Donnerstag, der 23. Februar 2017
SCJ Aktuell 13. Dezember 2015 | Generaloberer
Der neue Generalrat der Herz Jesu Priester. Foto: scj.de

Inerview

"Am Anfang ist es wichtig zu hören, zu hören, zu hören"

Ein halbes Jahr ist inzwischen seit seiner Wahl zum Generaloberen vergangen. Pater Heiner Wilmer SCJ erzählt im Interview, wie er die ersten Monate in seinem neuen Amt erlebt, und was diese Zeit geprägt hat.

 

Pater Heiner Wilmer SCJ, was hat sich für Sie nach Ihrer Wahl zum Generaloberen verändert?



Sehr viel. Ich lebe nicht mehr in Deutschland, sondern in Italien, einem sehr schönen, warmherzigen und mediterranen Land. Ich habe mich hier sehr gut eingelebt, fühle mich wohl und bin von meinen Mitbrüdern herzlich aufgenommen worden. Es ist für mich vor allem eine neue Erfahrung, in einem anderen Land zu arbeiten. Hier wird entweder Englisch oder eben Italienisch gesprochen. Im Juli und August war ich in Bologna, um mein italienisch aufzufrischen. Ich hatte jeden Tag 90 Minuten lang Privatunterricht und hab in dieser Zeit viel gebüffelt. Gleichzeitig wuchs die Arbeit des Generalats, auch aus der Ferne. Durch die digitalen Medien, Skype wie auch dem bewährten Telefon ist das problemlos möglich. 

Meine Arbeit als Generaloberer ist sehr viel komplexer geworden als meine Aufgaben, die ich als Provinzial hatte. Als Provinzial ging es im Wesentlichen darum, mich um die Mitbrüder und die Menschen, die uns in Deutschland anvertraut sind, zu kümmern. Die Herz-Jesu-Priester sind in 43 Ländern und in vielen Provinzen auf allen Kontinenten, außer Australien, vertreten. Die Entfernungen sind nun deutlich größer. Größer sind auch die kulturellen Unterschiede. Ich stehe immer wieder vor der Frage, ob man eine Aussage für alle gleichermaßen treffen kann, da viele verschiedene Kulturen, Lebenssituationen und Lebensstile berücksichtigt werden wollen. Das Haus, in dem ich jetzt in Rom mit 50 Mitbrüdern lebe, ist viel größer. Meine Arbeit ist komplexer geworden, gleichzeitig unterstützen mich aber auch mehr Personen in der Leitung. Das ist sozusagen die gute Nachricht bei allen Herausforderungen. Unser Team hier ist nicht nur gut, es ist exzellent. Es besteht aus der Generalleitung im engen Sinne, dazu gehören die fünf Räte. Wir sprechen hier oft von der Kurie, in der elf Personen arbeiten. Dazu gehört der Generalökonom und das ganze Generalsekretariat mit vier Mitarbeitern sowie der Generalprokurator, der unser Verbindungsmann zum Vatikan ist. Er ist auch für die verschiedenen Seligsprechungsprozesse innerhalb unserer Ordensgemeinschaft zuständig.
Obwohl ich aus Norddeutschland stamme, liebe ich die Sonne und genieße das mediterrane Klima Italiens und freue mich, nun viel mehr Sonnentage als in Deutschland zu erleben.


Würden Sie sagen, dass Sie auf Ihre neue Aufgabe vorbereitet waren, da ja die Herz-Jesu-Priester in Deutschland ja auch international aufgestellt sind?


Dieses Urteil wird man wahrscheinlich später besser fällen können, aber ich fühle mich aus zwei Gründen gut vorbereitet: Ich war 17 Jahre lang in der Leitung tätig. Neun Jahre davon in der Schulleitung in Handrup, ein großes Gymnasium mit 1300 Schülern und 90 Lehrern. Natürlich ist das etwas anderes, als eine Ordensgemeinschaft zu leiten, aber auch hier sind Kommunikation und Planung, Mitarbeitergespräche sowie Entwicklung von Visionen wichtige Aufgaben. Anschließend leitete ich acht Jahre lang die Deutsche Ordensprovinz. Auch wenn diese Provinz mit etwa 50 Mitbrüdern gar nicht so groß ist, waren wir immer sehr gut vernetzt. Sehr wertvoll war für mich auch, dass wir das wichtige Projekt „Brasilien und Deutschland im Austausch“ weiter gefördert und ausgebaut haben. Ohne die brasilianischen Mitbrüder in der Deutschen Ordensprovinz wäre heute vieles vielleicht schon gar nicht mehr möglich. Sie bringen wertvolle Impulse und Visionen ein, wodurch sich die Deutsche Ordensprovinz geöffnet hat. Die brasilianischen Mitbrüder haben uns eine neue Art auf Menschen zuzugehen gelehrt. Genauso entscheidend und wichtig ist die stärkere Zusammenarbeit mit der Polnischen Ordensprovinz in den letzten Jahren. Wir haben inzwischen polnische Mitbrüder, die in unseren Kommunitäten in Deutschland leben und an unseren Projekten teilnehmen. Ein wunderschönes Beispiel dafür ist Berlin, unsere international zusammengesetzte Ordensniederlassung. Im Augenblick besteht sie aus Mitbrüdern aus Brasilien, Polen und Deutschland. 


Wodurch war nun Ihr erstes halbes Jahr als Generaloberer der Herz-Jesu-Priester geprägt?



Die ersten sechs Monate als General waren sehr dicht. In dieser Zeit ging es darum, das Team zu bilden. So waren wir mit allen elf Personen der Ordensleitung für eine Woche in Briatico in Süditalien unter dem Motto: „Wir machen alles, außer arbeiten“. Wir hatten das Ziel, uns gegenseitig gut kennenzulernen. Die ersten beiden Tage haben wir einander unsere Geschichte erzählt. Woher ich stamme, in welchem Land und welcher Familie meine Wurzeln sind und wie es dazu kam, dass ich heute im Orden der Herz-Jesu-Priester bin. Dabei habe ich festgestellt, dass in der neuen Leitung drei von den elf Mitbrüdern aus muslimischen Familien kommen. In einem dritten Schritt haben wir uns über unsere Erfahrungen und Talente ausgetauscht und in einem vierten Schritt mit der Frage beschäftigt, wie wir als Gemeinschaft leben wollen und was wir uns von der Kommunität wünschen. Wir haben uns vorgenommen, uns jeden Mittwochabend, nach getaner Arbeit, Zeit für gemeinsames Bibellesen, für persönliche Gespräche und hin und wieder einem gemeinsamen James-Bond-Abend nehmen. 

Was ist Ihnen selbst wichtig?

Ich brauche Zeiten, in denen ich mich auf die Begegnung mit meinen Mitbrüdern freuen kann, ohne dass dies mit einem Arbeitseinsatz verbunden ist – Zeit, mit den anderen zu reden, sie zu fragen: „Wie war Dein Tag? Was hast Du erlebt? Wie geht es Dir? Was macht Deine Familie?“ Und dass ich das auch gefragt werde. Ich brauche hin und wieder Zeiten der Ruhe. Ich merke dies vor allem dann, wenn wir viele Gäste haben – alle möchten zum General, um ihn kurz zu sehen und ein paar Worte mit ihm zu sprechen. Das ist natürlich sehr schön, aber ich benötige auch Zeit für mich, zum Lesen, zum Nachdenken, für das Gebet und ich brauche frische Luft und die Natur. 

Haben Sie im vergangen halben Jahr bereits neue Akzente gesetzt?

Mir war es am Anfang vor allem wichtig zu hören, zu hören, zu hören. Im ersten Jahr ist es gut, sich die Situation zunächst anzuschauen, alles kennenzulernen, Gespräche zu führen und erste Eindrücke  auf einen wirken zu lassen. Dennoch sind schon einige Entscheidungen gefallen. Personalentscheidungen zum Beispiel wurden getroffen – in vielen Gebieten standen Wahlen an. Seit Ende August haben wir einen neuen Generalökonom und ein neuer Vizegeneralsekretär wurde ernannt. Eine sehr große Entscheidung wurde innerhalb der vergangenen sechs Wochen auf den Weg gebracht, der sogenannte „Programmatische Brief“. Dieser Brief umfasst vier Seiten, dahinter steht ein Aktionsplan mit Zielen und Schritten zur Umsetzung. Er beinhaltet die Akzente, die wir setzen wollen und wie wir die Kongregation in den nächsten sechs Jahren leiten und begleiten möchten. Beispielsweise haben wir darin festgelegt, dass alle Mitbrüder weltweit wenigstens eine zweite Sprache sprechen müssen. Englisch wird die Sprache in der gesamten Kongregation sein. Wir wollen Französisch fördern, um die Identität mit unserem Stifter zu bewahren und genügend Mitbrüder zu haben, die unsere Ursprungsdokumente im Original lesen können. Alle Mitbrüder, welche die ewigen Gelübde ablegen, sollen schriftlich ihre Bereitschaft, in die Mission zu gehen, äußern.

In Spanien, in Valenzia, haben wir uns als Ordensleitung von Professoren der ESIC-Buisness and Marketing School in Internationaler Kommunikation und Marketing schulen lassen, vor allem was effiziente Teamarbeit in international zusammengesetzten Teams angeht, die an internationalen Projekten arbeiten. Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt war die Frage des check-up: Wer kümmert sich um ein Projekt, das nach viel Vorbereitung und großen Konferenzen auf den Weg gebracht ist und fragt nach, wie es läuft und was zum Erfolg benötigt wird? Eine hilfreiche Begleitung solcher Großprojekte und deren Evaluation soll gewährleistet werden.

Sie werden ab Januar viel unterwegs sein, wo führt Sie Ihre Reise hin? 

Ich fliege am 21. Januar mit Pater Stephen Hufstetter SCJ, dem neuen Generalrat nach Indien. Dort wollen wir mit den Mitbrüdern vor Ort reden, werden an einer Priesterweihe teilnehmen aber vor allem auch den Distrikt kennenlernen. Um den 12. Februar reisen wir dann weiter nach Buenos Aires in Argentinien und verbringen dort ein paar Tage, bevor wir Uruguay besuchen. Pater Hufstetter SCJ wird anschließend nach Chile fliegen, während es für mich direkt weiter nach Südafrika geht. Dort treffe ich Pater Léopold Mfouakouet SCJ, den zuständigen Generalrat für Afrika, besuche unser großes Studienhaus in Petermaritzburg und die Südafrikanische Provinz. Anschließend fliege ich zurück nach Rom. 

Haben Sie die Möglichkeit an Weihnachten oder in nächster Zeit Ihre Familie zu besuchen?

Ja, das habe ich bereits geplant und gebucht. Ich fliege vor Weihnachten nach Deutschland, werde jedoch nicht herumreisen, sondern in Handrup bleiben. Ich stamme aus der Nachbarschaft und kann von dort aus meine Familie besuchen. Das wird der erste Besuch in Deutschland seit meiner Wahl. Direkt im Anschluss konnte ich nur für wenige Tage hier sein, um das Büro zu übergeben, ein paar kranke Mitbrüder zu besuchen, mich von meiner Familie zu verabschieden und um Koffer zu packen, um dann fast fluchtartig das Land wieder zu verlassen. Bisher war ich an Weihnachten immer in der Kommunität, aber hier in Rom ist das anders. Über Weihnachten fliegt fast die ganze Leitung aus, weil in dieser Zeit deutlich weniger Arbeit anfällt und Zeit für Heimatbesuche ist.

Interview: Regina Maria Schwarz; Redaktion: Peter Hummel

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