Montag, der 27. März 2017
SCJ Aktuell 06. September 2015 | Offener Brief
P. Heiner Wilmer SCJ, Generaloberer der Herz-Jesu-Priester. Foto: scj.de

Dokumentation

Offener Brief des Generaloberen

Rev. Dr. Philip A. Cunningham

International Council of Christians and Jews Martin Buber House

P.O. Box 11 29

D – 64646 Heppenheim


Rom, den 25. Juni 2015


Offener Brief 

Sehr geehrter Professor Philip A. Cunningham,

in Ihrer Funktion als Präsident des Internationalen Rates der Christen und Juden (ICCJ) darf ich mich gerade jetzt an Sie wenden, da Sie in Rom den Kongress veranstalten mit dem Thema „Der 50. Jahrestag von Nostra Aetate: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Christlich-Jüdischen Beziehungen“. Es wird dabei nicht nur an ein wichtiges Ereignis innerhalb der Jüdisch-Christlichen Beziehungen erinnert, sondern zeigt auch Ihr Bestreben, Protagonisten für eine erneuerte Verbundenheit zwischen Christen und Juden zu sein.

Mit großer Aufmerksamkeit, aber auch mit Betroffenheit haben wir die mediale Berichterstattung nach der Audienz verfolgt, die der Heilige Vater den Teilnehmern des Generalkapitels der Herz-Jesu-Priester (Dehonianer) am 5. Juni gewährte.

Von Beginn an hat unsere Kongregation die Vorwürfe antisemitischer Äußerungen unseres Gründers sehr ernst genommen. Unser Bestreben war, diese Äußerungen in ihrem historischen Kontext zu verstehen. Im Lauf der Jahrhunderte hatte der Antisemitismus viele Gesichter. Dies gilt auch für den katholischen Antisemitismus des 19. Jahrhunderts in Frankreich. Die Katholische Kirche tat sich sehr schwer, der Moderne zu begegnen. Diese immensen Schwierigkeiten wurden leider, um die Worte David Nirenbergs zu zitieren, „in jüdische Begriffe“ gekleidet – auch durch unseren Gründer León Dehon1. Bei unseren Bemühungen, diese Haltung zu verstehen, stellte die Kongregation nicht nur alle Original-Quellen online (www.dehondocs.it), sondern organisierte 2007 in Paris ein Kolloquium zum Thema „Sozialer Katholizismus und jüdische Frage – Der Fall Léon Dehon (1843-1925)“. Die Beiträge wurden 2009 veröffentlicht.2

Als eine von Léon Dehon gegründete Ordensgemeinschaft geht es uns nicht allein um das Verständnis seiner antisemitischen Äußerungen. Wir stehen vor der Herausforderung, diesen Aspekt seiner sozialen Schriften in das Gesamtbild unseres Gründers einfließen zu lassen. Weder in seinen zahlreichen geistlichen Schriften noch in seiner mehr als 4.000 Dokumente zählenden Korrespondenz finden wir nicht den Hauch der Vorurteile, die in seinen sozio- politischen Schriften zu lesen sind. 

Dehon inspirierte im Lauf der Zeit Tausende von Menschen zu einer christlichen Spiritualität von Liebe, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit. Er inspirierte zu Beginn der 1930er Jahre Mitbrüder, ihre Stimme angesichts eines drohenden Nazi-Regimes zu erheben. Er inspirierte Mitbrüder, die ihren Einsatz für den Weltfrieden mit dem Tod in den Gaskammern der Nazis bezahlten. Er inspirierte Mitbrüder wie P. Middendorf, der während der Nazi-Herrschaft viele Juden in einem unserer Klöster versteckte und der dafür vom Israelischen Staat in Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt wird.

Was Generationen von Mitbrüdern und anderen Männern und Frauen an Dehon geschätzt haben und was wir auch heute noch an ihm schätzen, hat nichts zu tun mit seinen negativen Aussagen gegen Juden. Dennoch ist uns klar: Dehon ist für uns nicht nur ein Vorbild, sondern auch Teil menschlichen Versagens.

Wir haben uns nicht damit begnügt, Dehons Äußerungen rein historisch zu verstehen. In Frankreich haben die Diözese Soissons und unsere dehonianischen Mitbrüder bereits „demütig unsere jüdischen Geschwister um Vergebung gebeten“. Wenn wir die Last seiner Schuld tragen, werden wir Wege finden, dies auszusprechen.

Die Seligsprechung P. Dehons liegt einzig und allein in der Zuständigkeit des Heiligen Vaters. Was der Papst während einer spontanen Rede unter Brüdern zu uns sagte, sollte nicht überinterpretiert werden.

Geehrter Professor Cunningham, wie Sie sehen, beschäftigt uns dieses Thema sehr. Nicht nur, weil wir ein verzerrtes Bild unseres Gründers in der öffentlichen Wahrnehmung erkennen. Was uns vor allem umtreibt ist die Notwendigkeit, seine antisemitischen Äußerungen zu verstehen und dazu ein Verhältnis zu bekommen. Es macht uns betroffen, dass Léon Dehon ein Teil jenes menschlichen Versagens in der Geschichte ist, für dessen Überwindung Sie und die dem ICCJ angehörenden Gruppen sich seit vielen Jahren einsetzen. Dafür sind wir Ihnen sehr dankbar und wünschen Ihnen einen fruchtbaren Kongress.

Falls Sie im Verlauf Ihrer Zusammenkunft ein Verlesen dieses Briefes vor Ihren Teilnehmern in Erwägung ziehen würden, wären wir sehr erfreut.

P. Heiner Wilmer SCJ Generaloberer der Herz-Jesu-Priester


(1) David Nirenberg, Anti-Judaismus. Eine andere Geschichte des westlichen Denkens, München 2015

(2) Yves Ledure (Hrg.), Catholicisme social et question juive – La cas Léon Dehon (1843-1925), Paris 2009. 

Das Original-PDF des Briefes finden Sie HIER

Ordensgründer Léon Dehon. @ scj.de

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