Montag, der 27. März 2017
SCJ aktuell am 14. März 2014 | Pater Heiner Wilmer über Papst Franziskus
Und bitte schön freundlich: Franziskus macht ein Selfie mit Jugendlichen im Petersdom. Foto: Generation Franziskus

„Starke Perspektive“

Pater Heiner Wilmer, Provinzial der deutschen Ordensprovinz der Herz-Jesu-Priester, über ein Jahr Papst Franziskus, was ihn am Papst fasziniert und den Familiengeist einer Ordensgemeinschaft. 
 

Pater Wilmer, Papst Franziskus ist seit einem Jahr Oberhirte der katholischen Kirche. Wie haben Sie damals, vor einem Jahr, diese Nachricht verfolgt?

Ich saß mehr oder weniger zufällig mit Mitbrüdern abends vor dem Fernseher und schaute mir die 19-Uhr-Nachrichten an, obwohl ich das überhaupt nicht regelmäßig tue, aber an dem Abend schon. Etwa um 19:07 Uhr wurden die Nachrichten unterbrochen und der Nachrichtensprecher sagte: „Wir schalten nun nach Rom, dort steigt gerade weißer Rauch auf!“ Und dann haben wir da gesessen und gewartet. Es dauerte vom Ende des Konklaves bis zum Erscheinen des Papstes noch ganze 45 Minuten und wir haben gewartet und gewartet. Dann erschien ein Mann in Weiß, den ich zuvor noch nie gesehen hatte und auch der Name, der genannt wurde, sagte mir nichts. Ich fand es aber auf Anhieb gut, dass er aus Lateinamerika stammte. 
 

Was war am späteren Abend Ihr erster Gedanke? 

Mich hat sehr in den Bann gezogen, dass er einfach „Buona sera“ gesagt hat, „Guten Abend“. Ganz schlicht, vielleicht sogar ein bisschen schüchtern, ruhig und bedächtig und vor allem sehr menschlich und warmherzig. Das fiel mir sofort auf. Und dann wünschte er allen eine gute Nacht. Das fand ich sehr entwaffnend. 
 

Was macht für Sie heute, ein Jahr nach dem Konklave, Papst Franziskus zu einem besonderen Papst?

Was mich sehr verblüfft, ist der Umstand, dass er noch kein Dekret erlassen hat. Er hat bisher keine Reformen besiegelt und bestätigt. Allein durch sein Wirken, sein Tun, durch seine vielen Symbole und Zeichen, und die Art und Weise, wie er sich bewegt und auf Menschen zugeht, hat er die 1,2 Milliarden Christen auf der ganzen Welt so in den Bann gezogen, dass sie sich bewegen. Ich sehe das in unserer Provinz in Deutschland und auch in der Ordensgemeinschaft der Herz-Jesu-Priester weltweit: Wir haben im Jahr 2015 das neue Generalkapitel anstehen, das den Titel trägt „Barmherzig in Gemeinschaft mit den Armen“. Dieses erste Schlüsselwort, das Adjektiv „barmherzig“, haben wir Papst Franziskus zu verdanken. Es ist bekannt, dass „Barmherzigkeit“ bei ihm sooft auftaucht, wie kaum ein anders Wort. Und es ist interessant: Obwohl er noch nichts erlassen hat, bewegt sich doch vieles – in unserer Ordensgemeinschaft und in der Weltkirche. Das finde ich sehr faszinierend. Ein Zweites, das mich fasziniert, ist, dass bei ihm das Menschliche vor dem Religiösen kommt. Das „humanum“ vor dem „religiosum“. Er betont den Menschen und sagt: „Geht auf den anderen zu und fragt nicht zuerst: Glaubst Du, wie lebst Du moralisch, wie bist Du verwurzelt in der Kirche?“ Das sieht man zum Beispiel bei seinem Umgang mit dem Gründer der linksgerichteten, eher antiklerikalen italienischen Zeitung „La Repubblica“. Der Mann ist ein bekennender Atheist, der dem Papst im letzten Juli einen Brief geschrieben hatte und der Heilige Vater hat ihm geantwortet und ist mit ihm in einen Dialog getreten. Er hat ihn eingeladen zum Abendessen, obwohl klar war, dass er Atheist ist. Das finde ich wunderbar. Dass er auch körperlich auf Menschen zugeht, dass er keine Angst hat vor Nähe, vor Berührung, vor Kontakt, vor Umarmungen. Und er reagiert auch persönlich, durch Briefe und Telefonate – das finde ich  stark. 
 

Papst Franziskus ist immer wieder für Überraschungen gut. Womit hat er Sie denn bisher am meisten überrascht?

Überrascht hat er mich dadurch, dass er persönlich Leute anruft, ihnen persönlich schreibt. Und auch, dass er in seinem Rundschreiben „Evangelii gaudium“ in sehr bildhafter Sprache eine starke Perspektive vorgibt, wenn er zu Beginn seines Apostolischen Schreibens sagt: „Mir ist eine zerbeulte Kirche, die auf die Straße geht, die sich schmutzig macht, die sich einmischt, lieber, als eine Kirche, die ihre Strukturen achtet und sauber bleibt.“ Es sei also besser, Dinge zu riskieren, als aus Furcht vor Fehlern sich einzuschließen. Und er hat Carlo Martini, der im August 2012 verstarb, wörtlich in seinem geistlichen Testament übernommen. Der frühere Mailänder Kardinal hat fast mit denselben Worten das Gleiche gesagt, nämlich, dass die Türen der Sakramente nicht aus irgendeinem beliebigen Grund geschlossen werden dürfen. Und er betonte weiter: „Die Eucharistie ist nicht eine Belohnung für die Vollkommenen, sondern ein großzügiges Heilmittel und eine Nahrung für die Schwachen.“ Außerdem: „Die Kirche ist keine Zollstation, sie ist das Vaterhaus, in dem Platz ist für jeden mit seinem mühevollen Leben.“ Das finde ich persönlich eine unheimlich starke Perspektive, die die Richtung vorgibt. Wie das dann konkret herunter gebrochen wird, sei es in der pastoralen Praxis, sei es in der Verkündigung, sei es im Kirchenrecht, das ist ein anderes Thema. Da wird sich sicher was tun. Aber ich finde es wunderbar, dass er die Perspektive vorgibt: Die Kirche ist offen und ist für alle Menschen da – sie ist kein elitärer Club.
 

Papst Franziskus ist Ordensmann. Hat das für Sie als Ordensmann eine besondere Bedeutung? Gibt es da eine besondere Verbindung?

Ja. Ordensleute sind es ja gewohnt, in einer Gemeinschaft zu leben. Das ist schon etwas anderes, als alleine zu leben - gerade als Zölibatärer. Darüber hinaus sind Ordensleute es gewohnt, generationenübergreifend zu leben, dass also jetzt die aktive Generation, also mein Alter, sich darum kümmert, die nachwachsende Generation zu versorgen, finanziell und wirtschaftlich zu tragen. Ebenso die Altgewordenen, die krank und gebrechlich sind und nicht mehr arbeiten können. Wie in einer Familie. In einer Ordensgemeinschaft steckt ein starker Familiengeist. Und diesen Familiengeist spüre ich auch bei Papst Franziskus. Er hat einen Sinn für Familie, für Gemeinschaft, für ein Beziehungsgeflecht, das den einzelnen trägt und das Leben reich macht.
 
Interview: Peter Hummel, Redaktion: Regina Maria Schwarz

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