Mittwoch, der 22. Februar 2017
SCJ am Sonntag, den 26. Januar 2014 | Die neue Aufgabe von Pater Stefan Tertünte SCJ

„Es wird Zeit, dass die europäische Kultur nicht einfach überall auf der Welt kopiert wird“

Pater Stefan Tertünte SCJ ist seit September letzten Jahres in Rom, jetzt hat er im Generalat des Ordens die Leitung des Dehonianischen Studienzentrums übernommen. Im Interview erzählt der 48-jährige Herz-Jesu-Priester über seine neuen Aufgaben, den Papst und die Rückrunde der Fußball-Bundesliga.

Pater Stefan Tertünte SCJ kam im vergangenen Jahr aus Oberhausen nach Rom (Foto: Winkler)

scj.de: Sie sind seit einiger Zeit in Rom, quasi im Herzen der katholischen Kirche. Wie fühlt sich das für einen Herz-Jesu-Priester an?

Pater Stefan Tertünte SCJ: Vom Herzen der katholischen Kirche bekomme ich gar nicht so viel direkt mit. Im Vordergrund steht für mich die Erfahrung hier in der Zentrale unserer Kongregation. Hier bekomme ich natürlich viel mehr mit von dem, was Mitbrüder in anderen Ländern erleben, welche Themen in den vier Kontinenten die Menschen und Mitbrüder bewegen. Von Rom selbst habe ich noch nicht sonderlich viel mitbekommen. Das kann ich auch ganz gut verkraften, da ich Ende der 90er Jahre schon mehrere Jahre hier gelebt habe. Von daher wusste ich immerhin: Ich komme in eine Stadt, die faszinierend ist! 

Papst Franziskus hat ja eine Welle der Sympathie für die katholische Kirche ausgelöst. Wie wirkt sich das auf den Alltag in Rom aus? 

In der Tat, an dem sogenannten Franziskus-Effekt kommt niemand mehr vorbei – und das ist in mehrerlei Hinsicht gut so! Wir leben hier im sogenannten Generalat und Internationalen Studienhaus unserer Gemeinschaft etwa eineinhalb Kilometer vom Petersplatz entfernt. Jeden Mittwochmorgen zur Generalaudienz des Papstes ist der Verkehr auf der Straße vor unserem Haus ab 8 Uhr lahm gelegt. Auch Rom kommt bei den Massen, die dem Papst begegnen wollen, an seine Grenzen. 

Sind Sie auch so begeistert von ihm?

Zunächst einmal ist der Papst auch für mich ein Zeichen der Hoffnung und der Ermutigung. Dass Veränderungen in der Kirche möglich sind. Und dass der Glaube ein wunderbares Geschenk ist, das dem Leben gut tut! Allerdings: Hinter mancher Begeisterung verbirgt sich auch viel Heuchelei, und außerdem gilt bei ihm wie bei Jesus: Beifall klatschen ändert nichts, mitanpacken ist gefragt!

Luftaufnahme des Generalats der Herz-Jesu-Priester

Sie haben gerade ganz aktuell am 25. Januar eine neue Aufgabe übernommen und sind jetzt Leiter des Dehonianischen Studienzentrums. Was machen Sie da genau?

Der Titel "Leiter des Dehonianischen Studienzentrums" klingt vielleicht etwas zu hochtrabend. In der Tat sind das einige wenige Räume in unserem großen Haus und mehrere Mitbrüder, die sich momentan – und das schon seit Jahren – damit beschäftigen, alles was Leo Dehon, unser Ordensgründer, geschrieben hat, zu digitalisieren, zu scannen und in Zusammenarbeit mit einer Agentur in Bologna dann online zur Verfügung zu stellen. So eine Art Online-Archiv der Schriften unseres Gründers. Da geht es um seine Tagebücher, um seine Briefwechsel mit Familie oder Mitbrüdern, die Bücher zu sozialen Fragen, die er veröffentlicht hat. Selbst Postkarten mit nur drei Worten darauf als Gruß gehören zu diesem Archiv - alles eben, was Dehon in seinem Leben geschrieben hat. Abertausende von Seiten, die erfasst, auf Originaltreue überprüft und zugänglich gemacht werden sollen. Vor allem Kirchenhistoriker oder forschende Mitbrüder in der ganzen Welt haben dann von ihrem eigenen Arbeitsplatz aus Zugang zu allen Schriften. Aber eben auch jeder interessierte Mensch – sofern er einigermaßen französisch versteht…

Neben der Dokumentation der Vergangenheit: Denken Sie dabei auch über die Zukunft  des Ordens nach?

Wir sind eine Ordensgemeinschaft, die immer internationaler wird. Die Mehrzahl der Mitbrüder lebt mittlerweile nicht mehr in Europa. Das hat viele Konsequenzen. Als Leiter des Dehonianischen Studienzentrums heißt das für meine Arbeit: Wie können wir über die Grenzen von Kontinenten hinweg beginnen, miteinander nachzudenken. Zum Beispiel über das Wort Evangelisierung. Da versteht ein Mitbruder in einem immer weniger christlichen Europa doch was ziemlich anderes darunter als ein Indonesier, der von jeher als klitzekleine Minderheit in einem muslimischen Großstaat lebt. Oder auch die Frage, wie wir als Herz-Jesu-Priester beten: Mit Worten oder mit Stille, laut oder leise. Mehr in Gemeinschaft oder jeder für sich. Vieles stammt aus der europäischen Kultur. Es wird Zeit, dass dies nicht einfach überall auf der Welt kopiert wird, sondern die kulturen Eigenheiten zum Zuge kommen. Aber dann darf nicht Stopp sein: Mit unseren kulturellen Eigenheiten müssen wir fähig sein, über Grenzen hinweg miteinander zu leben, zu beten, Dehonianer zu sein. Das ist die eigentliche Herausforderung. 

Welche Anforderungen werden an die Herz-Jesu-Priester in Zukunft gestellt?

Das Motto unseres nächsten Generalkapitels 2015 wird lauten: „Barmherzig, in Gemeinschaft, mit den Armen“ – ich denke, darin stecken die meisten Herausforderungen: Ein Glaube, der barmherzige Liebe als Markenkern hat. Gemeinschaften, in denen dieser Glaube erlebt und gelebt werden kann und die sich den vielfältigen Gesichtern der Armut zuwenden. Nicht nur dafür brauchen wir Mitbrüder, die geistlich, menschlich, fachlich gut ausgebildet sind. Und genau das muss die Herausforderung der nächsten Jahre sein.

Gerade hat die Rückrunde der Fußball-Bundesliga begonnen. Sie sind Fußballfan. Für wen schlägt Ihr Herz? 

Immer noch SC Freiburg. Seit ich in Freiburg den Aufstieg in die Erste Bundesliga mit erlebt habe, gilt dem SC meine absolute Sympathie. Ansonsten gucke ich interessiert, was Klose und Gomez in ihren italienischen Klubs machen. Klose ist ja direkt vor der Haustür!

Schafft Freiburg den Klassenerhalt?

Ich hoffe. Dieses Wunder hat der SC oft genug hinbekommen. 

Zündet man als Ordensmann auch mal eine Kerze für seinen Lieblingsclub an?

Gebete oder Kerzen behalte ich mir für andere Anliegen vor.

Interview: Peter Hummel

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