Montag, der 27. März 2017
SCJ zum Beginn des Konklave, den 12.03.2013 | Die Sicht auf einige Kandidaten und die Situation der Kirche in Lateinamerika.

„Ich hoffe Gott schickt uns einen heiligen Mann.“

Das „Papabile“-Roulette dreht sich bereits seit der Rücktrittserklärung von Benedikt XVI.. Auch unter den Lateinamerikanern gibt es starke Namen, denen eine reale Chance für die Nachfolge auf den Stuhl Petri eingeräumt wird. SCJ.de und Pater Levi dos Anjos Ferreira SCJ aus Rom haben einige Kandidaten und die Situation der Kirche in Lateinamerika näher unter die Lupe genommen.

Papstrücktritt erschüttert Rom (foto:scj.de)
Papstrücktritt erschüttert Rom (foto:scj.de)

Er gilt als stärkster Kandidat aus Lateinamerika: Odilo Pedro Kardinal Scherer. Der Erzbischof von Sao Paolo, der größten Diözese im größten südamerikanischen Land, zählt in seiner Heimat zu den Konservativen.
Das rasante Wachstum der protestantischen Kirchen in Brasilien könnte gegen ihn sprechen. Er ist gradlinig, konservativ und hochgebildet.
In den Kardinalsstand wurde er im November 2007 berufen. Sein Wappen ziert den Spruch: „In meam commemorationem“ („Tut dies zu meinem Gedächtnis!“). Schon die schiere Macht der Zahlen gibt Odilo Scherer Gewicht. 137 Millionen Menschen zählt die katholische Landeskirche in seinem Heimatland. Und rund 80 Prozent der 500 Millionen Lateinamerikaner sind katholisch. Somit stellt der Kontinent fast 42 Prozent der Katholiken weltweit. Er fungiert zudem als Vorsitzender der brasilianischen Bischofskonferenz. Dieses Mal sind viele Konklave-Teilnehmer, die von dem Kontinent stammen, sehr nahe an der Altersgrenze. Scherer ist mit 63 Jahren einer der Jüngsten, und er ist als Angehöriger von sechs Räten respektive Kongregationen in Roms Kurie bestens eingeführt. 

Auch der brasilianische João Kardinal Braz de Aviz darf sich Chancen ausrechnen. Papst Johannes Paul II. berief ihn 2004 zum Erzbischof von Brasília. Der 65-jährige ist für seine offene Sprache und klare Predigten bekannt. Der frühere Erzbischof der Hauptstadt Brasília prangerte mehr als einmal die Korruption in seinem Land an. Der emeritierte Papst Benedikt XVI. berief ihn Anfang 2012 zum Kardinal. Er ist in Rom Präfekt der Kongregation für die Institute geweihten Lebens und für die Gesellschaften apostolischen Lebens.
Sein Wappen ziert den Spruch aus dem Johannes-Evangelium (Joh 17,21): „Alle sollen eins sein“. Er spricht neben Latein und Portugiesisch auch Deutsch, Spanisch und Englisch. 

Leonardo Kardinal Sandri aus Argentinien ist 69 Jahre und kam als Kind italienischer Eltern in Buenos Aires zur Welt. Von 2000 bis 2007 hatte er den dritthöchsten Posten der Kirche als Stabschef des Vatikans inne. Er lebt und arbeitet schon lange im Vatikan, daher spricht für Sandri vor allem, dass er die römische Kurie sehr gut kennt. Sollte das Kardinalskollegium sich für eine Fortsetzung des bisherigen Kurses und damit gegen die von vielen Seiten geforderte Kurien-Reform aussprechen, ist er wohl einer der aussichtsreichsten Kandidaten. Politisch gilt Sandri als Konservativer in der Tradition Benedikts XVI. und Johannes Pauls II., gleichzeitig aber auch als offen für neue Ideen. 

Óscar Andrés Kardinal Rodríguez Maradiaga aus Honduras wurde zeitweise als aufgehender Stern der lateinamerikanischen Kirche gefeiert. Seit seiner Berufung zum Kardinalsstand 2001 ist er eine der herausragenden Persönlichkeiten der Kirche Lateinamerikas. Der 70-jährige hat sich in seinem Land für die Rechte der Armen und gegen Korruption eingesetzt. Allseits anerkannt, wird er oft bei Konflikten als schlichtende Figur aufgesucht. Theologisch ist er eher konservativ, aber gesprächsoffen. Er spricht neben Spanisch und Latein auch Portugiesisch, Französisch, Englisch, Deutsch und Italienisch.  

Jorge Maria Kardinal Bergoglio ist 76 Jahre alt und Argentinier. Er macht sich für sozial Schwache stark. Der jesuitische Erzbischof von Buenos Aires galt schon 2005 als aussichtsreicher Bewerber und soll damals immerhin 40 Stimmen im Konklave erhalten haben. Es ist schwer abzuschätzen, ob es ein Nachteil oder ein Vorteil ist, dass Bergoglio Jesuit ist. Als „Kardinal der Armen“ nutzt er öffentliche Verkehrsmittel und verzichtet auf Prunk.

Pater Levi dos Anjos Ferreira SCJ (foto:Daniel Biskup)
Pater Levi dos Anjos Ferreira SCJ (foto:Daniel Biskup)

Was der Papst aus Lateinamerika verändern würde

SCJ.de: Wie würden Sie die Situation der Kirche in Lateinamerika beschreiben? Pater Levi dos Anjos Ferreira SCJ: Es ist eine sehr charismatische und offene Kirche, jedoch kann man in letzter Zeit immer mehr eine Ausrichtung und Orientierung an Rom feststellen. Es ist nicht mehr so eine soziale Option wie früher zu spüren, sondern es wird viel mehr darauf geachtet, was der Papst schreibt und sagt. Das ist nicht schlecht, aber es ist interessant, diese Wende zu beobachten. Insbesondere auch in der Liturgie. Man orientiert sich an der Liturgie in Rom: Die Kleidung, wie sich die Priester bewegen oder wie sie feiern. Ich merke, dass man manchmal ein wenig die lateinamerikanischen Wurzeln vergisst. Außerdem gibt es noch das Problem mit den großen Sekten, die jedoch in letzter Zeit viel an Glaubwürdigkeit verloren haben und viele Menschen sind wieder zurück zur katholischen Kirche gekommen.  

Was würde es für die Kirche in Lateinamerika bedeuten, wenn ein Kardinal aus ihren Reihen Papst werden würde?
Wenn der Papst seine Priorität auf die Diakonie legt und noch mehr zu den Menschen geht, dann werden die Kirchen wieder voller werden. Die Kirche könnte noch aktiver und engagierter werden. Ich denke es werden wieder viele Menschen wegen dem Stolz und der Begeisterung zurück in die Kirche kommen. Außerdem denke ich, dass viele Klischees über Lateinamerika verschwinden würden. Viele Menschen denken, dass die Kirche an Strenge in Fragen der Sexualität, des Frauenpriestertums oder des Zölibats verlieren würde. Aber das nicht so. Solche Klischees würden eventuell aufhören.  

Welche Unterschiede gibt es zwischen einem Papst in Europa und einem aus ihrem Land?
Die lateinamerikanischen Kardinäle sind volksnäher als die Europäer. Sie sind weniger mit der Verwaltung und dem Lehren beschäftigt und gehen noch mehr zu den Menschen. Sie haben mehr das Gespür den Menschen zu helfen und ihnen nahe zu sein. Es würde andere Impulse gegeben werden. Ein Papst aus Europa müsste ebenfalls sehr auf Lateinamerika eingehen.  

Nächstes Jahr ist der Weltjugendtag in Brasilien. Inwiefern würde es die Stimmung im Land beeinflussen, wenn der Papst aus Brasilien kommen würde? Das wäre eine sehr schöne Sache, wenn einer aus unserer Heimat Papst werden würde und in unserer eigenen Sprache zu den Brasilianern sprechen würde. Es würden sich noch mehr Menschen für den Weltjugendtag und die Kirche engagieren, um diese einmalige Gelegenheit perfekt zu machen und in Erinnerung zu behalten. Es geht dabei nicht um einen rein nationalistischen Gedanken.

Pater Levi dos Anjos Ferreira SCJ (foto:scj.de)
Pater Levi dos Anjos Ferreira SCJ (foto:scj.de)

Was für ein Papst müsste der neue Heilige Vater sein?
Ich habe nicht die Illusion, dass ein neuer Papst sofort viele Änderungen vornimmt, so wie es viele Menschen wollen. Er müsste natürlich offen für den Dialog mit der Welt sein. Er müsste sehr offen über viele verschieden Dinge und Themen der Gesellschaft in Europa oder Afrika reden. Er müsste einer sein, der spontan entscheidet, offen kommuniziert und sein Herz offenbart. So wie uns auch die Herzlichkeit und die Art und Weise von Johannes Paul II. gefallen hat. Auch müsste er sich überlegen, wie er mit den aufkommenden Sekten in Lateinamerika umgehen könnte. Ich würde mir wünschen, dass der neue Papst ähnlich wie Benedikt XVI. die Betonung auf die Spiritualität, das Gebet und die gelebte Spiritualität legt. Ich würde mir vor allem auch wünschen, dass er noch mehr Wert auf die Diakonie legen würde: „Gehet zu den Menschen.“ 

Wie könnte der Beitrag zur Neuevangelisierung bei einem Papst aus Lateinamerika im Gegensatz zu einem Europäer aussehen?
Er würde aus seiner Erfahrung heraus eine andere Art der Evangelisierung bevorzugen. Mit dem lateinamerikanischen Blick würde er anders und offener auf die Menschen zugehen. Er wäre wohl volksnäher. Sein Engagement zu den Menschen wäre noch größer. Ich sage nicht, dass der Beitrag besser wäre, sondern er wäre von der Spiritualität her, anders.   Wie hoch schätzen sie die Chancen für einen Papst aus Lateinamerika ein? Die Kardinäle könnten schon denken, dass es einen anderen Blick auf die Kirche geben könnte. Jedoch spekuliert die Presse einfach sehr viel. Ich denke, dass es dennoch sehr schwer wird für einen Kardinal aus Lateinamerika, weil der Vatikan und die Kurie schon noch sehr europäisch sind.

Welcher „Papabile“ ist ihr Favorit?
Ich habe keinen Lieblingskandidaten. Ich bin wirklich gespannt. Wenn ich unbedingt einen Papst aus Lateinamerika oder Brasilien haben wollen würde, wäre ich zu egoistisch. Ich bin offen und bete, dass Gott uns einen heiligen Mann schickt. Ich lasse den Heiligen Geist wirken.

Matthias Biallowons


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