Donnerstag, der 23. Februar 2017
SCJ am Sonntag, den 30. Juni 2013 | Interview mit Pater Gilberto Heleno SCJ über die Proteste in Brasilien

„Die Menschen weigern sich, nur zuzuschauen.“

Weltjugendtag 2013, Weltmeisterschaft 2014, olympische Sommerspiele zwei Jahre später. Die Welt wird in den nächsten Jahren auf Brasilien schauen. Derzeit läuft der Confederations Cup. Die Menschen in Brasilien nutzen das Großevent, um der Welt ihren Ärger, ihre Sorgen und Ängste kundzutun. Pater Stefan Tertünte SCJ spricht im Interview mit Pater Gilberto Heleno SCJ über die Gründe der Proteste, wie er sie miterlebt und wie er als Dehonianer mit den Demonstrationen umgeht.

Der Blick über Rio de Janeiro, der Austragungsort des Weltjugendtages (foto:©Thinkstock)
Der Blick über Rio de Janeiro, der Austragungsort des Weltjugendtages (foto:©Thinkstock)

Pater Stefan Tertünte SCJ: Bist auch Du von dieser Protestbewegung überrascht gewesen, oder war Dir klar, dass derartige Proteste ausbrechen mussten?

Pater Gilberto Heleno SCJ: Die Bewegung hat ganz Brasilien überraschte. Niemand hat erwartet, dass eine unbedeutende Tariferhöhung von 20 Centavos bei Busfahrten Tausende von Menschen auf die Straße treiben würde. Aber wie die Demonstranten selbst betonen, es geht nicht nur um 0,20 Reais (brasilianische Währung, 1 Real = 0,34 Euro), sondern um die Gleichgültigkeit der politischen Klasse angesichts der wirklichen Probleme der Brasilianer: ungezügelte Korruption, bodenlos schlechte Qualität öffentlicher Dienstleistungen - vor allem im Gesundheitswese - Wellen von Gewalt in den großen Städten, Umgang mit öffentlichenr Geldern, die in den Augen vieler Menschen mit riesigen Stadien für die Fußball-WM 2014 verschwendet werden. Und vieles mehr.

Wer protestiert da eigentlich?

Zum größten Teil sind es junge Menschen, denen klar wird: Wenn die Dinge weitergehen wie bisher, dann ist ihre Zukunft unwiederbringlich bedroht. Zur Bewegung gehören viele Studenten, Freiberufler, Künstler. Die Medien stufen sie als ‘Mittelklasse’ ein, d.h. weder sehr arm, noch sehr reich.

Wie ist das zu erklären: Ein Land mit ständigem Wirtschaftswachstum – und auf der Straße Proteste der Mittelklasse?

Es gibt in der Tat ein Wirtschaftswachstum, das jedoch durch die internationale Krise deutlich geschwächt wurde. Der ehemalige Präsident Lula hat gesagt, die internationale Wirtschaftskrise sei für Brasilien kein Tsunami, sondern würde das Land wie “eine kleine Welle erreichen, auf der man nicht mal Wasserski fahren könnte”. Die Tatsachen beweisen das Gegenteil. Heute hat Brasilien Angst vor der Rückkehr des Doppelpacks, dass über sehr lange Zeit die Brasilianer gepeinigt hat: Hohe Inflation zusammen mit niedrigem Industriewachstum. Wenn man den veröffentlichten Zahlen glaubt, ist das aktuelle Wirtschaftswachstum kaum messbar, und die Aussichten sind nicht gut. Den Brasilianern, die auf der Straße Veränderungen fordern, reicht das Wirtschaftswachstum alleine nicht. Mit dem Wachstum muss eine neue Ethik der politischen Klasse und eine größere Beachtung der Bürger einhergehen.

Was sagt die Kirche über die Protestbewegung?

Die Nationale Bischofskonferenz von Brasilien hat eine Erklärung veröffentlicht, in der sie das Recht jedes Brasilianers verteidigt zu demonstrieren, insbesondere für Veränderungen, die das Leben aller Menschen verbessern. Die Bischöfe haben aber auch darauf hingewiesen, dass die Demonstrationen in einem Klima von Respekt und Frieden, ohne Gewalt und Vandalismus ablaufen müssen.

Pater Pater Gilberto Heleno SCJ (foto:scj.de)
Pater Pater Gilberto Heleno SCJ (foto:scj.de)

Keine dehonianischen Demonstranten, aber Proteste im Internet

Mit dehonianischen Augen betrachtet – was ist von dieser Bewegung zu halten?

Wie würde ein junger Brasilianer sagen: Demorou! Es war Zeit, dass die Brasilianer auf eine politische Klasse reagieren, die nur an ihren eigenen Machterhalt denkt. Schon jetzt ist die gesamte politische Energie sowohl von Regierung als auch Opposition auf die nächsten Präsidentschaftswahlen 2014 konzentriert! Die Demonstrationen zeigen den brasilianischen Politikern zur rechten Zeit, dass es eine große und allgemeine Unzufriedenheit mit ihnen allen – von einigen Ausnahmen abgesehen – gibt. 
Ich glaube, wir Dehonianer sollten der Position der Bischöfe folgen: Die Demonstrationen unterstützen und das Recht der Staatsbürger, seine politischen Unzufriedenheiten öffentlich auszudrücken, jedoch ohne Gewalt und Vandalismus. Eine der Wunden der brasilianischen Gesellschaft ist die soziale Ungerechtigkeit. In unserem Land gibt es Realitäten, die eines entwickelten Landes würdig sind, aber auch Situationen größten Elends und schreiender Armut. Als Dehonianer müssen wir dafür eintreten, dass es Frieden nur in Gerechtigkeit gibt.

Gibt es Dehonianer, die Teil der Bewegung sind?

Soweit ich weiß, nicht. Ich kenne einige Mitbrüder, die ihre Meinung über die sozialen Netzwerke veröffentlichen.

Und Du – hast Du auch demonstriert?

Ja, ich habe mich in den sozialen Netzwerken, insbesondere auf Twitter engagiert. Meiner Meinung nach muss man anerkennen, dass nach 10 Jahren Regierung durch die Linke, Brasilien ein gerechteres Land ist - durch die Politik der Inklusion, die das Markenzeichen der Regierung Lula wie auch der aktuellen Regierung unter Präsidentin Dilma sind. Es gab Sozialprogramme, die zahllose Menschen aus dem Elend geholt haben, Inklusionsprogramme für Schwarze und Indianer an den Universitäten etc. Mit diesen Regierungen gab es in der Tat eine neue Politik mit dem Ziel, dass die Massen die größten Nutznießer der Politik werden. In diesem Sinne zielt mein Engagement auf Twitter darauf, eine Richtungsänderung, eine neue Art Politik zu fordern, ohne jedoch Präsidentin Dilma zu stürzen.

Reicht die Ankündigung der Präsidentin aus, große Dialog- und Verbesserungsanstrengungen zu machen?

Die Rede von Präsidentin Dilma wurde von politischen Kommentatoren positiv bewertet. Es gab enormen Druck auf Dilma Stellung zu nehmen – und das hat sie getan. Heute (24.6.) hat sie alle überrascht, als sie fünf große Bündnisse als Antwort auf die Demonstrationen vorschlug. Darunter war auch der Vorschlag, eine Volksabstimmung durchzuführen, um zu sehen, ob die Brasilianer über eine verfassungsgebende Versammlung zu einer großen poilitischen Reform voranschreiten wollen, die z.B. die Korruption – von den aktuellen politischen Mechanismen sehr begünstigt – als Kapital- und Schwerstverbrechen einstuft. Aus meiner Sicht sind die Vorschläge der Präsidentin brauchbar, jedoch hat der ewige Kampf zwischen Regierung und Opposition die Debatte bereits vergiftet, und viele halten die Vorschläge für verfassungswidrig. Hier zeigt sich die große Schwierigkeit der politischen Klasse, eine Lösung für die Probleme des Volkes aufzuzeigen. Und deshalb gehen die Menschen auf die Straße, um auf einen neuen Politikstil zu drängen. Aber die Politiker lernen nicht!

Pater Gilberto Heleno SCJ ist hat an der Päpstlichen Universität Gregoriana  einen Lizenziatsabschluss in Philosophie absolviert (foto:scj.de)
Pater Gilberto Heleno SCJ ist hat an der Päpstlichen Universität Gregoriana einen Lizenziatsabschluss in Philosophie absolviert (foto:scj.de)

Braslien wird nach den Protesten anders sein

In der Bewegung ist keine Partei, keine Institution zu sehen. Ist dies eine neue Form von Zivilgesellschaft nach dem Versagen von Institutionen wie Parteien, Kirchen und Gewerkschaften?

Das ist die große Unbekannte dieser Bewegung: Wie soll ein Dialog entstehen, wenn die Dialogpartner fehlen?  Der MLP (Movimento Passe Livre), der die Demonstrationen begann, hat einige Führungspersonen, die der politischen Linken nahe stehen. Die große Mehrheit der Demonstranten jedoch ist schlicht in Aufruhr gegenüber der herrschenden Politikerklasse. Sie erwarten nichts von denen, weil sie festgestellt haben, dass die Politiker sich weniger mit den riesigen Problemen der Bevölkerung, sondern lediglich mit Machterhalt beschäftigen.

Wird Brasilien nach diesen Protesten anders sein?

Ja, es war ein Schrei, der uns in der Kehle steckte! Wer hätte gedacht, dass Demonstrationen, die vom Volk ausgehen, ohne politische oder institutionelle Vermittlung, zu einer Reduzierung der Bustarife führen und die Themen der Präsidentschaft der Republik bestimmen bis zu dem Punkt, an dem, in dem Land des Fußballs, der Fußball (FIFA Confederations Cup) in den Hintergrund gedrängt wird.

Gibt es Konsequenzen für den Weltjugendtag in Rio in wenigen Wochen? Muss man auch dort ähnliche Demonstrationen erwarten?

Ich persönlich bin etwas besorgt. Im aktuellen sozialen Kontext in Brasilien muss man viel für die Sicherheit tun, sogar mit Hilfe der Armee. Wie soll man die Sicherheit eines Massenereignisses gewährleisten, wenn die Massen in Aufruhr sind? Das ist schon besorgniserregend.

Im Internet gibt es ein mittlerweile sehr berühmtes Video auf youtube von einer jungen Brasilianerin, Clara Dauden, die die Hintergründe der Proteste erklärt. Kannst Du ihr zustimmen?

Ich habe das Video gesehen und festgestellt, dass sie absolut richtig liegt. Angesichts so vieler dringender Herausforderungen in Brasilien, ist es wirklich empörend, soviel Geld in den Bau von Stadien für die Weltmeisterschaft zu investieren, die danach sozusagen “weiße Elefanten” sein werden, wie man in Brasilien sagt: groß und nutzlos. Die Demonstranten haben dem aktuellen Politikstil eine klare Absage erteilt. Die Menschen weigern sich, nur zuzuschauen. Sie wollen Teilhabe. Und wenn auch nur auf der Straße, schreien sie in Zeiten des Internet der ganzen Welt ihre Unzufriedenheiten entgegen. Pater Gilberto Heleno, Jahrgang 1968, gebürtig aus dem Bundesstaat Minas Gerais, hat Philosophie, Theologie und Unternehmensführung studiert. An der Päpstlichen Universität Gregoriana hat er einen Lizenziatsabschluss in Philosophie absolviert. Aktuell ist er Professor für Philosophie an der Dehonianischen Fakultät in Taubaté/Brasilien.

Interview Pater Stefan Tertünte SCJ


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