Mittwoch, der 22. Februar 2017
SCJ am Sonntag, den 17. März 2013 | Bischof Virginio Bressanelli SCJ im Interview zum neuen Papst Franziskus.

„Ich glaube, dass Franziskus große Veränderungen in der Kirche bewirken kann."

Habemus Papam! Im fünften Wahlgang des Konklave 2013 wurde Jorge Maria Bergoglio am 13.03.2013 zu Papst Franzikus gewählt. Virginio Bressanelli SCJ, der Bischof von Neuquén spricht im Interview über seine ersten Gedanken nach der Wahl, seiner Beziehung zum Heiligen Vater und dessen Beitrag zur Situation der Kirche.

Jorge Maria Bergoglio wurde am 13.03.2013 zu Papst Franziskus gewählt (foto:scj.de)
Jorge Maria Bergoglio wurde am 13.03.2013 zu Papst Franziskus gewählt (foto:scj.de)

SCJ.de: Wie war Ihre erste Reaktion, als Sie von der Wahl von Mons. Bergoglio zum Papst erfahren haben?

Virginio Bressanelli SCJ: Ich war zunächst einmal überrascht. Wir hatten nicht erwartet, dass man Kardinal Bergoglio wählen würde, auch wenn wir überzeugt waren, dass er eine gute Wahl sein könnte. Dennoch war uns angesichts seines Alters – immerhin bald 77 Jahre - eigentlich klar, dass er kein realistischer Kandidat war.  

Danach kam die Furcht davor, wie sehr er als Papst würde leiden müssen. Ich habe Paul VI, Johannes Paul II. und Benedikt XVI., die ich alle im Glauben und in der Liebe angenommen habe als Päpste, leiden sehen. Ich habe ihr Leiden unter den unaufhörlichen Kritiken aus zahlreichen Richtungen mitbekommen. Insbesondere aus dem Inneren der Kirche heraus und manchmal auch von Seiten einiger Ordensleute.  

Schließlich kam die Freude und die Hoffnung auf in der Gewissheit, dass er ein Mann Gottes ist, der das Kreuz im Dienst an der Kirche und der Welt aus Liebe auf sich nimmt und so unserem Herrn nachfolgt, der ihn wie auch Petrus auffordert ihm zu folgen, ohne sich zu sehr um den Weg der anderen zu sorgen. Freude habe ich auch erlebt von Seiten des katholischen Volkes in meiner Diözese: Die Menschen haben sich in die Kirchen und Kapellen begeben und die Eucharistie gefeiert. Ich selbst habe in der bis auf den letzten Platz gefüllten Kathedrale die Messe gefeiert, und die Menschen haben mit großer Aufmerksamkeit der Predigt zugehört und mit großer Freude die ganze Eucharistie mitgefeiert. Auf diese Messe folgt sofort eine weitere, und auch da war die Kathedrale übervoll.  

Die Freude der Menschen ist groß und gleichzeitig maßvoll. Es gab keinen Enthusiasmus wie man ihn nach den Fußballspielen kennt. Es ist eine Freude voller Hoffnung und auch mit einem Sinn für die eigene Verantwortung, Franziskus in seinem neuen Dienst zu unterstützen und zu begleiten.  

Wie war bisher Ihre Beziehung zu Mons. Bergoglio und  in welchen Bereichen haben Sie zusammengearbeitet?
Bergoglio ist ein großartiger Hirte, ein großartiger Bischof, ein wahrer Anführer der Kirche in Argentinien. Er hat einen Stil geprägt, der sich auszeichnet durch eine große Nähe zu den Menschen, durch einen kollegialen Leitungsstil, durch die Gemeinschaft mit allen Bischöfen, Einbeziehung der Laien in allen pastoralen Bereichen, Nachdenken über die soziale, politische, kulturelle Realität unserer Zeit, durch Hoffnung und Konstruktivität angesichts zahlreicher Konflikte und Herausforderungen, die sich durch die aufkommende Kultur ergeben.  

Ich habe ihn in den 80er Jahren kennengelernt. Wir lebten damals in derselben Stadt (San Miguel), 40 Kilometer von Buenos Aires entfernt, der Hauptstadt Argentiniens. Ich war in der Ausbildung der Dehonianer tätig. Er war der Obere der in Ausbildung befindlichen Jesuiten. Wir haben in derselben Diözese gearbeitet. Dann habe ich ihn 2001 in Rom auf der Synode getroffen. Er war bereits Kardinal von Buenos Aires und ich Generaloberer der Ordensgemeinschaft der Dehonianer. Dann habe ich ihn des Öfteren in Rom getroffen. Und dann natürlich seit 2005 in Argentinien, nachdem ich zum Bischof ernannt wurde. Acht Jahre haben wir miteinander in der Bischofskonferenz und als Mitglieder der Ständigen Kommission der Bischöfe gearbeitet und dabei eine sehr gute und intensive Beziehung gehabt.  

Ich habe stets einen Ratgeber und Meister in ihm gesehen. Häufig habe ich mit ihm pastorale Probleme mit diskutiert. Er ist ein Mensch, der dem anderen mit derartiger Aufmerksamkeit zuhört, als wäre er selbst ein Schüler. Dann nimmt er sich eine manchmal längere Zeit des Schweigens, um dann die erbetene Orientierung zu geben. Als guter Jesuit praktiziert er oft die Unterscheidung der Geister.  

Ich bin einer von sieben Bischöfen der Region Patagonien. Diese riesige Region bildet fast ein Drittel der Fläche Argentiniens. Erst seit wenigen Jahren wird Patagonien mehr und mehr besiedelt. Die Evangelisierung hat das Land und seine Menschen noch nicht wirklich durchdrungen. Uns fehlen Priester. Die Region ist zu großen Teilen wüst, kalt und ungastlich. Oft fehlen uns menschliche und materielle Ressourcen. Bergoglio ist uns immer nahe gewesen und hat uns geholfen. Er hat die Missionstätigkeit seiner Priester sehr gefördert und uns die besten als Missionare geschickt. Er ließ nicht jeden in die Mission z.B. nach Patagonien gehen. Seine Kriterien waren: Menschliche Ausgeglichenheit, pastorale Leidenschaft und gutes geistliches Leben. Außerdem hat er uns ökonomisch sehr geholfen. Wir können unsere Seminaristen an der Theologischen Fakultät der Katholischen Universität Argentiniens in Buenos Aires lediglich deshalb dort lassen, weil Bergoglio uns ein großes Haus umsonst zur Verfügung stellt und die Studiengebühren unserer Seminaristen bezahlt. Hoffentlich hält das sein Nachfolger in Buenos Aires ebenso.

Bischof Virginio Bressanelli SCJ (foto:scj.de)
Bischof Virginio Bressanelli SCJ (foto:scj.de)

Mons. Bergoglio ist als ein Bischof der Armen bekannt. Was kann sein Beitrag für unsere Kirche sein?

Bergoglio hat einen Lebensstil, der sich durch Armut, Schlichtheit, Kargheit auszeichnet. Er hat den Bischofspalast verlassen, um wie jeder Priester im Haus der bischöflichen Verwaltung zu wohnen. Sein Kardinalsgewand ist immer noch das seines Vorgängers in Buenos Aires. Er hat es lediglich auf seine Größe anpassen lassen. Alles, was luxuriös erscheinen könnte und wäre, verbittet er sich.

Wenn er sich innerhalb von Buenos Aires bewegt hat, nutzte er immer öffentliche Verkehrsmittel (Metro oder Bus). Es gibt schöne Anekdoten seiner Fahrten in Bus und Metro. Vor allem sonntags früh morgens, wenn er auf dem Weg zum Besuch in einer Pfarrei auf junge Menschen traf, die von ihren Festen und Tanzvergnügen zurückkehrten. Was jedoch am meisten Bedeutung hat, ist seine Hinwendung, seine Nähe zu den Armen, zu den Villas Miserias (Elendsviertel in Argentinien), seine Unterstützung für die Priester, die mit den Armen arbeiten, die Verteidigung von Priestern, die durch die Drogenmafia bedroht werden, der Kampf gegen Menschenhandel, der Kampf gegen die Ausbeutung von Arbeitssklaven, der Kampf gegen Drogen, der Einsatz für Menschen, die ihrer Rechte beraubt wurden, die heftige Anklage von Untätigkeit und Bürokratie, die gerade den Armen ihre Rechte vorenthalten, seine Predigten für die Eingliederung aller Menschen in die Gesellschaft und für die Gleichheit aller, die Unterstützung für Ordensfrauen, die Prostituierten beistehen, etc....  

Seine Predigten und Gedanken zu diesen Themen sind sehr schön. Darüber hinaus sind seine Besuche bei Kranken und Gefangenen stark in Erinnerung. Niemals hat er den Gründonnerstag in der Kathedrale gefeiert. Immer hat er einen Ort gewählt, wo er den Ärmsten und Geringsten die Füße waschen konnte.  

Seine Liebe zu den Ärmsten hat ihn dazu gebracht, die tiefliegenden Gründe der Armut zu kritisieren. Er hat dafür gesorgt, dass die Katholische Universität sehr genau die Wirklichkeit des Landes erforschte. Gemeinsam mit den anderen Bischöfen ist er dieses Thema oft angegangen auf der Suche nach konstruktiven Perspektiven, um nicht lediglich in der Diagnose der sozialen, politischen und ökonomischen Situation Argentiniens stecken zu bleiben. Dieser Einsatz hat ihm die Abneigung einiger Teile der Regierung eingebracht. Sie haben ihn angeklagt, sich in Politik einzumischen, ein ewiger Widersacher zu sein, der ständig die Auseinandersetzung suche. Dem ist nicht so. Leider hat dieses Bild es manchmal erschwert, entspanntere Beziehungen zur Regierung aufzubauen, die trotz aller Beschränkung auch gute Dinge für die Armen getan hat. Dies hat dazu geführt, dass viele, die sich lediglich durch die Massenmedien informieren, ein entstelltes Bild von ihm haben.  

Bergoglio ist ein geistlicher Mensch, kein spiritualistischer. Er ist ein Hirte, kein Parteipolitiker. Er ist intellektuell sehr hellsichtig. Er kann die tägliche Realität gut entziffern und entscheiden, was zu tun ist. Er ist weder naiv noch hintersinnig, so ist es schwer ihn zu täuschen.  

Manche sehr kirchenkritische Kreise, die leider oft der Regierung nahe stehen, haben versucht Bergoglio in eine Nähe zur Militärdiktatur und ihres harten Unterdrückungssystems zu bringen. Sie beschuldigen ihn, nicht genug getan zu haben als Provinzial der argentinischen Jesuiten im Zusammenhang mit der Entführung von zwei Jesuiten. Im Gegensatz dazu vertreten die großen Verteidiger der Menschenrechte in Argentinien, dass Bergoglio nicht in das System der Militärdiktatur verwickelt war (darunter der Friedensnobelpreisträger Adolfo Pérez Esquivel; Graciela Fernández Mejide, Mitglied der Nationalen Kommission Verschwundener Personen, die die Zeugenaussagen von entführten und gefolterten Personen und ihrer Angehörigen gesammelt hat und bestätigt, dass es niemals eine Klage über Bergoglio gegeben hat; Richterin Alicia Oliveira, die davon berichtete, dass Bergoglio viele Menschen gerettet hat und in seiner Kommunität verfolgte Personen versteckte; Mons. Miguel E. Hesayne, in jener Zeit als Bischof von Viedma (Patagonien) einer der führenden Verteidiger der Menschenrechte gegenüber der Militärdiktatur; der Theologe Leonardo Boff und andere...) Ich habe hier auf Menschen und Namen zurückgegriffen, die eine anerkannte moralische Autorität bzgl. dieses Themas genießen, weil sie selbst verfolgt wurden und zur Zeit des unterdrückerischen Regimes der Militärs (1976-1983) eine bedeutende Rolle in der Verteidigung der Menschenrechte hatten. Angesichts der Hartnäckigkeit, mit der Bergoglio die Ärmsten und Geringsten verteidigt, bin ich überzeugt – auch ohne selbst Elemente zu diesem Thema in Händen zu halten – dass es sich um eine schwere Verleumdung handelt mit dem Ziel, das Bild eines Menschen, der bestimmten Interessen im Wege steht, zu verunstalten.  

Zum Schluss möchte ich mit Blick auf das Thema der Armut und der Armen darauf hinweisen, dass nach seiner Wahl einige Bischöfe (darunter auch ich) daran dachten, nach Rom zur Amtseinführung als neuer Papst am 19.3. zu kommen. Überraschenderweise jedoch hat Franziskus in der Apostolischen Nunziatur in Argentinien und am Sitz der Bischofskonferenz angerufen, damit wir nicht kämen, sondern für ihn beteten und dass wir das für die Reise aufzubringende Geld zugunsten der Armen einsetzen sollten. Ich denke, dies war eine Botschaft an die Kirche und an die Gesellschaft, die uns mit Blick auf einen solidarischen Lebensstil an Nüchternheit und Kargheit in unserem Lebensalltag erinnert.

Bischof Virginio Bressanelli SCJ (foto:scj.de)
Bischof Virginio Bressanelli SCJ (foto:scj.de)

In seinen ersten Worten hat Franziskus oft von sich als „Bischof von Rom“ gesprochen, hat nie das Wort „Papst“ benutzt. Hat dies eine Bedeutung, z.B. für die Beziehung der Ortskirchen zur Kirche von Rom?  

Ich glaube, die Zeichen, die Franziskus in seinem ersten Kontakt mit dem christlichen Volk gesetzt hat, waren zahlreich und hinreichend deutlich für alle, die die Diskussionen innerhalb der Kirche verfolgen. Die Tatsache, dass Franziskus sich ausschließlich an die Kirche von Rom wendet, die er dann in den Worten des Hl. Ignatius von Antiochien bezeichnet als jene, „die in der Liebe den Vorsitz aller Kirchen“ hat, gibt einen Hinweis, wie er den Petrusdienst versteht und welche Bedeutung er den Ortskirchen zumisst. Ich glaube, dass dies in der Linie der „Kollegialität“ ist, die er in der Zusammenarbeit mit seinen Weihbischöfen in Buenos Aires, in den Beziehungen zu anderen Diözesen seiner Kirchenprovinz sowie innerhalb der Argentinischen Bischofskonferenz praktiziert hat. Denken Sie nur daran, dass er auch Benedikt als „emeritierten Bischof von Rom“ bezeichnet hat.  

Spirituell und theologisch möchte er sich, so mein Eindruck, in erster Linie als Hirte verstehen, der „mit seinem Volk auf dem Weg ist“ und dessen Macht nicht nach der Art einer politischen Regierung ist oder ihr ähnelt, sondern allein der Kraft des Evangeliums, der Gnade und der Liebe entspringt. Diese drei Elemente wird er übersetzen im Dienst am Wort, in der Erinnerung an die Gemeinschaft mit Christus und der Dreifaltigkeit, im Dienst an den Armen. Die Tatsache, dass er den Segen der Gemeinde erbeten hat, bevor er den Segen als Hirte der Kirche von Rom und der Welt spendet, deutet eigentlich schon die Grundlinien seiner Auffassung von dem an, was er als Nachfolger Petri tun und leben möchte.  

In Argentinien ist Bergoglio bekannt für seine Predigten: kurz, konkret und mit zahlreichen beiläufig übermittelten Botschaften. Er ist ein Mann, der sich ausdrückt durch das, was er sagt, durch das, was er nicht sagt und die Zeichen, die sein Reden begleiten. Auf Spanisch sind seine Reden sehr schön und auch originell. Desöfteren erfindet er neue Worte. Seine Sprache ist jungen Menschen sehr nahe. Dahinter steht eine neue Weise, über wichtige Themen zu sprechen. Auch eine neue Weise, auf die Bedeutung des Evangeliums zu verweisen. Ein guter Teil des Dokumentes von Aparecida ist in seinem Stil geschrieben worden.  

Mit Blick auf die Neuevangelisierung sind seine Optionen sehr klar: die Evangelisierung der Armen mit der Betonung einer volksnahen Pastoral (er spricht von Volkskatholizismus und Volksspiritualität, nicht einfach von Volksreligiösität), Stadtpastoral, Pastoralstil (Freude, Begeisterung, Nähe, innovative pastorale Initiativen...). Die Verkündigung des Evangeliums und der Person Christi ist bei ihm sehr klar und explizit.  

Schließlich: Ich glaube, dass Franziskus große Veränderungen in der Kirche bewirken kann. Ich glaube jedoch, dass er dies auf seine Weise machen wird, in einem langsamen, aber sicheren Prozess. Er geht die Dinge mit starker Hand und Hartnäckigkeit an. Der Glaube an Christus hält ihn dabei aufrecht und er vermag die Wege des Geistes und den Plan Gottes in der Kirche und der heutigen Geschichte zu erkennen. Ich hoffe sehr, dass er gute Mitarbeiter findet, denn einer der Orte, die sich besonders ändern müssen, ist die Römische Kurie. Ich hoffe, dass Europa etwas barmherziger mit ihm umgeht, wenn es um Forderungen an den Heiligen Vater geht, und ihn nicht so leiden lässt wie Papst Benedikt.  

Virginio Bressanelli SCJ, Jahrgang 1942 ist Argentinier und war von 1991 bis 2003 Generaloberer der Ordensgemeinschaft der Herz-Jesu-Priester (Dehonianer). Papst Johannes Paul II. ernannte ihn 2005 zum Bischof von Comodoro Rivadavia (Argentinien) und 2010 wurde er von Papst Benedikt XVI. zum Bischof von Neuquén (Argentinien) ernannt.  

Interview Pater Stefan Tertünte SCJ  


Gottesdienste

Alle Messfeiern in den Häusern der Dehonianer

Unterstützen Sie die Mess- intentionen

Täglich versammelt sich unsere Klostergemeinschaft zur Feier der Hl. Messe. Es ist eine gute, alte Tradition, dass Menschen uns ihre Gebetsanliegen anvertrauen und wir in ihrem Sinne die Hl. Messe feiern. Das wollen wir auch in Zukunft gern tun.

So können Sie uns unterstützen:

Messintentionen (PDF)
Aufnahme in den Messbund (PDF)