Montag, der 27. März 2017
SCJ Aktuell 9. November 2015 | Palliativmedizin und Hospizarbeit
Dr. Christoph Götz, Leier des Exerzitien- und Bildungshauses der Herz-Jesu-Priester in Neustadt. Foto: scj.de

Sterbehilfe

Menschen in der letzten Phase ihres Lebens helfen – aber wie?

Was tun, wenn ein Patient an einer tödlichen Krankheit leidet? Wenn keine Hoffnung mehr auf Heilung besteht? Wenn das Leben bestimmt ist von Schmerz und Leid? Am Freitag wurde im Bundestag ein Gesetz zum Thema Sterbehilfe verabschiedet. Dr. Christoph Götz leitet das Exerzitien- und Bildungshaus der Herz-Jesu-Priester in Neustadt. Er hat sich mit dem schwierigen Thema Sterben und Sterbehilfe auseinander gesetzt. Im Interview erklärt er, was die gesetzliche Neuregelung beinhaltet und welche Alternativen es zum assistierten Suizid gerade in der Palliativmedizin und der Hospizarbeit gibt. 

 

 

Im Bundestag ist am Freitag über die Frage der Sterbehilfe abgestimmt worden. Das Ergebnis ist ein Verbot der geschäftsmäßigen Suizidbeihilfe, jedoch Straffreiheit für den assistierten Suizid. Haben Sie mit dieser Entscheidung gerechnet?

 

Es ist der Gesetzentwurf, dem man meiner Meinung nach noch am ehesten hat zustimmen können, gerade auch aus christlicher Sicht. Das Anliegen, die geschäftsmäßige Suizidbeihilfe zu verbieten, ist grundsätzlich zu begrüßen. Das schließt ein Verbot sogenannter Sterbehilfevereine ein, die mehr und mehr an Popularität gewinnen und mit denen viel Geld verdient werden kann. Das Problem, das seitens der Ärzteschaft immer wieder formuliert wird und das ich auch nachvollziehen kann, ist, dass damit unter Umständen auch Palliativmediziner in den Verdacht einer Straftat kommen, wenn sie ihre Arbeit in der Palliativmedizin verrichten. Ein Arzt, der einmal Hilfe in Form einer passiven Sterbehilfe gewährt, der wird keine Probleme bekommen. Aber wenn ein Palliativmediziner, der täglich mit schwerstkranken und sterbenden Menschen zu tun hat, öfter so eine Entscheidung – auch im Sinne der passiven Sterbehilfe – zu treffen hat, könnte das schon als geschäftsmäßige Suizidbeihilfe ausgelegt werden. Das wäre natürlich für diesen Personenkreis sehr schwierig und würde statt einer Rechtssicherheit eher zu einer Unsicherheit führen. Problematisch wird es vor allem, wenn Schmerzmittel verabreicht werden, die unter Umständen den Tod schneller herbeiführen können. Es scheint nicht ganz leicht zu differenzieren, wo genau ein assistierter Suizid vorliegt, und wo nicht. Hätte man mich gefragt, so hätte ich momentan nichts geändert. Ich fand die bisherige Regelung bezüglich der Suizidbeihilfe besser: keine strafrechtliche Regelung, da der Suizid ja kein Straftatbestand ist – und somit auch nicht die Suizidbeihilfe, sondern eine Regelung wie bisher über das ärztliche Standesrecht und natürlich über die einschlägigen Paragrafen aus dem BGB oder dem Strafgesetzbuch da, wo es um Tötungsdelikte oder unterlassene Hilfeleistung geht. 

 

Welche Folgen könnte diese Entscheidung für die Patienten haben? Werden sie dem Bereich der Palliativmedizin künftig vielleicht misstrauisch gegenüberstehen?

 

Es ist generell bei der ganzen Debatte zu befürchten, dass in dem Moment, in dem etwas in ein Sterbehilfegesetz gegossen und rechtlich etabliert wird, ein gesellschaftliches Regelmodel entsteht, auf das der Einzelne Anspruch hat oder in das er sich hineingedrängt fühlt. Das ist dieses berühmte „Dammbruchargument“. Je mehr der assistierte Suizid zur „Regelleistung“ wird, besteht natürlich die Gefahr, dass sich Menschen dazu gedrängt fühlen, diese Leistung auch anzunehmen. Gründe dafür sind beispielsweise, den Verwandten nicht zur Last fallen zu wollen oder die Sorge, ein Kostenfaktor für die Gesellschaft zu werden. Insofern weist die jetzt beschlossene Regelung sicher in die richtige Richtung, wenngleich sich dadurch einige Menschen auch in ihrem Selbstbestimmungsrecht eingeschränkt sehen werden.

 

Wie sieht die Haltung der Kirche bei diesem Thema aus?

 

Zunächst wird die Kirche das Anliegen sicher begrüßen, die geschäftsmäßige Suizidbeihilfe zu verbieten. Grundsätzlich aber lehnt die Kirche den Suizid ab und demzufolge auch jede Form der Beihilfe dazu. Wenn ein Gesetz nun die geschäftsmäßige Suizidbeihilfe verbietet, kann die Kirche nichts dagegen haben, aber es ist auch nicht vollumfänglich das, was die Kirche möchte. Die Kirche versteht den Menschen als Geschöpf Gottes, der das Leben aus der Hand Gottes empfängt. Allein Gott ist es, der dieses Leben wieder zurückfordern kann. Der Mensch selbst darf nicht über Leben und Tod entscheiden. Deshalb lehnt die Kirche ganz entschieden jegliche Form des Suizids ab und damit auch jede Form der aktiven Sterbehilfe. So wird die Kirche zwar mit diesem Gesetz leben können, aber es muss sich zeigen, wie es sich in der Praxis bewährt.

 

Worauf hoffen Sie angesichts dieses schwierigen Themas des menschenwürdigen Sterbens?

 

Meine Hoffnung liegt genau in dem, was mit dem Hospiz- und Palliativgesetz am vergangenen Donnerstag beschlossen wurde: Dass der Hospizgedanke mit der palliativmedizinischen Betreuung weiter um sich greift, die Versorgung am Lebensende optimiert wird und wir in unserer Gesellschaft ein dichteres Netz an palliativmedizinisch gut versorgten Hospizen erreichen. Auf diese Weise könnten Schwerkranke die Unterstützung erhalten, die sie sich wünschen und der in unserer Gesellschaft weit verbreitete Wunsch nach Sterbehilfe – auch nach der aktiven Sterbehilfe – eingedämmt werden. In den Niederlanden und in anderen Ländern, in denen sogar die aktive Sterbehilfe gestattet ist, werden immer mehr Stimmen laut, die sagen, diese Entscheidung sei ein Fehler gewesen, weil der Damm immer weiter bricht, der gesellschaftliche Druck auf betroffene Menschen immer größer wird und das, was eigentlich erreicht werden sollte, nicht erreicht wurde.

 

Was leistet Hospizarbeit?

 

Die Hospizarbeit will Menschen helfen, die sich in der terminalen Phase ihres Lebens befinden. Ihnen soll ermöglicht werden, dass sie diese Wegstrecke in einem möglichst familiären Umfeld verbringen können, in welchem sie sich gut aufgehoben fühlen. Wenn es möglich ist, dann auch in den eigenen vier Wänden – dazu gibt es die ambulante Hospizarbeit. Sterbende sollen sich optimal versorgt wissen, die bestmögliche Schmerztherapie erhalten – dazu ist die Hospizarbeit ganz eng mit einer guten palliativmedizinischen Betreuung verbunden – so dass sie nicht auf aktive Sterbehilfe zurückgreifen müssen. Passive Sterbehilfe kann dabei natürlich eine Rolle spielen, insofern als dass Schmerzmittel verabreicht werden können, die die Lebensdauer unter Umständen verringern. Dies ist aber nicht intendiert, die Intention liegt ganz klar bei der Schmerzbekämpfung. Laut Medizinern ist es in den allermeisten Fällen möglich, Menschen in der letzten Lebensphase mit entsprechender medizinischer und hospizlicher Betreuung einen Sterbeprozess ohne unerträgliche Schmerzen zu ermöglichen. Genau hiervor haben ja viele Menschen Angst: Dass sie qualvoll in irgendeiner Klinik, allein in einem anonymen Umfeld sterben müssen. Die Hospizarbeit will erreichen, dass Menschen in einer so angenehmen Atmosphäre wie möglich ihren letzten Weg gehen können. Man will ihnen helfen, letzte Dinge noch zu ordnen. Wer dies wünscht, hat Ansprechpartner von medizinischer, psychologischer, pflegerischer und auch kirchlicher bzw. spiritueller Seite.

 

Für Angehörige ist so ein Sterbeprozess oftmals auch sehr schwierig und mitunter sehr schmerzhaft. Werden sie in der Hospizarbeit ebenfalls aufgefangen?

 

Die Hospizarbeit möchte das gesamte Umfeld, soweit dies möglich ist, einbeziehen. Voraussetzung ist natürlich, dass noch Angehörige da und auch willens sind, sich um diesen sterbenden Menschen zu kümmern. Das Hospizpersonal bemüht sich dann auch, Kontakt zu Angehörigen herzustellen, wenn dies gewünscht ist. Es gibt Menschen, die gerade in ihrer letzten Lebensphase noch etwas regeln oder noch ein Gespräch führen möchten, welches sie bisher aufgeschoben haben. Das gesamte Personal, einschließlich der vielen ehrenamtlichen Hospizhelfer, ist bemüht, das familiäre Umfeld des schwer Erkrankten mit in diesen letzten Lebensabschnitt einzubinden. Alle streben danach, diesen Abschied menschenwürdig zu gestalten und nach dem Sterbefall den Angehörigen auch in ihrer Trauer beizustehen.

Wer mehr über das Thema Hospizarbeit erfahren möchte, ist herzlich eingeladen im Herz-Jesu-Kloster in Neustadt an der Abendgesprächsreihe zum Thema „Wir sind nur Gast auf Erden“ teilzunehmen. Nähere Informationen finden Sie hier.

Interview: Regina Maria Schwarz; Redaktion: Peter Hummel

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