebens sucht. Die Sterndeuter damals haben versucht, ihr Leben von den Sternen her zu deuten. Auf diese Weise haben sie aber zur Krippe und dem menschgewordenen Gott gefunden. Ich glaube, dass die Sternsinger an die Sehnsucht des menschlichen Herzens erinnern, das nicht zur Ruhe kommt, solange es nicht am Herzen des menschgewordenen Gottes ruht. Das ist eine klassische missionarische Erinnerung, die auf sehr liebenswerte Weise daherkommt.  

Die Sternsingeraktion beschränkt sich auf die ersten sechs Tage im Jahr. Reicht dieses Engagement aus?

Es wird Geld gesammelt, das in Projekte investiert wird. Somit ist die Sternsingeraktion in diesen Projekten das ganze Jahr hindurch aktiv und missionarisch. So gesehen ist es eine Daueraktion. Das Gehen zu den Leuten ist eine Kurzzeitintervention im Rahmen eines viel größeren Prozesses.  

Interview Matthias Biallowons      


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