Montag, der 27. März 2017
SCJ Aktuell 17. Oktober 2015 | Familiensynode
Ute Eberl ist Familienreferentin im Erzbistum Berlin. Foto: Markus Nowak/scj.de

Familienpastoral heute

„Die Kirche dockt an die Lebenswelt von Familien an“

Zur Zeit beraten die Bischöfe auf der Synode im Vatikan über Ehe und Familie. Vor einem Jahr war auch Ute Eberl selbst "Auditrix", also Gasthörerin, der Synode und damit die einzige deutsche Teilnehmerin. Die Diplom-Theologin ist Leiterin der Familienseelsorge im Erzbistum Berlin und spricht im Interview mit scj.de über die Bedeutung der Familie, die Rolle der Orden in der Familienpastoral und Haustiere im Gottesdienst. Das Gespräch führte Markus Nowak.

scj.de: Frau Eberl, Deutschland gehört zur traurigen Spitzengruppe, wenn es um Ehescheidungen und niedrige Geburtenraten angeht. Wie steht es um die „Familie“ in unserer Gesellschaft?

Eberl: Die Wertschätzung  der Familie ist ungebrochen hoch. Die allermeisten Menschen wünschen sich ein Leben in der Familie und aus den Jugendstudien wissen wir, dass für die meisten Jugendlichen und jungen Erwachsenen eine verlässliche Partnerschaft  und  Kinder zum Traum vom erfüllten Leben gehören. Gleichzeitig ist aber  in unserer Gesellschaft  so eine Haltung wie ‚unterm Strich zähl‘ ich‘ durchaus salonfähig, man kann das auch Selbstoptimierungszwang nennen. Dieser Grundmelodie zu widerstehen ist eine echte Herausforderung. Denn Familie lebt aus den altmodisch klingenden, aber topaktuellen Werten wie Verlässlichkeit und Treue, Verantwortung und Hingabe. In der Familie lernen Kinder doch das 1 x 1 des Lebens. Der Auftrag, den Kindern ihren Eltern geben, heißt: zeigt uns, wie man durchs Leben geht, zeigt uns wie man sich miteinander freut und feiert und zeigt uns auch ,wie man damit klarkommt, wenn man Niederschläge erleidet oder traurig ist.

 

scj.de: Was macht also Familie aus?

Eberl: Familie ist wie sie ist. Familie ist nie richtig oder falsch. Sie ist ein ziemlich lebendiger Organismus, der manchmal mit sich im Reinen ist und manchmal in Aufruhr. Das gilt für die klassische Familie genauso wie für Patchworkfamilien, alleinerziehende Väter oder Mütter, aber auch für die erwachsenen Kinder, die sich um ihre Eltern kümmern. 

 

scj.de: Vor welchen Herausforderungen stehen Familien heute?

Eberl: In Deutschland können Männer wie Frauen, können Paare wählen, wie sie leben wollen. Diese Freiheit ist ein hohes Gut! Das heißt aber auch: es gibt kein gesellschaftliches Stützkorsett mehr. Die Ehe ist ein zerbrechliches Gefäß. Entscheiden Paare sich für die Ehe, müssen sie eine große Herausforderung meistern: wie können wir als Paar auf Augenhöhe miteinander leben? Wie können wir das Leben mit Kindern gestalten? Die Rollen in Ehe und Familie sind nicht mehr festgelegt, sie müssen ausdiskutiert werden. Viele Paare wollen sich die Aufgaben im Haushalt, mit den Kindern, im Beruf teilen. Und dann kann es schon kräftig krachen, wenn die eine oder der andere vergisst, die Spülmaschine auszuräumen…

scj.de: Wie steht es um die Unterstützung der Familie durch die Politik und Gesellschaft?

Eberl: Es gibt eine neue Aufmerksamkeit für die Familie. Das sehen wir beim Ausbau der Kitas bundesweit. Und aufmerksame Arbeitgeber wissen, dass sie sich auf die Bedürfnisse von Familien einstellen müssen. Zum Beispiel können Eltern, wenn ihr Kind krank ist, für die Betreuung ihres Kindes 10 Tage frei nehmen. Nur halten sich Scharlach, Grippe und Keuchhusten nicht an solche Zeiten. Dann muss die Betreuungsfrage zwischen den Eltern ausgehandelt werden und wer Großeltern in der Nähe hat, der wird sich überglücklich schätzen. Eltern formulieren schon auch mal ironisch: jetzt wird unser Familie marktkonform gemacht. Die Anpassung der Familie an den Arbeitsmarkt ist nämlich die andere Seite der neuen Aufmerksamkeit für Familien.

scj.de: Welche Rolle nimmt dabei die Kirche ein?

Eberl: Eine hervorragende! Die verschiedenen Einrichtungen der Kirche leisten Großartiges. Denken Sie nur an die Kindertagesstätten, an Kinder- und Jugendgruppen, an Sommerfreizeiten oder Großeltern-Enkel-Nachmittage: all das unterstützt Familien in ihrem Alltag. Jeder offene Pfarrsaal, in dem sich Familien treffen können, ist Familienseelsorge. Kluge Seelsorger und Seelsorgerinnen unterstützen  Paare und Familien, wie sie in ihrer Beziehungsfähigkeit unter den heutigen Bedingungen wachsen können, sie fragen kritisch nach, wenn der Selbstoptimierungszwang überhandnimmt, und sie entlasten vor allem: die Annahme durch Gott müssen wir uns nicht verdienen, die ist geschenkt.

scj.de: Was kann Kirche also für Familien leisten?

Eberl: Sie kann sich zuallererst vor  Familien verneigen. Wenn Verantwortliche in den Gemeinden sich vor Augen führen, was Familien schon alles leisten müssen, bevor da irgendjemand von der Kirche mitredet – als Paar miteinander klar kommen, als Eltern tausende von Entscheidungen treffen, kurze Nächte durchstehen, weil das Baby schreit oder die jugendliche Tochter mit Liebeskummer oder zu viel Alkohol im Blut nach Hause kommt, und, und, und – dann ist die vorrangige Aufgabe der Gemeinde, vor Familien den Hut zu ziehen und sie auf ihrem Weg immer wieder zu ermutigen. Familien spüren es, wenn ihnen mit Wertschätzung begegnet wird! Familien brauchen Begegnungsräume mit anderen Familien, denn niemand kann einem mehr auf die Sprünge helfen, als andere, die in der gleichen Situation sind. Und hier ist die Kirche gefordert, die Türen weit offen zu halten.

scj.de: Welche Bedeutung haben dabei die Orden?

Eberl: Orden, das sind ja Gemeinschaften – wie auch die Familien. In einer Ordensgemeinschaft leben verschiedene Charaktere zusammen, wie in der Familie auch. Und genauso wie man sich hier mag, genauso wird hier auch miteinander gestritten. Wenn ein Ordensmensch dann zum Thema Versöhnung predigt, ist das sehr authentisch, er weiß wovon er redet! Dieses gemeinschaftliche Leben ist ein Schatz. Denn eine Ordensgemeinschaft kennt die Situation: wenn der Kühlschrank leer ist, dann muss einer einkaufen gehen, auch wenn er jetzt eigentlich gar nicht mit Einkaufen dran ist. Zudem: In einer Ordensgemeinschaft kommen auch verschiedene Kompetenzen zusammen…

scj.de: …Denn jeder der Patres hat unterschiedliche Aufgaben in der Kommunität...

Eberl: Ja, und dann sitzen alle beim Abendessen, erzählen von ihrem Alltag in der Seelsorge und hören einander zu. Das weitet den Blick ungemein! Und das kommt auch der Familienseelsorge zugute. Der geöffnete Blick lässt sie genauer hinschauen, was Familien brauchen, worüber sie sich freuen, was ihre Sorgen sind. Im Berliner Herz-Jesu-Kloster gab es mal eine Andacht für Familien mit ihren Haustieren. Manche fragen sich sicherlich, was soll das denn? Ich sage: total gut. Das sind kleine Punkte, denn die Gemeinschaft bekommt mit, dass auch der Hund oder Kanarienvogel für die Familie wichtig ist. Damit dockt Kirche an die Lebenswelt von Familien an. Und das ist ein wunderbares Geschenk. 

Gottesdienste

Alle Messfeiern in den Häusern der Dehonianer