Montag, der 27. März 2017
Der neue Generalobere | Pater Heiner Wilmer SCJ über Ziele und Herausforderungen
Pater Heiner Wilmer SCJ, der neue Generalobere der Herz-Jesu-Priester (Foto: SCJ)
Pater Heiner Wilmer SCJ, der neue Generalobere der Herz-Jesu-Priester (Foto: SCJ)

"Wir müssen an die Ränder, dort liegen unsere Aufgaben!"

Pater Heiner Wilmer SCJ ist seit kurzem der neue Generalobere der Herz-Jesu-Priester. Im Gespräch blickt er zurück auf seine Zeit als Provinzial in Deutschland und voraus auf die Herausforderungen und Ziele als Leiter der weltweiten Gemeinschaft


scj.de: Sie sind vor etwa einer Woche zum neuen Generaloberen gewählt worden: Wie fühlen Sie sich in diesen Tagen, wie fühlt sich die Situation für Sie an?
Pater General Heiner Wilmer SCJ:
Gemischt, spannend, sehr spannend. Vor der Wahl hatte ich einige kurze Nächte, weil ich am Freitag zuvor bei der Strohwahl realisiert habe, dass ich sehr viele Stimmen erhalten hatte – da wurde mir schon etwas anders. Am Samstag und am Sonntag sind mir dann viele Dinge durch den Kopf gegangen. Ich wollte etwas schreiben, etwas lesen, aber ich war zu nichts zu gebrauchen. Dann kam die Wahl …(Pause, atmet tief ein) Ein dichter Moment. Sehr bewegend. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass mir gleich beim ersten Wahlgang so viele Mitbrüder das Vertrauen aussprechen würden. Dieser Vertrauensbeweis hat mich sehr berührt.

?: Es wurden ja nicht nur Sie gewählt, sondern auch die gesamte Generalleitung …
!:
… und das war etwas, was mir direkt nach der Wahl gleich wieder unruhige Momente bereitet hat und mich hat fragen lassen: Wer wird mit mir unterwegs sein? Der gewählte Generalobere kann seine Weggefährten ja nicht einfach bestimmen, und so war ich unglaublich gespannt, wen man mir an die Seite geben würde. Dass es geeignete Leute sein würden, war klar. Aber man muss sich auch verstehen und vor allem: Die Leute müssen sich untereinander verstehen. Als Schulleiter in Handrup und jetzt auch als Provinzial habe ich gesehen, dass der Leiter ohne sein Team gar nichts ausrichten kann. In der Gruppe muss es stimmen. Und das tut es. Ich habe deshalb ein sehr gutes Gefühl und bin dankbar gegenüber meinen Mitbrüdern und Gott. Ich freue mich, dass ich mit diesen Leuten in einer Leitung sein kann und gemeinsam mit ihnen Verantwortung übernehmen darf.

?: Was bedeutet es, dass mit Ihnen und Pater Stefan Tertünte SCJ gleich zwei Deutsche Schlüsselpositionen besetzen, wo die Kongregation doch immer internationaler und weniger europäisch wird?
!:
Dass Pater Stefan und ich Deutsche sind, das würde ich nicht überbewerten. Ich glaube, es ist ein Zufall, dass nun wir beide hier sind. Meine Wahl hängt wohl eher damit zusammen, dass ich der dienstälteste Provinzial in Europa war und dass ich mehrmals für das deutsch-brasilianische Projekt Brasilien besucht habe, wo einfach sehr viele Mitbrüder leben, und auch in Polen wiederholt war, ebenfalls eine große Provinz. Insofern kannte man mich, und es ist Vertrauen entstanden. Meine Nationalität hat bei all dem keine Rolle gespielt.

"Wir können nicht einfach sagen: Okay, good old Europe, das war’s eben. Das werde ich auch nicht zulassen"

Pater Heiner Wilmer SCJ (2.v.l.) mit Pater Horst Steppkes SCJ, dem neuen Generalrat Pater Léopold Mfouakouet SCJ und dem früheren Generaloberen Pater Antonio Panteghini SCJ (v.l.)
Pater Heiner Wilmer SCJ (2.v.l.) mit Pater Horst Steppkes SCJ, dem neuen Generalrat Pater Léopold Mfouakouet SCJ und dem früheren Generaloberen Pater Antonio Panteghini SCJ (v.l.)

?: Welches sind die Herausforderungen, vor denen die Kongregation und Sie stehen?
!:
Zunächst einmal die gute Nachricht vorweg: Die Kongregation ist stabil! Seit Jahren schon, auch was die Mitbrüderzahlen angeht. Dennoch stellt sich die Frage, wie wir damit umgehen, dass wir in Europa und Nordamerika weniger werden, während wir in Afrika, Asien und auch Lateinamerika wachsen. Schließlich sind wir eine französisch gegründete Kongregation, und wir brauchen den Ursprung zu unseren Quellen, die Verbindung zu dem, was eine entscheidende Grundlage unserer Gemeinschaft ist. Wir können nicht einfach sagen: Okay, good old Europe, das war’s eben. Das kann es nicht sein, das werde ich auch nicht zulassen und mich dafür einsetzen, dass wir dieser Herausforderung gerecht werden.

?: Aber diese Herausforderung ist ja nicht nur eine numerische.
!:
Richtig. Es muss uns auch gelingen oder noch besser gelingen, das soziale Engagement Pater Dehons und seine spezielle Sicht auf das Evangelium mit Blick auf den Menschen auf Kontinente und Kulturen zu übertragen, die nicht abendländisch geprägt sind. Dabei geht es weniger um Lateinamerika, das liegt nicht zuletzt dank der starken Prägung durch europäische Auswanderer kulturell näher. Aber wenn dieses „Übertragen“ nicht einfach ein dominantes Überstülpen und dennoch effektiv sein soll, wenn wir die kulturellen Gegebenheiten wie zum Beispiel ein anderes Menschen- und manchmal auch Gottesbild wertschätzen und annehmen wollen, dann müssen wir kreativ und sehr engagiert sein.

?: Wie kann das aussehen?
!:
Das hängt eng zusammen mit einer weiteren Herausforderung, nämlich der, dass wir als Ordensgemeinschaft noch stärker an die Peripherie, wie es der Papst ausdrückt, gehen sollen, so wie es ja auch unser Gründer gewollt hat. Wir müssen an die Ränder, dort liegen unsere Aufgaben! Es ist schön zu sehen und zu lesen, wenn der Papst in seinem Apostolischen Schreiben „Evangelii Gaudium“ sagt: „Brechen wir auf, gehen wir hinaus, um allen das Leben Jesu Christi anzubieten!“ Und weiter sagt er: „Mir ist eine ,verbeulte‘ Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist.“ Das erinnert mich fast wörtlich an Pater Dehon! Wir müssen einerseits hier in Europa unseren Weg und Platz in einer zunehmend säkularisierten Welt finden, die Italiener nennen das „Progetto d’Europa“. Und andererseits müssen wir Antworten auf die Anforderungen der globalisierten Welt suchen und auf die Frage, wie Menschen unterschiedlicher Religion, Kultur, Sprache und Herkunft zusammenarbeiten und einen gemeinsamen Weg gehen können.

"Es muss noch klarer werden, dass wir nicht einfach zu den Armen aufbrechen und etwas bringen – ein Paket Barmherzigkeit sozusagen"


?: Mit Peripherie ist aber nicht nur die örtliche Peripherie gemeint. Es geht auch um eine existenzielle oder spirituelle Peripherie.
!:
Genau. Ein nordamerikanischer Mitbruder hat in diesen Tagen in einer Fürbitte dafür gebetet, dass wir zu denen gehen, die „geistig, körperlich und spirituell arm sind“. Das trifft es sehr gut. Es gibt materielle, psychische und spirituelle Armut, und der müssen wir uns stellen, dort müssen wir das umsetzen, was das Konzept der Barmherzigkeit verlangt. Was mir ganz wichtig ist: Wir brauchen dafür auch eine innere Konversion. Es muss noch klarer werden, dass wir nicht einfach zu den Armen aufbrechen und etwas bringen wie ein Paket, ein Paket Barmherzigkeit sozusagen. Die Barmherzigkeit hat ihre eigene Dynamik. Ich muss zunächst, um barmherzig sein zu können, meine eigene Armut, meine eigene Bedürftigkeit erkennen und anerkennen. Dann muss ich sehen, wo das Leben mir gegenüber gut ist, wo Gott mild ist, wo andere Menschen barmherzig waren. Dabei kommt mir das Bild von Franz von Assisi in den Sinn. Er ist ja auch nicht einfach aufgebrochen und zu den Menschen gegangen, sondern er umarmt auf einem Gemälde das berühmte Kreuz von San Damiano, vor dem er den Auftrag erhielt, die Kirche wiederaufzubauen. Und so müssen auch wir aus einer Nähe zu Christus heraus handeln, denn nur aus dieser mystischen Verbindung heraus können wir politisch werden und wirken.

?: Das sind sehr viele Herausforderungen. Wie werden Sie sie angehen?
!:
Im Team. Und methodisch gesehen: Durch hören, hören und noch einmal hören. Im wörtlichen Sinne des Zuhörens. Aber auch im Sinne Samuels, der um ein „hörendes Herz“ bittet und glaubt, dass dann alles andere dazugegeben wird.

Pater Heiner Wilmer SCJ freut sich auf seine Arbeit in Rom
Pater Heiner Wilmer SCJ freut sich auf seine Arbeit in Rom

?: Wir haben bislang darüber gesprochen, was Sie erwartet und was Sie erwarten. Man spürt, wie Sie nach vorne blicken. Dennoch ein kurzer Blick zurück auf Ihre Zeit als Provinzial der deutschen Provinz: Was ist das für ein Blick, was sehen Sie?
!:
Es ist ein Blick mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Ich freue mich auf die Herausforderungen, ich freue mich auf meine neuen Mitbrüder, mit denen ich zusammenleben werde, ich freue mich darauf, noch besser die weltweite Gemeinschaft der Herz-Jesu-Priester kennenzulernen. Das sieht das lachende Auge. Das weinende Auge sieht, dass ich mich sehr wohl gefühlt habe in Deutschland, dass ich jetzt weiter weg bin von Mitbrüdern, die mir nahe sind, weiter weg von Familie und Freunden. Aber ich habe durchaus vor, mit den Menschen, die mir wichtig sind, weiter in sehr enger Verbindung zu bleiben.

?: Wie hat Sie Ihre Zeit als Provinzial geprägt?
!:
Ich habe viel gelernt. Die Zeit als Schulleiter in Handrup war schon eine gute Schule für mich und die Arbeit im Provinzialat eine weitere gute. Der Weg zu unserer neuen Niederlassung in Berlin beispielsweise war ein sehr langer, aber zugleich auch ein sehr kommunikativer und kooperativer Prozess, bei dem ich viel über die Absprache mit anderen Provinzen und Einrichtungen sowie die Absprache innerhalb unserer Provinz gelernt habe. Es haben ja nicht alle sofort gejubelt, als es hieß: Auf nach Berlin! Viele haben auch gefragt: „Muss das sein? Wir werden doch eh schon weniger, müssen wir da noch eine neue Kommunität aufmachen?“ Doch es war richtig, Mut zu haben, einen Neuanfang zu starten und im wahrsten Sinne des Wortes Neuland zu betreten. Wir sind in ein Ballungszentrum gegangen und haben zum ersten Mal in Europa eine Niederlassung gegründet, die von Anfang an international war, mit einem Leiter, der nicht in Deutschland geboren wurde. Über diese Entscheidung bin ich jetzt sehr froh, und ich bin allen meinen beteiligten Mitbrüdern dankbar, dass es uns gemeinsam gelungen ist, dieses Projekt auf den Weg zu bringen.

"Ich will schauen, dass andere zusammen ins Spiel kommen"


?: Wie sehen Sie denn vor diesem Hintergrund die Zukunft der deutschen Provinz?
!:
Wir haben vor vier Jahren einen „Provinzentwicklungsplan 2016“ auf die Beine gestellt, um das Profil unserer Provinz zu schärfen. Wir wollten uns klarer darüber werden, was unsere Themen sein sollen und was Menschen sehen, wenn sie an uns denken, welche Assoziationen und Bilder sie im Kopf haben, gerade, wenn sie zum Beispiel Herz-Jesu-Priester werden wollen. Wir wollen als Seelsorger auf dem Weg sein und mit einem attraktiven Tun in der Welt wirken – und da glaube ich, dass die deutsche Provinz auf einem guten Weg ist.

?: Sie haben betont, dass Sie im Team gearbeitet haben und daran auch als Generaloberer nichts ändern wollen. Wie sehen Sie Ihre Rolle im Team?
!:
Als Mitglied und Leiter einer Gruppe. Die Italiener sprechen ja von „squadra“, von Mannschaft. Das trifft es ganz gut.

?: Sind Sie dann mehr Trainer oder Kapitän?
!:
(lacht) Hoffentlich auf jeden Fall ein Spielmacher. Ich will schauen, dass andere zusammen ins Spiel kommen. Ich will versuchen zu ermöglichen, dass wir kommunizieren, dass wir gemeinsam in Verbindung sind. Gespräche, und zwar direkte Gespräche vor Ort, sind deshalb sehr wichtig für mich. Ich will da sein, wenn es Ideen gibt, und ich will auch dann da sein, wenn es Konflikte gibt. Und: Man sagt ja, ein Spielmacher müsse die Übersicht behalten. Das ist ebenfalls ein Ziel von mir. Ich will auch nach außen und auf andere schauen und sehen, was die machen und was wir davon lernen können. Seien es andere Ordensgemeinschaften, seien es kirchliche Gruppen, seien es Menschen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Gemeinschaften und Situationen.

?: Was werden Sie an Deutschland vermissen?
!:
Das 5 Minuten und 15 Sekunden gekochte Frühstücksei.  

?: Und was werden Sie nicht vermissen?
!:
Deutsche Bürokratie. Und unsere manchmal zu sehr verbeamtete Kirche und Ordensgemeinschaften. Wir organisieren uns manchmal zu Tode und erliegen unseren Plänen.

?: Wie meinen Sie das?
!:
Wir wollen alles regeln, weil wir manchmal zu ängstlich sind. Ich freue mich jetzt auf Frische und auf Aufbruch.

Pater Heiner Wilmer SCJ während der Messe zu seiner Amtseinführung
Pater Heiner Wilmer SCJ während der Messe zu seiner Amtseinführung

?: Zwei Orte in Ihrer neuen Heimat Rom, die bezeichnend sind für die Weise, wie Sie an Ihr neues Amt herangehen werden.
!:
Einer ist nicht in Rom, sondern in Assisi: San Damiano, mit dem schon angesprochenen Kreuz. Es liegt abseits der Hauptkirche, es ist still, man hört die Vögel und die Natur, man ist oft allein in der Kirche. Der zweite Ort ist jetzt wirklich in Rom und zwar die Gemeinschaft von Sant’Egidio in Santa Maria Trastevere, mitten im Leben, Schulter an Schulter mit den Menschen, aktiv und sich einmischend. Wir weinen und lachen miteinander, und das finde ich in Sant’Egidio wunderbar. Diese beiden Orte sind zwei gute Symbole für die Pole, die für mich wichtig sind: auf der einen Seite die abgeschiedene Kirche und auf der anderen die lebendige Piazza.

Interview: Simon Biallowons, André Lorenz

Gottesdienste

Alle Messfeiern in den Häusern der Dehonianer