Montag, der 27. März 2017
SCJ Aktuell am 9. November 2014 | Klinikseelsorge
Pater Christoph Kübler SCJ von der Klinik St. Hedwig in Berlin. Foto: scj.de

"In schweren Momenten sind Worte oft nicht das Richtige"  

Morgendliche Grundpflege, Untersuchungen, Visite – der Alltag im Krankenhaus ist stressig. Dem Pflegepersonal bleibt meist wenig Zeit, sich mit den Patienten zu unterhalten, auf ihre Sorgen und Ängste einzugehen. Pater Christoph Kübler SCJ arbeitet in der katholischen Klinik St. Hedwig in Berlin als Klinikseelsorger und tut das, was neben der guten medizinischen Versorgung notwendig ist: Er hört zu, tröstet, ist einfach da. 

Pater Christoph Kübler SCJ, wie kam es dazu, dass sie in der Kinikseelsorge tätig sind?

 

Ich wurde von unserem Provinzial gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, in der Klinikseelsorge in Berlin zu arbeiten. Ich habe dies damals bejaht und seitdem widme ich mich den Patienten in der Hedwigsklinik.

 

Oft steht man schwer erkrankten Personen hilflos gegenüber. Man würde ihnen gerne helfen, weiß aber nicht so recht, wie. Wie gehen Sie mit solchen Situationen um?

 

Viele glauben, in solchen Situationen irgendetwas sagen zu müssen. Meine Erfahrung ist eine andere. In schweren Momenten sind Worte oft nicht das Richtige. Manchmal ist gerade dann viel wichtiger, einfach zuzuhören, da zu sein, die Hand des Betroffenen zu halten.

Ich habe festgestellt, dass vielen Menschen in Extremsituationen Rituale helfen. Das schöne ist, dass man auf sie gerade dann zurückgreifen kann, wenn jedes Wort versagt,wenn man nur noch schweigen kann angesichts des Leidens. Auch Gebete, wie beispielsweise die Psalmen, können sehr hilfreich sein. Psalm 23: „Der Herr ist mein Hirte“ oder auch die sogenannten „Klagepsalmen“. Natürlich ist das sehr situationsabhängig. Man darf aber ruhig den Mut aufbringen, mit dem Betroffenen einfach zu schweigen.

 

Welche Rituale greifen Sie in solchen Momenten auf?

 

Zum einen natürlich die Krankensalbung. Sie ist hier in Berlin zwar weniger angefragt, hin und wieder kommt es aber doch auch vor. Wir haben in Berlin viele konfessionslose Krankenschwestern und -pfleger, aber sie begreifen die Krankensalbung als Zeichenhandlung. Sie wird von den Menschen, vor allem aber von den Kranken, als etwas Tröstendes verstanden. Man verwendet dabei kostbares Öl, mit dem man dem Kranken Stirn und Hände salbt. Diese Salbung hat fast etwas Pflegerisches. Der Patient spürt, dass sich jemand um ihm kümmert. Ist keine Krankensalbung möglich, weil beispielsweise die Person nicht getauft ist, dann lege ich ihr, sofern sie es wünscht, die Hand auf und spende ihr einen Segen. Ich lade sie ein, mit mir und den Angehörigen, die vielleicht da sind, gemeinsam zu beten. Für viele ist dies zwar zunächst etwas ungewohnt, aber dann, wenn sie sich darauf einlassen, eine gute Erfahrung.

Was die meisten Patienten kennen und ihnen vertraut ist, ist das Anzünden von Kerzen in ihren Anliegen. Wir haben hier in der Klinik eine Kapelle mit einem Muttergottesbild, vor der das möglich ist. Wenn es sich ergibt, frage ich die Patienten: „Sollen wir gemeinsam in die Kapelle gehen, um dort eine Kerze anzuzünden?“ Viele nehmen dieses Angebot dankbar an, oder ich zünde stellvertretend für sie eine Kerze an.

 

Sie sind als Klinikseelsorger in Berlin tätig, einer Stadt, in der viele nicht an Gott glauben. Welche Auswirkungen hat das auf Ihre Tätigkeit?

 

Die Situation ist in der Tat nicht ganz einfach. Es gibt vergleichsweise wenige Katholiken in Berlin und einen Zugang zu konfessionslosen Patienten zu bekommen, ist oft schwer. Kommt man als Vertreter der Kirche zu ihnen, wird man häufig abgelehnt. Die Gesellschaft Berlins ist durch und durch säkular. Erschwerend kommt hinzu, dass die Kirche bei vielen Personen kein besonders gutes Image hat. Die Klinik St. Hedwig liegt im Ostteil Berlins, also in der ehemaligen DDR, wenn man das nun 25 Jahre nach dem Mauerfall überhaupt noch so sagen kann. Aber vielen älteren Menschen ist die Zeit der DDR einfach noch präsent, weil es eine schwere und prägende Zeit war. Eine Zeit, in der eine klare antikirchliche und antiklerikale Einstellung vorherrschend war. Das macht die Situation nicht leicht.

 

Wie kommt der Kontakt zwischen Ihnen und den Patienten zustande?

 

Zum einen gibt es sogenannte „Konfessionslisten“, anhand derer ich die wenigen Katholiken, die da sind, besuche. Zum anderen gehe ich auf die einzelnen Stationen und frage die Schwestern, wer sich vielleicht über einen Besuch freuen würde. Sie geben mir dann oft einen Tipp und sagen: „Geh doch mal dahin“. In seltenen Fällen rufen mich die Ärzte oder Schwestern mit der Bitte: „Komm auf unsere Station, wir haben ein Problem“.

Einfach von Zimmer zu Zimmer gehen, ist nicht gewünscht. Daran halte sowohl ich mich, als auch die zwei Ordensschwestern und die zwei evangelischen Mitarbeiterinnen, die in der Klinikseelsorge hier tätig sind. Wir gehen in der Regel nicht einfach mal aufs Geratewohl los, sondern besuchen die Patienten nach Absprache.

 

In Zusammenhang mit Krankheit und Leid stellen viele die Frage: „Wenn es Gott gibt, warum lässt er das zu?“ Welche Antwort haben Sie auf diese Frage?

 

Ganz oft sage ich ehrlich, dass ich auch keine Antwort auf die Frage nach dem „Warum“ habe. St. Hedwig ist ein katholisches Krankenhaus und in jedem Zimmer hängt ein Kreuz, meistens auch mit Korpus. Ich verweise auf das Kreuz und sage dem Patienten, dass unser christlicher Gott auch im Leid da ist. Er selbst hat gelitten. Er selbst ist in den Tod gegangen, um in dieser Stunde bei uns sein zu können. Auch die Muttergottes ist oft eine Hilfe, gerade für Katholiken. Sie hat ja selbst ihren toten Sohn im Arm halten müssen. Sie weiß, wie sich das anfühlt und steht uns zur Seite.

 

Wie gelingt es Ihnen, zu ihrer Arbeit und dem Leid, das jeden Tag an Sie herangetragen wird, wieder Abstand zu gewinnen?

 

Indem ich es mit ins Gebet und in die Hl. Messe nehme. Das Zwiegespräch mit Gott ist existenziell. Er ist der Heiland. Ich als Mensch komme oft an meine Grenzen, aber er kann wirken. Ich darf ihm all die Menschen übergeben und anvertrauen. Bei ihm sind sie in den besten Händen.

Neben dem geistlichen Ausgleich ist es natürlich auch wichtig, noch einen anderen Ausgleich zur Arbeit zu haben. Hier in Berlin gibt es ein sehr großes kulturelles Angebot. Ich versuche hin und wieder neben dem Gebet auch etwas anderes Schönes für meine Seele zu tun, einen Theaterbesuch, einen Abend im Kino, einen Nachmittag im Museum oder einen ausgiebigen Spaziergang an der frischen Luft in einem Berliner Park.

Interview: Regina Maria Schwarz; Redaktion: Peter Hummel

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